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Kapitel 1

Denkt an das Schlimmste, was euch je passieren könnte, multipliziert es mal 100 und ihr seid in meiner Welt.

Ich lebe in einer Stadt, in der Schrecken und Tod an der Tagesanordnung stehen. In der Monster nicht nur alptraumartige Gestalten sind. Die wirklich gemeinen sehen sogar recht harmlos aus.

Ich wäre froh, wenn ich sagen könnte, dass meine Stadt die einzige wäre, doch leider ist es auf der gesamten Erde so.

Es fing alles vor 10 Jahren an, wie in einem dieser Computerspiel oder Horrorfilme tauchten plötzlich immer mehr schreckliche Gestalten auf, mit Krallen, statt Nägeln, Reißzähnen und einer Haut, so hart wie Stein. Schattenlose Schrecken, schnell wie das Licht und genauso leise.

Sie wollten nichts böses, sie waren genauso überrascht wie wir. Nur war das den Menschen egal. Panisch kramten sie ihre Waffen raus, griffen die Unbekannten an. Und weil sie sich verteidigten, versank alles im Chaos.

Die meisten Menschen ließen sich von einem Lykantrophen oder Vampiren verwandeln, wandten sich an schwarze Magie oder verkauften ihr Blut und ihre Seele für ein paar Monate Schutz.

Die wenigen anderen weigerten sich. Aber entweder brach man ihren Verstand oder ihren Körper.

Es schien hoffnungslos, dass überhaupt Menschen überlebten.

Da passierte es: Einige von den Mensch, die sich noch so nennen konnten, entwickelten eine Resistenz gegen die Unbekannten. Damit und dem konsequenten Ignorieren des Gewissens, um ebenso grausam zu werden wie die Unbekannten, konnten sie sich verteidigen.

Ich bin eine von ihnen. Im zarten Alter von 10 Jahren, fand ich heraus, dass mein Blut Gift für Vampire ist. Meine Stimme ein unweigerlicher Befehl für alle Gestaltenwandler.

Trotzdem war es zu spät. Ich entdeckte diese Fähigkeiten erst, als die Kreaturen, eine Bande von Werbären und babarischen Mördern, meine Familie ermordet hatte.

Ich brauchte nicht lange, um zu verstehen, was ich anrichten kann und vor allem wie. Und so wuchs ich auf, in einer Umgebung, die kein Kind haben sollte.

Ich wurde ehrbarmungslos. Wenn man mit Teufel befreundet sein will, muss man mit seinen Karten spielen.

Ich bin Ray Dayson und ich lebe.


Ich war mit Brandon in einer Bar. Wir suchten einen Wertiger, für dessen Infos wir ein hübsches Sümmchen bekommen würden. Heutzutage arbeitete fast jeder auf Anfrage. Ob Auftragsmörder oder –dieb, keiner war so kleinlich, ein Jobangebot abzulehnen.

Brandon Tardia war mein Partner. Wir arbeiteten schon sagenumwobene 1 1/2 Jahre zusammen, was in unserer Branche eine Ewigkeit war. Er war ein Werwolf, hatte sich sein Schicksal jedoch nicht selbst ausgesucht. Er war einer derjenigen, die nicht gefragt wurden, sondern einfach verwandelt und machte das Beste draus. Und er war erschreckend gut. Er hörte Sachen, die selbst ein Lykantroph nur schwer erkennen konnte.

Und ich… ich hatte mir auch ein paar Extras angeeignet. Ich war giftig, aber wie das Licht die Motten, zog ich auch Blutsauger und die anderen. an. Mit der Zeit hatte ich allerdings gelernt, meinen betörenden Geruch zu kaschieren. Blöderweise hatte mich dennoch ein Vampir ein bisschen verwandelt. Ich konnte eine richtige Umwandlung verhindern, aber ich bin kein vollwertiger Mensch mehr. Inzwischen kann ich auch darüber hinwegsehen, die Fähigkeiten haben mir schon an manchen Tagen den Arsch gerettet. Und zudem ist mein Angreifer elendig an meinem Blut verstorben.

„Ray.“, schnurrte mein Partner. Für ihn roch ich wie ein Festtagsmenü, da konnte ich noch so viel Parfüm auf mich kippen.

„Ja?“, hauchte ich zurück, mit dem vollen Bewusstsein, ihn zu reizen.

„Er kommt gleich rein, mach dich fertig.“

Ich schaute ihm tief in die Augen. Den Teil meiner Arbeit fing ich an zu hassen.

Sorgenvoll musterte er mich. Fertig machen hieß nichts anderes, als dass ich meinen Pheromonen freien Lauf lassen sollte, damit er zu mir kam. Natürlich wurden so aber alle auf mich aufmerksam. Und Brandon gefiel das ganz und gar nicht.

Wir hatten eine komplizierte Partnerschaft. Eine Beziehung haben wir nie in Betracht gezogen - wir würden nicht mehr vernünftig arbeiten können. Dazu kam noch, dass er, solange ich kein vollwertiger Vampir war, immer das Verlangen haben würde, mich aufzufressen. Dennoch konnte keiner von uns beiden die Spannung zwischen uns ignorieren. Wir versuchten es aber trotzdem.

„Geht klar.“

Normalerweise war ich unter einer stetigen Anspannung, damit ich auch alles kontrollierte. Ein Körper ist das verräterischste was es gab. Er hörte auf Lockrufen von Dämonen oder noch Schlimmer, hetzte einem eine ganze Scharr von Spitzzähnen auf einen. Die Folge war, dass man sich ständig kontrollieren musste. Ohne Pause. Nun lockerte ich aber einen kleinen Teil meiner Verkrampfungen und schätzungsweise 20 Werwesen blickten mich abrupt an.

Ich wandte mich zu Brandon. Seine Augen hatten dieses Funkeln, eine Mischung aus Begehren und Panik. Doch dafür, dass ich ihm so nah war, schlug er sich richtig gut. Er wurde immer besser darin, mich nicht anzufallen.

Ich sonderte mich ab, ging an die Theke, als die Tür aufging. Unser Wertiger, Nicholas Paw, betrat die Bar und wie beabsichtigt bemerkte er mich sofort. Er kam auf mich zu und setzte sich neben mich. Aus dem Augenwinkel heraus sah ich, wie er mich musterte und lächelnd drehte ich mich zu ihm.

„Hey Honey.“, sprach er mich an. Seine Stimme war wie ein Reibeisen. Er war ein Alphatier, eindeutig.

„Hey Großer.“, wisperte ich zurück. Mit einer flinken Handbewegung nahm ich meine langen Haare zur Seite, um meinen Hals zu entblößen. Ein einfacher Trick, damit er sich nach mir verzehrte. In der Beziehung waren die Bleichgesichter und die Lykantrophen gleich.

Zufrieden sah ich, wie er sich die Lippen leckte.

„Kann ich dir einen Drink spendieren?“

Ein Schauer jagte mir über den Körper. In Endeffekt war ich halt doch nur ein Mensch. Anfällig gegenüber der Verführung von allen Schattenwesen.

„Nun, ich bin nicht durstig.“

Jetzt brauchte er nur noch Anbeißen. Der Plan sah es vor, dass er mich zu sich bringen sollte. Brandon würde uns unauffällig folgen. In seiner Wohnung würden wir ihn dann überwältigen und die Papiere klauen, die wir besorgen sollten.

„Wie schade. Und was wäre, wenn ich verspreche, nicht deinen Zustand auszunutzen? Egal, wie betrunken du wirst?“

„Und wenn genau das mein Problem wäre?“

Ich schenkte ihm mein charmantestes Lächeln. Und er reagierte genau, wie ich wollte.

„Dann würde ich die schnell entführen, damit du es dir nicht anders überlegst.“

Bingo!

„Mh.“, schnurrte ich und ließ meinen Vampirteil spielen. „Und wer garantiert mir, dass du mich heil zurückbringst?“

Seine Mundwinkel wanderten nach oben und ein jungenhaftes, verspieltes Glitzern trat in seinen Blick.

„Wann hab ich erwähnt, dass ich dich wieder gehen lasse?“

Ich lachte auf. Es tat mir schon fast Leid, ihn dermaßen zu hintergehen. Er war mir irgendwie sympathisch.

„Oh je. Und wer kümmert sich dann um mein Haustier?“

Überrascht schaute er mich an. Kaum einer hatte heutzutage ein Haustier. Ganz davon abgesehen, dass sie nur eine geringe Überlebenschance hatten, war der Aufwand (robuste Wohnung, ständig Futter) viel zu groß. Man glaubt gar nicht, wie begehrt Hasen bei Werbären waren.

„Okay, du darfst einmal im Monat raus, wenn ich dich begleite.“

Erneut lachte ich auf. „Wenn das so ist…“ Ich glitt vom Barhocker und stellte mich hin. Hungrig lagen die Augenpaare der anderen auf mir. Allein Nicholas hielt sie auf Abstand, was meine Überzeugung, dass er ein Alphatier war, bestätigte.

„Darf ich?“ Er hielt mir meinen Mantel hin, damit ich nur in ihn zu schlüpfen brauchte. Ich musste mich dazu umdrehen, was mir eine perfekte Gelegenheit gab, zu schauen, ob Brian unseren Aufbruch bemerkte.

Er tat es. Sein ganzer Körper strahlte eine gewaltbereitschaft aus, die nur an meinem kleinen Flirt liegen konnte. Auch wenn er wusste, dass ich keine Rücksicht auf ihn nehmen konnte. Zum Glück fügte sich sein mörderischer Gesichtsausdruck in das Gesamtbild ein. Jeder Kerl in der Bar schaute so.

„Wenn du mir deinen Namen verrätst?“

Er grinste breit. Es schien ihn zu freuen, dass ich etwas über ihn wissen wollte.

„Nicholas.“

Keiner nennt so einfach seinen vollen Namen. Die Zeiten, wo Namen Schall und Rauch waren, lagen weit zurück. Jeder schwarze Künstler reißt sich um Namen, um an den Personen seine obskuren Experimente durchzuführen.

„Ich bin Ray.“, sagte ich im Gegenzug. Vornamen konnte man allerdings getrost sagen. Und Nicholas Paw war nur sein Arbeitsname.

Gemächlich gingen wir durch die Straßen. Die Städte sahen fast genauso aus wie früher. Es war erschreckend gewesen, wie schnell man sie zerstört und wieder aufgebaut hatte. Die Häuser waren jetzt stabiler, die Fenster kleiner oder gleich weggelassen, und doch erkannte man kaum die Unterschiede zu vergangenen Zeiten. Oder ich hatte mich schon zu sehr an den Anblick gewöhnt. Die Krallenspuren und Blutflecken an den Wänden konnte man leicht übersehen. Man musste es sich nur als Graffiti vorstellen.

Plötzlich sprang ein Vampir vor uns. Als ich 11 war hatte man mich damit noch erschrecken können. Mit 12 revanchierte ich mich, in dem ich meinerseits den Untoden Angst einflößte.

„Nicht jetzt Ashton.“ Nicholas stöhnte auf.

„Wer ist das?“, fragte ich ihn flüsternd. Werwesen machten eher selten gemeinsame Sache mit Blutsaugern.

„Mein Schwager. Einen Augenblick bitte.“

Ich riss die Augen auf. Ich wusste selbst nicht, ob ich mehr überrascht oder entsetzt war. Seit dem die NT - New Time - angebrochen war, hatte ich nichts mehr von Hochzeiten gehört.

Nicholas redete schnell und bestimmend und nur kurze Zeit später, waren wir wieder unter uns. Ich sprach die Sache nicht an. Jedoch nicht aus taktvollen Gründen, sondern weil ich mir einfach nicht vorstellen konnte, wo noch ein Geistlicher leben sollte und dieser dann auch noch Vermählungen mit Vampiren machte. Die Vorstellung war einfach zu lächerlich.

Wir gingen weiter durch die Straßen. Wie immer war der Himmel stetig von Wolken bedeckt. Schon ewig hatte ich die Sonne nicht mehr gesehen. Oder jemand anderes.

„Was machst du so?“, fragte er mich, um das Schweigen zu brechen.

„Du meinst, wenn ich nicht arme, unschuldige Wermenschen verführe?“

Er lachte sein raues Lachen. „Genau.“

Mir gefiel Nicholas immer besser.

„Och, dies und das. Hauptsächlich reichen, versauten Vampiren nachstellen.“

Amüsiert hob er seine Augenbrauen. „Ach, so ist das also.“

„Mädchen müssen auch ihr Geld verdienen.“, antwortete ich provokativ.

Er schlang einen Arm um meine Taille und führte mich in den Innenhof eines Wohnkomplexes.


Er leitete mich einen großen, breiten Gang entlang, auf eine Treppe aus Stahl zu. Meine Absatzschuhe hörte man, wie immer, überdeutlich. Wir folgten der Treppe bis ins vorletzte Geschoss. Dort holte er einen schlichten, abgenutzten Schüssel heraus. In einer fließenden Bewegung öffnete er die Tür und bedeutete mir einzutreten. Als er die Tür hinter sich schloss war das wie ein gesprochener Befehl. Die eine Sekunde noch ruhig, in der anderen wirbelte ich schon herum und pinnte ihn an die Tür.

Ich brauchte ihn nicht lange halten, mein Duft, mein süßer betörender Duft, legte ihn innerhalb von wenigen Augenblicken lahm. Er wurde willenlos und würde alles für mich tun. Hätte ich schon eher meine Pheromone so sehr ausströmen lassen würden sich jetzt unzählige Wesen auf mich stürzen. Die meisten Wohnungen hatten aber Abwehrmechanismen, damit vorrangig die Menschen ruhig schlafen konnten. Bald hatten jedoch auch alle anderen die Vorzüge so einer abgeschotteten Umgebung schätzen gelernt.

„Wo sind die Unterlagen über die Mischwesen?“

Mischwesen waren genauso gefürchtet wie selten. Bastarde, gezeugt von Schattenwesen, die weder das eine, noch das andere waren. Unaussprechlich schön und genauso gefährlich. Seit geraumer Zeit zählte ich dazu. Das war auch ein Grund, warum ich die Liste mit den Informationen brauchte. Ich musste wissen, ob ich auf ihr stand und wenn ja, diesen Teil vernichten.

Nicholas schaute mich mit dem typischen belämmerten Gesichtsausdruck an. Ich konnte praktisch sehen, wie er sich in Gedanken von meinem Anblick löste und versuchte meine Worte zu verstehen. Wie er in seinem Gedächtnis kramte, um mir zu geben, was immer ich will.

„Im Schlafzimmer, unter meiner Unterwäsche.“

Den Preis für den komischsten Versteckplatz hatte er schon mal gewonnen.

Ich drehte mich um und bewegte mich Richtung seines Schlafplatzes. Es war nicht schwer, dies zu finden. Als die Stadt wieder aufgebaut wurde bekamen alle Wohnungen gleichen Standes den identischen Aufbau. So wollte man verhindern, dass zerstörungswütige Kreaturen sich um ihr zukünftiges Heim stritten. Dennoch wurde nun einfach um die Aussicht gekämpft.

Nachdem ich mich nur einen Schritt von Nicholas entfernt hatte kam er mir automatisch hinterher. Als würde uns eine unsichtbare Schnüre verbinden. Ich ging zu der Kommode, in der ich seine Wäsche vermutete.

„Hier?“, hackte ich sicherheitshalber nach.

„Genau. Zweite Schublade.“, antwortete er in Trance.

Ich zog sie auf und kramte herum. Natürlich hätte ich auch ihn fragen können all dies zu tun, allerdings sollte man nie ein Alphatier unterschätzen. Wenn er plötzlich wieder zu Bewusstsein kommen sollte, hätte er die Liste in der Hand und ich müsste sehen, dass ich Land gewinne. So hatte ich aber die Liste auf jeden Fall in meiner Hand und wenn er nun erwachte, so könnte ich guten Gewissens rennen, was meine Beine hergaben.

Da Nicholas jedoch keine Anzeichen gab bald wieder geistige Klarheit zu bekommen, durchforstete ich die endlich gefunden Liste gleich hier und jetzt.

Es standen weniger Namen darauf, als ich eigentlich erwartete hatte. Ich war irgendwie froh, als ich las, dass es ein ähnliches Wesen wie mich gab. Der einzige Unterschied war, dass ich den Kuss erfahren hatte und er den Biss.

Die Vampire gaben einen Kuss, wenn sie jemanden verwandelten und die Lykanthrophen den Biss.

Ich fand sogar heraus, dass ein Mann, halb Werleopard, halb Banschee war. Ehrlich gesagt konnte ich mir das nicht einmal vorstellen. Meinen Namen oder überhaupt einen Gleichartigen fand ich nicht. Glück gehabt, würde ich sagen.

„Ray?“

Er kam an mich heran. Drückte mich mit seinem Körper an die Kommode. Oh, Mist! Hatte er sich also doch noch aus seiner bewunderten Starre gelöst und wollte seinem körperlichen Trieb nachkommen.

„Nicholas. Warte noch kurz. Ich bin gleich soweit.“

Die Wohnungen hielten zwar jeden Lockruf von innen wie von außen auf, jedoch keine Schallwellen, weshalb ich meine Stimme nicht einsetzten konnte. Genau genommen konnte ich meine Stimme nie einsetzen. Die Werwesen haben ein so feines Gehör – alle aus der Stadt würden nach meinem Kommando handeln. Das wäre schon etwas zu auffällig.

Er schmiegte sich an mich. Als er aufschnurrte vibrierte sein Körper so stark, dass ich augenblicklich zu zittern anfing. Angestrengt riss ich mich zusammen. Wo war eigentlich Brandon. Er sollte doch nach 10 Minuten in die Wohnung kommen.

Er strich mit der Nase über meinen Hals und leckte die Stelle danach ab. Mist, mist, mist! Sonst lief immer alles nach Plan, warum musste gerade heute Brandon hinterherhinken?

Ich seufzte. Es ging wohl nicht anders. Schade, dabei hatte ich angefangen Nicholas zu mögen.

Flink ließ ich meine Hand in meinen Stiefel wandern, bis ich das angewärmte Metall umschloss. Sofort zog ich es heraus und hielt es ihm an den Hals. Mit der anderen Hand hatte ich in der Zwischenzeit die Papiere in meinen zweiten Stiefel geschoben. „Schalt eine Stufe runter.“, sagte ich kalt. Es kam nur verführerisch bei ihm an. Ich konnte meinen Verführungstrick allerdings nicht zurückschrauben. Wenn ich ehrlich war, war mir ein aufgeheizter Wertiger lieber als ein wütender. Denn das würde er sein, sobald er wieder einen klaren Gedanken fassen kann.

Er machte Anstalten, meine Beine zu erkunden, als es an der Tür klickte und ich hörte, wie diese geöffnet wurde.

„Brandon! Ich bin im Schlafzimmer! Beweg deinen Arsch hierher! Und mach die Scheißtür zu!“

Nicholas schaute mich belämmert an, während er meinen Rock Stück für Stück hochschob. Ich drückte das Messer stärker an seine Haut. Ihn schien es nicht einmal zu kümmern.

„Ray? Verdammt! Fahr deine Pheromone herunter! Wo ist Nicholas?“

„Bei mir!“ Nicholas Hand wanderte gefährlich hoch. „Mach endlich!“

Da das Messer nichts nütze, versuchte ich ihn auf altmodische Art aufzuhalten. Ich drückte mit meinen Händen gegen seinen Arm, doch meine Kraft kam kein bisschen gegen seine an.

Brandon kam hereingeschlichen, bis in den letzten Muskel angespannt. Als er mich mit Nicholas sah, überbrückte er die letzten Meter zwischen uns und zerrte den liebestrunken Mann von mir weg. In der nächsten Sekunde hatte er Nicholas in die Bewusstlosigkeit befördert. Automatisch zog ich meine Lockstoffe wieder ein und richtete meine Kleidung.

„Hast du alles?“, fragte mich Brandon.

Ein Teil meines Bewusstseins bewunderte, wie ruhig er blieb. Es passierte leider häufiger, dass Typen auf mir lagen und mein Partner sie von mir runterholen musste. Beim ersten Mal konnte ich ihn nur durch einen Befehl davon abhalten, die Person zu ermorden.

Der Rest wollte einfach nur gehen.

„Ja. Lass uns abhauen.“

Es gab keine Polizei mehr. Allein die Idee war heutzutage lächerlich. Doch es gab ein paar Wesen, die dafür sorgten, dass Mörder ihre gerechte Strafe bekamen. Es wurden nicht alle gejagt, aber einige. Die Wesen, acht um genau zu sein, hatten dabei kein System, wen sie verfolgten und wen nicht. Und wenn doch, dann wusste es keiner oder gab seine Unwissenheit zumindest vor. Man konnte als Mörder also nie wissen, ob man ungeschoren davon kam, oder eher nicht. Ich war nicht besonders scharf darauf es herauszufinden und hielt mich lieber an die Methode niemanden umzubringen.Es war furchtbar nicht zu wissen, ob sie einen verfolgten. Einem auf den Fersen waren. In dieser ständigen Angst zu leben, dass sie eines Tages auftauchen.


Erschöpft ließ ich mich auf einen Stuhl sinken. Brandon verhandelte gerade mit unserem Auftraggeber und wie es sich anhörte, verlief es recht gut. Bis jetzt hatte er 100 Dollar mehr rausgeschlagen. Dollar war übrigens die einzige Währung, mit der noch gehandelt wurde und noch einen Wert hatte. Man brauchte kein Genie sein, um herauszufinden, dass da sicher ein ehemaliger, reicher US-Amerikaner seine Finger im Spiel gehabt hatte, allerdings hätte es uns schlimmer treffen können. Mit dem Yen zum Beispiel. Es klang einfach lächerlich, mit wie viel Geld die früher rumgerannt sind.

„Im Lonny Bin um zwei nach drei Uhr nachts. Einverstanden.“

„Bring du lieber das Geld mit!“

Das Lonny Bin. Super, einen besseren Platz gibt es nicht, dachte ich sarkastisch. Ganz wie der Name versprach war es wirklich eine Klappsmühle, in der man sich besinnungslos soff, bis zur Unterhose zockte, Irre ihre Heimat fanden und krumme Geschäfte auf der Getränkeliste standen. Zudem war der Barkeeper mein Ex, weshalb ich mich dort besser nicht blicken ließ.

„Brandon! Kannst du mich nicht einmal auch an mich denken? Du weiß, dass ich nicht ins Loony Bin gehe!“ Auch wenn er nicht wusste weshalb.

Müde schaute er mich an. „Mensch, einmal wird es wohl OK sein. Er wollte unbedingt dort die Übergabe machen.“ Er fuhr sich mir der Hand durch die Haare, verwuschelte sie.

„Ich bin müde, lass uns noch ein paar Stunden schlafen.“

Ich stand auf und belegte das „Gästebett“ in Form des Sofas, aber an Schlaf war nicht einmal zu denken. Der Barkeeper war ein berüchtigter Schwarzmagier, den ich in meiner Jugend kennen gelernt hatte. Damals fand ich das cool und effizient. Er konnte mich beschützen und würde ich je zu solchen Grausamkeiten fähig sein, wie zum Beispiel jemanden bei lebendigem Leib ein Körperteil abzuschneiden, könnte ich sogar schwarze Magie anwenden. Damals war er ein toller Lehrer gewesen.

Jedoch war es nicht toll, mit ihm Schluss zu machen. Er belegte mich mit einem Fluch, den ich erst nach 9 Monaten wieder loswurde. Ich sage besser nicht welcher, es war einfach zu schrecklich... und eklig.

„Bleib endlich ruhig.“, nuschelte er zu mir herüber. Da er sich, wie ich selbst, nur eine 1-Raum-Wohnung leisten konnte, war das Bett nur knappe 2 Meter von mir entfernt und er konnte meinen unregelmäßigen Atem hören, sowie den holprigen Herzschlag. Feine Sinne zu haben war nicht immer vorteilhaft.

Aber das war sein Pech. Er achtete nicht meine Wünsche, also würde ich den Teufel tun und ihn einfach schlafen lassen.

Ja, das war kindisch. Und ich kostete es mit voller Absicht aus. Ich musste schon viel zu früh Erwachsen werden, ab und zu hatte ich einfach das Bedürfnis den Streichkobold von der Leine zu lassen. Und gerade durchlebte ich das Motto: War ich nicht kann, sollst du nicht dürfen. Basta.

Brandon hatte es auch schon aufgegeben. Er fragte nicht weiter nach, was mit mir los war und hoffte wahrscheinlich nur, dass ich mich bald wieder einkriegte.


„Wir müssen langsam los.“, drängelte Brandon.

Nachdem keiner ein Auge zu bekam, sind wir nach nicht mal einer Stunde wieder aufgestanden. Missmutig hatte er sich Kaffee gemacht. Erst als er drei Tassen von dem Gebräu getrunken hatte, sprach er mich wieder an. Wir machten uns fertig, was hieß, er zerstrubelte mit der Hand seine Haare und ich wirbelte um ihn herum. Wenn ich Cole schon wieder treffen musste, dann wollte ich auch bombastisch aussehen. Zum Glück hatte ich schon gleich am Anfang unserer Partnerschaft ein paar Sachen bei ihm verstaut. Es gab ein paar Sachen, ohne die ich nicht leben konnte. Zum Beispiel einer Zahnbürste. Oder Make-up. Oder Ersatzschuhe. Und wenn ich je die Wahl hätte, zwischen meinen Schuhe und einem Körperteil von mir, wäre das eine echt schwere Wahl. Ich wüsste nicht, wie sie ausgeht.

Und es war echt erstaunlich, was aus Make-up geworden war, nachdem eine paar übernatürliche Wesen sich eingemischt haben. Man legt es am Morgen auf – und es bleibt bis man es mit einer Speziallotion ablöst. Ohne zu verwischen oder sonstiges. Geniale Sache war das.

Langsam wurde Brandon eben ungeduldig, da ich länger brauchte als üblich.

„Nur noch eine Sekunde.“, erwiderte ich gehetzt und quetschte mich in einen flammroten Minirock, inklusive Schlitz.

Meinem Partner verfiel genau dann in eine Starre, als ich klappernd aus dem Bad trat.

Das Detail hatte ich ja ganz vergessen. Ich war so fixiert darauf gewesen, Cole eins reinzuwürgen, dass ich den Effekt auf Brandon völlig vergessen hatte. Ob ich ihm damit zuviel zumutete?

„Hast du danach noch was vor?“, fragte er zwischen zusammengepressten Zähnen hervor.

„Eigentlich nicht.“ Immerhin wollte ich es nebenbei erledigen. Er sollte sehen, dass ich den Fluch gebrochen hatte und zudem wollte ich ihn beeindrucken - damit er mich nicht erneut verfluchte.

Die Frage: „Und uneigendlich?“ stand ihm ins Gesicht geschrieben, aber er schwieg. Und ich tat so, als würde ich es nicht sehen.

„Dann können wir endlich los?“, fragte er mich mürrisch.

„Klar.“

Die Luft knisterte zwischen uns, während wir auf dem Weg ins Loony Bin waren. Keiner von uns gab auch nur einen Ton von sich. Somit hörten wir nur die obligatorischen Geräusche: Wolfgeheul, Sirenengesang, Anlockmelodien, um nur ein paar zu nennen. Es hörte sich in etwa so an, wie wenn man ein paar Meter von einem Rummel entfernt stand.

Ich hatte aber auch keine Lust, die Spannung zu mildern. Immerhin kam ich mit jedem Schritt Cole näher. Der Drang sofort umzudrehen und wegzurennen war unglaublich und ich brauchte meine gesamte Willenskraft, es nicht einfach zu tun.

Nachdem wir um eine weitere Ecke gegangen waren, kam das Loony Bin in Sichtweite. Es hatte zwar kein Schild neben oder eine Schrift über der Tür, aber man erkannt es an Coles Haustier und Wächter Kerberos. Nicht der Kerberos, Mr. Barkeeper fand es nur lustig seinen „kleinen süßen Hund“ so zu nennen.

Der Haken war, dass Cole wohl allein mit seiner Meinung dastand. Jeder andere sah ein Monster, welches höchstens vor Äonen Ähnlichkeiten mit einem Hund hatte. Der Kopf erinnerte an einen Tiger und in seinem Maul befanden sich historische spitze Säbelzahntigerzähne. Sein Köper war schuppenartig auf denen unzählige Augen hervorlugten. Seine Tatzen waren mit extrem scharfen Krallen bewaffnet, die jedes Metall zertrennen konnten. Ich wusste es, ich hatte an einem Abend, wo ich gelangweilt auf Cole gewartet hatte, ausprobiert. Und dann war da noch der Puschelschwanz. Der passte zwar überhaupt nicht zu dem Rest des Erscheinungsbildes, dennoch habe ich noch nie jemanden darüber lachen hören. Es wurde sogar gemunkelt, dass Kerberos Einflüsse von den Gorgonen hat. Das sind die Wesen, die einen durch einen Blick in die Augen erstarren lassen. Das war aber nur ein Gerücht. Selbst Cole wusste nicht genau, was er da von der Müllhalte mitgenommen hatte. Er fand ihn nur so süß und hilflos, dass er ihn nicht zurücklassen konnte.

Zum Glück hing ich an Kerberos, sonst hätte ich womöglich seine Leckerli längst ausrangiert. Es war immerhin das Haustier meines Ex, mit dem ich insgesamt mehr Zeit verbracht hatte, als mit ihm. Ich griff also in meine Minihandtasche und beförderte seine geliebten Erdnussbutterkekse mit Basiliskgeschmack zu tage. Ein Überbleibsel aus den alten Tagen.

Ich holte weit aus und warf es ihm genau vor die Schnauze. Kerby entdeckte es sofort und bemühte sich so sehr es besonders schnell zu fressen, dass es am Ende nur zerkrümelt auf dem Bordstein lag. Ein paar Sekunden lag schaute er den zerbröselten Haufen an, dann dachte er anscheinend weiter. Jemand hat den Keks geworfen! Ruckartig hob er den Kopf. Er erkannte mich und hechtete auf mich zu. Als dieses Getier auf uns zu gerannt kam wurde Brandon leicht nervös. Ich hatte allerdings damit gerechnet und schon die nächsten Biskis (so hießen die Kekse) in der Hand, welche ich vor mich legte. Dann machte ich zwei Schritte zurück und wartete ab. Kerberos bremste ab und stürzte sich glücklich auf den Haufen seiner Lieblingssüßigkeit. Gesättigt trotte er auf mich zu, um seine Streicheleinheiten abzuholen. Es gab mir irgendwie einen Kick, selbst nach 3 Jahren noch den Hund des Loony Bin zähmen zu können.

Brandon konnte sich auf die Situation keinen Reim machen, weshalb er mich ziemlich blöd anglotzte. „Der Köter... aber sollte er die Leute nicht davon abhalten rein zu gehen?“ So stolz ich auch darauf war, wie sehr Kerberos mich noch mochte, ich wollte nicht erklären warum.

„Tja, Tiere mögen mich.“, erwiderte ich leichthin.

Skeptisch schaute er mich an. „Und die Kekse hast du immer dabei.“, mutmaßte er ironisch.

„Ja, ist ’ne Macke.“

Er schnaubte spöttisch, ließ das Thema jedoch auf sich beruhen. Der Auftraggeber wartete immer noch auf uns. Mit einem mulmigen Gefühl im Magen folgte ich ihn.

Vor der Tür blieb ich stehen und drehte mich zu Kerberos.

„Wenn du brav hier draußen bleibst, bekommst du noch einen Biskis. Verstanden, Kerby?“ Zur Bestätigung bellte er.

„Kerby.“, murmelte Brandon noch. Und danach waren wir drinnen.


Auf den ersten Blick hatte sich nichts verändert. Allerdings wurde ich auch geblendet und sah deswegen nur 1/3 des Raumes. Hab ich doch gleich gewusst, dass er mich nicht ohne weiteres hier reinspazieren ließ.

„Na wen haben wir denn da.“, brüllte Cole von der Theke her. Mit einer Lampe strahlte er mich an. Als Reaktion auf seine Worte grölten und pfiffen die Gäste. Es hatte angefangen. Ich hoffte nur, dass Brandon so wenig wie möglich mitbekam, doch das war mehr ein Wunschtraum. Stand er doch keine 10 Schritte entfernt da.

„Hey Cole.“, begrüßte ich ihn so cool und gelassen ich konnte. Er grinste hämisch.

„Wisst ihr wer das ist?“, fragt er sein Publikum.

„Nein!“, schrieen sie zurück.

„Dieses Miststück ist meine Ex! Willkommen Ray!“ Kaum hatte Cole den letzten Satz ausgesprochen, startete die Meute auch schon ein Saufgelage. Soviel zu meinem Plan nichts zu sagen und alles unter den Teppich zu kehren.

So konnte ich unmöglich mit zu unserem Auftraggeber gehen, wir würden auffallen wie ein verwundeter Hase im Werbärviertel. Zum Glück verstand Brandon die Situation richtig und machte sich auf den Weg unser Geld einzutreiben. Ich hingegen drängte mich zur Bar durch. Als ich angekommen war, hatte ich die Knochen in fünf Händen in winzige Teile zerbrochen. Die Typen dazu dachten, sie könnten meinen Hintern betatschen. Das hatten sie davon.

Ein Wodka-Cola wurde vor meine Nase gestellt, bevor ich was bestellen konnte. Desinteressiert wandte Cole den Kopf ab.

„Der geht auf’s Haus.“

Zweifelnd musterte ich das Gebräu und überlegte, mit wie vielen Flüchen er belegt war. Und Cole betrachtete mich aus dem Augenwinkel heraus.

„Gut schaust du aus.“, bemerkte er.

Ja, ich habe deinen Fluch ja auch gebrochen, dachte ich aufgebracht.

„Du aber auch.“ Das sagte ich keinerlei der Form halber. Er sah wirklich gut aus. Er war männlicher geworden, hatte seine langen Haare gegen einen strubbeligen Kurzhaarschnitt eingetauscht und hatte einen leicht nachlässigen Drei-Tage-Bart.

„Neue Farbe?“, fragt er mit einem Hinweis auf meine Nägel. Sie waren immer lackiert. Er wusste, dass das ein Tick von mir war. Früher glänzten sie rabenschwarz. Inzwischen bevorzugte ich kirschrot.

„Mhm, schwarz wurde mir zu depressiv.“

Er legte das Trockentuch zur Seite, mit dem er unentwegt irgendwelche Gläser polierte.

„Mal in ernst. Warum bist du nie vorbeigekommen?“

Wie bitte?

„Soll das ein Scherz sein? Du hast mich verflucht!“, explodierte ich.

Schuldbewusst senke er den Kopf. „Ja. Mensch! Ich war 18, hatte ein gebrochenes Herz und bin Schwarzmagier.“, versuchte er sich zu verteidigen.

„Komm mir nicht so. Es war doch deine Schuld, dass ich Schluss gemacht hab. Du hattest mich kaum beachtet und obendrein noch eine Affäre!“

Seine Augen wurden plötzlich doppelt so groß. Wir merkten gar nicht, dass uns das gesamte Lokal gespannt zuhörte.

„Du wusstest...?“, fragte er ungläubig.

„Natürlich wusste ich davon. Für wie blöd hältst du mich! Die kleine Sukkubus kam sogar eines Nachts vorbei und erzählte mir, wie toll es bei euch lief.“

„Scheiße! Nora war bei dir? Ich hatte ja keine Ahnung... Hör zu. Weißt du, eigentlich war ich ihr mit dir fremdgegangen. Ich hatte mich auf den ersten Blick in dich verliebt. Und als ich mich dann endlich von ihr befreit hatte, hast du dich auch von mir getrennt.“

Er war schon immer ein guter Redner gewesen und hatte es bis heute nicht verlernt.

„Cole, wir waren zwei Jahre zusammen. Da hast du es nie für nötig gehalten, mir zu sagen, dass du bereits eine Freundin hast? Nicht nur das, du hast mich herumgeschupst oder ignoriert, was dir grad besser gelegen kam. Ich hatte einfach die Schnauze voll!“

Da war nicht gut. Wirklich nicht. Ich steigerte mich langsam aber sicher in die Diskussion hinein. Damals hatte ich einen rabiaten Schlussstrich gezogen. Wie man sicher merkte, hatten wir dadurch nie eine Aussprache gehabt.

„Für mich war das halt alles neu! Ich wusste nicht, wie ich dir meine Liebe zeigen konnte!“

„Mich immer bei Kerby zu lassen, zeigte es nicht!“

Es war nebenbei natürlich gefährlich, sich in einem Raum voller wahnsinniger Gestalten aufzuhalten. Deshalb hatte ich an Kerby eine kleine Falle hinterlassen. Nur für den Fall. Alarmiert staute ich zur Tür, als mein Sender sich abschaltete und sah, wie Nicholas Paw eintrat. Großartig, da konnte die Party doch beginnen

6.5.09 22:02


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Prologe

Ich war gewiss nicht die schönste Frau auf Gottes weiten Fluren. Ein Blick in einen Spiegel würde das bestätigen. Vielleicht könnte ich sehr schön aussehen, wenn ich mir etwas Mühe geben würde. Zum Beispiel, meine Haare eine Frisur aufweisen würden oder meine Sachen nicht der Inbegriff von Unscheinbar wären.
Sie waren es aber und genau deshalb verstand ich es auch nicht.

„Was soll das heißen?“
Ich stand schon eine Weile in dem Regen, der so typisch für den Winter in unserem Land war. Genau genommen seit einer halben Stunde.
Missmutig schaute ich auf die kahlen Bäume. Die Fassade meiner Schule fügte sich, trist und grau, wie sie war, perfekt in die Umgebung ein.
Ich sehnte mich nach dem warmen, trockenen Zimmer. Und meinen Freunden. Sie waren schon vor gegangen, weil er mich einfach zur Seite genommen hatte. Joshua Dawn. Angeblich war er der heißbegehrteste Mann in meinem Jahrgang. Aber ich fand ihn nur gutaussehend. Wenn er Charme besaß, hatte ich noch nie gesehen, dass er ihn einsetzte.
„Das was ich gesagt habe.“
Soweit ich mich erinnerte und das tat ich sehr gut, waren wir schon fünfzehn Mal an diesem Punkt gewesen. Ich befürchtete, dass wir uns entweder im Kreis drehten oder ich der deutschen Sprache nicht so mächtig war, wie ich bisher dachte.
„Ja, aber was zum Teufel willst du mir damit sagen?“
Joshua hatte mir offenbart, dass er meine Hilfe brauchte. Nur Hilfe für was? Ich sah ihm an, dass es ihm wichtig war und er immer noch nach den richtigen Worten suchte, mir die Situation zu erklären. Doch leider erfolglos. Und langsam wurde es mir echt zu dumm ihn wartend anzusehen. So toll sah er auch nicht aus.
Wütend funkelte er mich an. War meine Missbilligung zu deutlich hervorgetreten?
„Ich kann jetzt noch nicht alles sagen, aber ich werde es. Wenn genügend Zeit dafür da ist. Ich… ich werde beobachtet und du kannst wahrscheinlich meinen neuen Freund abwimmeln.“
Ja, ich war schon immer gut darin gewesen, im Weg herum zu stehen.
„Ich müsste dir nur etwas näher kommen.“
Und da meine Damen und Herren, zogen sich meine Augenbrauen voller Abscheu zusammen. Ich weiß zwar nicht, was der Gigolo der Schule genommen hatte, aber ich legte auch keinen Wert darauf, es zu erfahren. Eine heftige Welle reiner Zorn überkam mich.
„Hör mir mal zu, du kleiner verhätschelter Möchtegerncasanova! Wenn du mich ein zweites Mal ansprichst, werde ich dafür sorgen, dass deine Kinder dich nie ansehen können! Hast du mich verstanden?“
Verwundert schaute er mich an. Oder war er beeindruckt? Doch weshalb sollte er das sein, fragte ich mich augenblicklich.
Ich muss dazu sagen, dass ich ziemlich bekannt war. Oder eher gefürchtet. Mein Temperament ging öfter mit mir durch, wodurch ich schneller Leute anschrie, als sie gucken konnten. Ich meinte es nicht so. Wirklich nicht. Allerdings wussten das wiederum nur meine Freunde, den es einen Heidenspaß machte, mir bei meinen Aussprüchen zu zuschauen. Alles in allem war ich also keine gute Wahl, wenn es um Nähe ging.
Er blieb unbeeindruckt vor mir stehen. Jeder andere Mann, wäre spätestens bei der Androhung einer neuen Gesichtsform heulend zu seiner Mami gerannt. Sah ich da ein zucken? Ich kniff meine Augen noch weiter zusammen.
„Ich würde das Lächeln unterdrücken. Sonst komm ich noch auf dumme Gedanken.“
Ein Ruck durchfuhr ihn und sein Gesichtsausdruck war so lieblich wie eine Steinwand. Ich spürte trotzdem noch sein Grinsen und das kotzte mich, gelinde gesagt, an.
Er legte einen Arm um mein Schultern und schob mich mehr in die Schule, als dass er mich führte. Ich glaubte nicht ganz, was passierte und machte daher auch keine Anstalten der Gegenwehr. Niemand fasste mich ohne weiteres an. Erst recht nicht, wenn er davor keine schriftliche Erlaubnis eingeholt hatte.
„Ich wusste, du würdest perfekt sein. Du wist noch alles andere verstehen.“
Damit ließ er mich in dem Flur stehen und eilte in Richtung Unterricht. Hatte ich die Stelle verpasst, in der ich zugesagt hatte? Eingebildeter Fatzke!
Ich ging im dem Raum, wo ich schon ungeduldig erwartet wurde. Max, mein guter Freund seit Kindertagen, sprang fast auf, als ich den Raum betrat.
„Und? Was wollte der Gigolo von dir?“
Es war bestimmt nicht fair, ihn einfach so zu Betiteln, ohne irgendeinen Grund. Wir fanden trotzdem, dass er Name passte. Ich setze mich und kramte aus meiner Tasche die üblichen Utensilien für einen gepflegten Kunstunterricht hervor: ein Stift und ein Block.
„Er hat sich über mich lustig gemacht!“, brachte ich aufgebracht rüber. Ich rang sichtlich mit meiner Fassung. Auch Max war überrascht, nahm das Ganze aber gefasster auf als ich. Er wurde ja auch nicht gerade angetatscht!
„Das dass einer wagt. Mutig ist er ja.“
Brutal schmiss ich meine Tasche auf den Boden.
„Er hat mich angefasst!“
Seine Brauen schnellten nach oben. In der gleichen Bewegung drehte er sich zu Teddy. Er saß eine Reihe hinter uns. Nicht, dass er Ähnlichkeiten mit einem braunen Plüschtier hatte, es war nur der Spitzname von Ted. Und natürlich machte es mit unglaublichen Spaß ihn mit so einem Namen zu ärgern.
Teddy hatte auch gespannt zugehört, sich soweit zu mir gelehnt, wie es die unbequemen Bänke zuließen.
„Was soll das heißen?“
Ich hatte das Gefühl, diese Frage heute schon zu oft gehört zu haben. Auch wenn ich es sonst war, die sie gestellt hatte. Und groteskerweise fiel mir keine andere Erwiderung ein.
„Das was ich gesagt habe.“
Während des Sprechens senkte ich meine Stimme auf ein Minimum. Unsere Kunstlehrerin hatte den Raum betreten und um Aufmerksamkeit gebeten.
Die Stunde verlief genauso ereignislos wie jeden Tag. Nur ich war anders. Eine unbestimmte Unruhe hatte von mir Besitz ergriffen und planlos schaute ich immer wieder zur Tür oder zum Fenster raus. Ich wusste nicht warum, ich merkte nur, dass mir etwas Wichtiges entgangen war. Und dass ich nicht hier sitzen sollte.
Ja, warum auch. Mein Gott, ich ließ zu viel. Ich war eine Schülerin. Vollkommen unlogisch, dass ich hier saß. Ob es die Angst vor der Arbeit morgen war?
Ich setzte mich gerade hin und unterdrückte meine unbegründete Hibbeligkeit. Ich wollte es so sehr, es klappte auch ganze 40 Minuten. Kurz vor Ende der Stunde wurde der Drang aufzuspringen und auf den Flur zu rennen allerdings so stark, dass ich nur unter Aufbringung all meiner Selbstdisziplin sitzen bleiben konnte. Und gegen meinen Willen kam nichts so schnell an.
Als es klingelte und ich endlich aufstehen konnte, ließ ich Max und Teddy achtlos stehen. Selbst meine Sachen vergaß ich. Ich wusste, dass die beiden sie schon mitnehmen würden. Ich ging mit übereilten Schritten in den Gang. Ich stolperte ständig, aber das war ich gewohnt, weshalb ich nicht fiel. Ich wurde immer schneller, bis ich rannte. Wieder stolperte ich, konnte mich nicht mehr auf meinen Beinen halten und landete in den Armen von Joshua Dawn. Er stellte mich hin, achtete noch beiläufig, ob ich auch wirklich halt hatte und starrte mich an.
Ich blickte um mich, nahm wieder meine Umgebung war. Plötzlich hatte ich es auch nicht mehr so eilig durch die Schule zu rennen.
Misstraurig musterte ich meinerseits Joshua. Er sah sehr unzufrieden aus, war angespannt bis in den letzen Muskel.
War das mein Problem? Nein. Ich hatte genug mit mir zu tun. Am Ende wurde ich gerade wahnsinnig.
„Was hat dich aufgehalten?“, presste er aus zusammengebissenen Zähnen hervor. Ob die ganzen Sonnenstudiobesuche sein Gehirn zerweicht hatten?
„Ich wusste nicht, dass die Hoheit auf mich gewartet hat.“
Er brummte irgendetwas in seinen nicht vorhandenen Bart. Ein Deja-vú überkam mich, da das mein Vater auch ständig tat.
„Komm heute mit zu mir.“
Ganz davon abgesehen, dass das sehr bestimmend und anmaßend klang, dachte ich noch nicht mal im Traum daran. Wütend zog er seine Brauen zusammen und funkelte mich an. Er sollte es dringendst unterlassen, mich grundlos so zu taxieren. Ich verstand dies als Provokation.
„Ich weiß nicht, ob du meine Worte verstehen kannst. Ich versuch es trotzdem - nein!“
Er knurrte auf. Ich ignorierte das. Die Reaktion war mir einfach zu… komisch.
„Wir haben einen Deal.“
Okay, langsam wurde mir der Kerl wirklich zu blöd. Und die gesamte Situation. Ich schaute zu, wie er frustriert aufseufzte.
„Bist du nicht ganz dicht? Ich hab ja wohl mit keiner Silbe zugestimmt! Was kann ich dafür, dass du dir von der Sonne deinen Verstand wegrösten lässt!“
Ich fand Menschen, die das ganze Jahr über so unnatürlich braun waren nicht normal. Sie sahen immer fehl am Platz aus. In einer Welt, in der es Jahreszeiten gab und so unweigerlich nur einmal im Jahr genug Sonne zum Bräunen vorhanden war. Man stellte sie sich immer lachend an einen Stand vor. Am Besten in Miami, nicht in Berlin, einer Stadt von Deutschland. Irrte ich mich oder hatten seine Augen einen belustigten Glanz? Ich musste es mir eingebildet haben, zumindest wirkte er wieder zornig.
„Du hast aber auch nicht abgelehnt.“
Aufgebracht stöhnte ich auf. Das durfte doch nicht wahr sein. Wie begriffsstutzig war er denn?
„Gerade eben schon!“
Er sah nicht so aus, als hätte er meine Worte verstanden. Er blickte nur nachdenklich drein. Ich hoffte, dass das Denken bei ihm einfach nur langsamer von statten ging und er in ein paar Minuten gehen würde. Ich wollte mich davon jedoch überzeugen und blieb an Ort und Stelle.
In der nächsten Sekunde war er nur wenige Millimeter von mir entfernt. Er war so nah, dass ich seine Körperwärme spüren konnte. Und etwas passierte, was mir gar nicht schmeckte: meine Hormone meldeten sich lautstark. Ich wurde unsicher und fühlte mich unwohl. Ich hasste es, wenn mir so zu Mute war.
„Hast du sie noch alle? Du musst nicht an mir kleben!“, regte ich mich auf. Ich wurde immer sehr aggressiv, wenn ich mir peinlich war.
„Ich brauche dich! Hilf mir Kate.“, wisperte er mir zu und schaute mich dabei so beschwörend an, dass mir sein Blick durch Mark und Bein ging.
„Bei was?“
Ich war zu nett. Nur konnte ich ihn nicht buchstäblich im Regen stehen lassen. Das war nicht meine Art. Ich konnte zwar noch so schroff sein, aber bitten, die dazu von Herzen kamen, konnte ich nicht ablehnen. Dennoch wollte ich den wahren Grund wissen. Ich bezweifelte, dass ich seine Stalkerin ablenken sollte.
Sein Gesicht hellt sich auf und wurde weicher. Und da wusste ich auch, was andere Frauen an ihm fanden. Solange er nicht diesen abweisenden Gesichtsausdruck hatte, war er nicht nur attraktiv sondern hatte auch dieses gewisse Etwas, was man nicht mit Schönheit vergleichen konnte.
„Es gibt da ein Mädchen.“, verkündete er erheitert. Doch eine Stalkerin? „Sie ist mir etwas zu aufdringlich und bis jetzt konnte ich sie nicht abschütteln.“
Ich verstand nicht warum, aber ich hatte das Gefühl, als wäre ihm das gerade erst eingefallen. Wie eine Idee, die glaubwürdiger klang als die Wahrheit.
Ich mache mir zu viele Gedanken, beredete ich mich selbst. Das war völliger Humbug und konnte nicht wahr sein.
Die gesamte Zeit hatte ich meinen Blick nicht von ihm nehmen könne. Mir fiel schlagartig auf, dass ich ihn angestarrt hatte. Sofort schaute ich - mit brennenden Wangen - woanders hin.
Und sah ihn.
Er war dunkelhaarig, hatte überdimensionale breite Schulter und war mindestens zwei Köpfe größer als ich. Und er schaute mich direkt an. Ein Schauer rann über mein Rückrad.
Joshua bemerkte meine Veränderung und suchte abrupt, was sie ausgelöst hatte. Er sah ihn ebenfalls.
Ich spürte eine Berührung am Handgelenk und wurde kurz darauf auch schon weggezerrt. Ich hatte keine Ahnung, wie lange wir dort gestanden und uns gegenseitig angeschaut hatten, doch die leeren Gänge bewiesen mir, dass die nächste Stunde begonnen hatte.
„Ich finde, du kommst heute mit zu mir und ich erkläre dir alles.“
„Oder du machst es jetzt“ Wo wir eh schon den Unterricht schwänzten.
„Das habe ich auch vor. Nur bei mir.“ Ohne anzuhalten drehte er sich zu mir und grinste mich schalkhaft an. Und ich bekam das ungute Gefühl vorschnell zugesagt zu haben. Ich kannte ihn doch gar nicht! Was ist, wenn er ein Psychopath war, der mal wieder ein Neues Opfer brauchte? Ich fand, dass ich ein unglaublich schlechtes Opfer war.
Er schaute schon wieder grundlos sauer aus. Was lief ihm nur ständig über die Leber?
„Oder an einem entlegenen Fleck im städtischen Park.“, räumte er ein. Mein Unbehagen musste deutlich spürbar gewesen sein.
„Ist dir aufgefallen, dass der Park am anderen Ende der Stadt ist?“, fuhr ich aufgebracht auf. Ich hatte keine Fahrkarte und laufen würde ich ganz bestimmt nicht.
Er zog heftig an meinem Handgelenk und ich flog auf ihn zu. Fix schlang er einen Arm um meine Taille und garantierte so, dass ich weiterlief.
„Ich wohne auch hier und weiß daher, wo der Park ist. Ich fahre ordentlich, keine Sorge.“
Oh.
Er lächelte schon wieder so hinreißend, dass ich lieber auf den Weg achtete. Entsetzt bemerkte ich, dass wir auf einen BMW zusteuerten. Ich kannte mich mit Autos nicht aus, aber das Zeichen erkannte ich.
„Das ist doch nicht etwa deiner, oder?“
Ich klang so geschockt, dass er auf der Stelle schallend loslachte.
„Nein.“ Er wurde geschüttelt von Lachsalven und schien gar nicht mehr aufhören zu können. Oh mein Gott, ich bekam einen unguten Gedanken. Was ist, wenn er den Wagen gestohlen hat? Einem Psychopathen machte das sicher nichts aus. Er lachte noch lauter und unkontrollierter, fing aber an, sich zu beruhigen.
„Ich hab mir den Wagen von meinem Vater geliehen. Ich wollte Eindruck schinden.“
„Bei wem?“, fragte ich sofort, bevor mir klar wurde, dass mich das eigentlich nichts anging. „Schon gut. Du musst nicht antworten.“ Ich kramte den verborgenen Teil von Manieren in mir aus. „Danke. Für’s fahren.“ Ich machte eine Bewegung mit dem Kopf auf das Auto hin.
Er kicherte immer noch. Was war nur so lustig gewesen? „Schon gut. Ich wollte dich beeindrucken.“
Na, das war ihm gelungen. Laut sagte ich allerdings nur: „Achso.“
Er grinste wie ein Honigkuchenpferd.
Ich mochte keine Honigkuchenpferde. Zu ekelhaft süß.
„Steig ein Kleine.“
Kosenamen solcher Art waren schon immer ein rotes Tuch für mich gewesen.
„Ich bin nicht klein, du bist nur zu groß! Kann ich ja auch nichts für, wenn du zu viele Fruchtzwerge hattest!“, explodierte ich. Wie schon vor Schulbeginn blieb er ruhig. Nur lächelte er jetzt, wie wenn ich frisch gebrühten Kaffee fand. Ich liebte Kaffee. Seine Mundwinkel hoben sich sogar noch weiter.
„Ich werde es mir merken. Steig bitte ein, Kate.“ Wie er meinen Namen aussprach fand ich zwar mehr als beunruhigend, doch vorerst wollte ich nicht darauf achten. Ich war schon wieder nass bis auf die Knochen. Die wenigen Minuten im Gebäude haben nicht einmal annähernd gereicht, um trocken zu werden. Wenn ich nicht bald was wettergerechtes anhab, würde ich mir den Tod holen. Er öffnete die Beifahrertür und ich schwang mich vorsichtig auf den Sitz. Ich habe noch nie in so einem teuren Wagen gesessen. Es fühlte sich merkwürdig an, aber gut. Sehr bequem wie ich anerkennend feststellte.
Er stieg ebenfalls ein und ließ den Motor an. Wie ich schon vermutet hatte, besaß der Luxusschlitten eine Klimaanlage. Joshua stellte sie sogleich an. Warme Luft begann den sich zu verbreiten und bald würde es in dem Gefährt mollig warm sein. Meine Wohlfühltemperatur fing übrigens bei 20°C an.
„Ich würde mich anschnallen.“, sagte er noch, bevor er losfuhr.
Ruckartig manövrierte er das Auto aus der Parklücke. Ich war so geschockt, dass ich ein paar Sekunden brauchte, eh ich seinem Rat nachkommen konnte. Klickend rastete der Verschluss ein. Ich schaute nach vorn und versteinerte.
Er hatte den rücksichtslosesten Fahrstil, den ich je gesehen, geschweige denn erlebt hatte.
Ich schloss die Augen und zählte langsam los.
Eins.
Zwei.
Drei.
Plötzlich wurde ich zur Seite geschleudert – eine Kurve.
„Sag mal, hackts?“, rief ich panisch aus. Ich mochte mein Leben; ich wollte es behalten!
„Keine Sorge!“, lachte er.
Ich wusste, dass es eine schlechte Idee gewesen war mit einem Freak zu fahren.
„Beruhig dich. Es wird alles gut.“ Er lachte weiter, war ganz außer sich vor Freude. Er hob seine Hand – ich zuckte zusammen, da er jetzt nur noch mir einer Hand fuhr, was mir eindeutig zu wenig war – und tätschelte meine Schulter. „Ich hoffe es macht dir nichts aus, wenn wir einen Umweg machen.“
Wie schlecht konnte ein kleiner Tag werden?
„Wohin?“, fragte ich düster. Ich hatte eine Ahnung.
„G- nur zu mir zu Hause, hab was vergessen.“
Ich wettete, es war sein Verstand.
Er schaute schon wieder extrem verärgert. Seine Stimmungsschwankungen konnten es wirklich mit jeder Frau, die PMS hatte, aufnehmen. Da begriff ich erst, was er gesagt hatte.
„Ich dachte, wir fahren nicht zu dir.“ Nicht, dass ich jetzt noch war daran ändern könnte. Außer aus dem Wagen zu springen, versteht sich. Wir waren ja nur 70 km/h unterwegs. In der Innenstadt. So sehr ich auch mit jeder Sekunde rechnete einen Streifenwagen zu sehen, wusste ich intuitiv, dass ich keinen erblicken würde.
„Nur ganz kurz.“ Er schaute mich entschuldigend an. Wieder mit so einem intensiven Blick, dass ich milde gestimmt wurde. Meinen Unmut konnte es aber nicht vertreiben. Ich verschränkte die Arme vor meiner Brust und sank tiefer in den teuren, gut riechenden, hart gespannten und doch weichen Sitz.
„Bequem?“, fragte er mich. Seine Augen funkelten immer noch hoch amüsiert.
Ich gab keinen Ton von mir. Diese Genugtuung wurde ich ihm nicht geben.
Genauso ruckartig, wie wir losgefahren sind, hielten wir vor einem Haus an.
Wir befanden uns in der Villa-Gegend. Meine Laune sank augenblicklich in den Keller. Ich mochte reiche Leute nicht, sie bildeten sich immer ein alles zu dürfen. Damit hatte der liebe Joshua Dawn schon den zweiten dicken fetten Minuspunkt bei mir. Reich und gut aussehend. Aus Erfahrung wusste ich, dass solche Menschen nicht nur außerordentlich eingebildet, sondern auch anmaßend waren. Der beste Beweis war, dass ich jetzt hier war.
„Steig endlich aus. Drin hab ich ein Handtuch und frische Kleidung.“ Er war mürrisch. Ich kam bei ihm wirklich nicht hinterher.
Ich öffnete die Tür. Langsam kam mir der Verdacht von einem Psychopathen mehr und mehr passend vor. Zum Glück hatte ich mehrere Selbstverteidigungskurse besucht.
6.5.09 22:04


Kapitel 1

Wie ich vermutet hatte, war das Haus viel zu groß, bot viel zu viel Platz und sah viel zu teuer aus. Missbilligend entdeckte ich einen unbezahlbaren Gegenstand nach dem anderen. Unbezahlbar für mich, für die Insassen mussten sie zwangsläufig erschwinglich sein.
„Gefällt es dir nicht?“, fragte er mich traurig.
Ich seufzte. Wo waren meine Manieren?
„Es ist…“ Ich suchte nach dem passenden Wort. „nett.“ Nett war gut. Nett war neutral.
Er lächelte als wüsste er, was es mir für Bemühungen machte, was relativ Gutes zu der Villa zu sagen.
Da hörte ich ein schlürfen. Irritiert schaute ich zu Joshua, schickte Fragen mit meinem Blick. Er lächelte nur sehr selbstzufrieden. Wie als wäre er stolz, etwas ganz Tolles gemacht zu haben. Mir wurde schlecht.
Kann sein, dass ich überempfindlich war, dass es gar nichts mit mir zu tun hatte, dass ich mir alles nur einbildete. Trotzdem gingen im meinem Kopf sämtliche Alarmsignale los, als jemand die Klinke an der Tür rechts von mir runterdrückte. Langsam, gemächlich wurde die Tür geöffnet.

Ich hatte mir ziemlich viel in meinem phantasievollem Kopf zusammen gesponnen. Ich wäre nicht überrascht gewesen, wenn ein grünäugiges dreiköpfiges Monster durch den Rahmen getreten wäre. Nicht mal bei einem sprechenden Krokodil oder gleich dem gestiefelten Kater. Stattdessen stand nun der Typ vor mir, der mich schon in der Schule angestarrt hatte. Der große, breitschultrige Kerl, der so dunkel aussah.
Aus der nähe betrachtet war er allerdings zwar immer noch groß, aber nicht mehr so überdimensional breit. Und er sah „nur“ noch bedrohlich aus, kein bisschen unheimlich.
Vollkommen überrascht schaute er mich an. Sofort drehte er sich zu Joshua.
„Was sucht sie hier?“, verlangte er knurrend zu wissen.
Meine Augenbrauen zogen sich zusammen und noch in der gleichen Sekunde verteidigte ich mich – verbal.
„Ich bin nicht freiwillig hier!“
Er war nicht beeindruckt von mir. Er starrte nur weiter Joshua an.
„Hallo? Schon mal was von Manieren gehört!“ Mir war die Ironie bewusst. „Und rede nicht von mir, als würdest du mich kennen!“
Genervt wendete er sich mir zu.
„Hör zu Kleine-“
Weiter kam er nicht, ich schnitt ihm das Wort ab.
„Nenn mich noch einmal so und ich werde dir ernsthaft wehtun!“, drohte ich.
Er schnaubte belustigt.
„Das würde ich zu gern sehen.“
Ich holte aus, sammelte alle Kraft, die ich hatte in dem Schlag und zielte auf sein Kinn.
Eigentlich hätte meine Faust voll treffen müssen. Er fing meine Hand allerdings auf, wie einen Apfel, der ihm zugeworfen wurde.
„Holla! Immer ruhig mit den jungen Pferden.“ Ich sah ihm an, dass er nicht damit gerechnet hatte, dass ich wirklich zuschlug. „Was für eine Gewaltbereitschaft.“
„Du solltest sie mal in der Schule erleben. Wenn sie ausflippt bleibt kein Stein mehr auf dem anderen.“, warf Joshua ein.
Oh Gott, war ich schon so gewöhnt an meine Ausbrüche, dass ich gar nicht mehr merkte, dass ich die Schule verwüstete?
„Obwohl sie meist nur faucht und droht.“
Schon wieder hatte ich das Gefühlt, dass er meine Gedanken erraten hatte. Ich wandte meine Aufmerksamkeit dem Typen vor mir zu. Mister Steroidenverbraucher hielt meine Hand immer noch eisern umklammert, einen Umstand, den ich schnell ändern wollte.
„Wenn du meine Hand behalten willst, kostet das was.“
Ich hoffte, dass das nicht zu unfreundlich klang. Nun, wo das Adrenalin verpufft war, erinnerte ich mich daran, dass mir solche Männer in gewisser Weise Angst machten. Sie waren mir körperlich grenzenlos überlegen. Ich könnte mich nicht wehren, wenn ihm einfiel, dass er mir noch eine reinhauen wollte. Ich wusste, dass ich es verdient hatte.
„Wie viel?“, mischte sich Joshua ein. Er lachte sehr, sehr dreckig, worauf ich mir keinen Reim machen konnte. Der Dauerbesucher im Fitnessstudio starrte nur meine Hand an. Anscheinend dachte er nicht daran, mich in nächster Zukunft loszulassen. Wenn er überhaupt dachte.
„Was?“, fragte ich ungläubig.
„Wie viel deine Hand kostet. Und der Rest.“
Mir klappte der Mund auf. Was bildete sich dieser Joshua ein?
„Nicht für mich, für ihn.“ Er deutete mit seinem Zeigefinger auf Mister Mucki und sah aus, als würde er gleich laut loslachen.
Ich wollte meine Hand losreißen, koste es mir, was es wolle, erreichte jedoch nur, dass er mit einer unbewussten Bewegung gegensteuerte. Ich flog, besser knallte, an seine Brust. Der Typ war mehr durchtrainiert, als mir gut tat. Er schlang einen Arm um mich, um mich zu stabilisieren und schaute mich verblüfft an. Mir ging es genauso, dachte ich, als würde er meine Gedanken hören. Ich würde auch gern wissen, wie zum Teufel ich in seiner Umarmung gelandet war.
Joshua prustete los.
Wenn ich dachte, meine Hormone hätten bei Joshua überreagiert, irrte ich mich. Ein Schauer nach dem anderen jagte durch meinen Körper, wie elektrische Impulse. Ich fühlte, wie meine Körpertemperatur anstieg, bis ich das Gefühl hatte, mein Blut kochte. Gewaltsam presste ich meine Lippen zusammen, konnte so das Stöhnen gerade so unterdrücken. Panisch, weil ich keine Ahnung hatte, warum ich so reagierte, versuchte ich von ihm wegzukommen. Er war schneller, hatte mich schon losgelassen, eh ich probieren konnte, mich freizukämpfen.
„Scheiße!“, fluchte er laut.
Zitternd landete ich auf dem Boden, auf meinen Knien. Meine Beine konnten mein Gewicht nicht mehr halten und waren eingeknickt.
„Scheiße“, fluchte er erneut.
„Ach komm, dass läuft doch besser, als erwartet.“, sagte Joshua erheitert.
„Halt dich da raus!“ Die Stimme vom Sportfanatiker war wie ein Donnergrollen.
Oh Gott, das war ja mehr als peinlich!
„Entschuldige.“, sagte der Typ mit dem Motto: Viel Muskeln, wenig Hirn.
Alles schön und gut, aber wofür?
„Warum?“
Ich schaute ihn fragend an. Langsam hatte ich mich beruhigt, nur meine Gesichtsfarbe wollte sich nicht regulieren. Ich war so rot wie eine Signalleuchte, wovon ich mich aber nicht abhalten ließ, ihn anzuschauen. Solange ich nicht in seine Augen blicken musste.
„Joshua übertreibt gern. Und wegen, du weißt schon, eben. Entschuldige.“
Eigentlich konnte er ja so rein gar nichts dafür, wenn meine Hormone freidrehten, ich war aber nicht scharf darauf, die Schuld auf mich zu nehmen. Wer war ich denn, ihm den Spaß zu verderben?
„Angenommen.“
„Sie hat dich angenommen.“, zwitscherte Joshua ihm zu.
Wie sollte ich das denn verstehen? Verstimmt zog ich eine Augenbraue in die Höhe und wartete, dass mir einer erklären würde, was hier vor sich geht. Und auf das Handtuch wartete ich auch schon ewig.
„Ich hol dir schnell ein Handtuch.“, verkündete Joshua. Wenigstens hatte er nicht vergessen, dass ich bis auf die Unterwäsche durchweicht war.
„Lass dir Zeit.“, knurrte der Berseker hinterher. Es klang wie eine Warnung. Doch wovor?
Die beiden waren mehr als komisch.
„Wie heißt du?“, fragte er mich. Seine Stimme war jetzt rau und dunkel, ohne die vorherige Feindseeligkeit.
„Kate.“, beantwortete ich widerwillig. Wer wusste schon, was die mit mir machen wollten.
Mit einer fließenden Bewegung stand ich wieder auf. Ich war lange genug auf dem Boden gewesen.
„Fuck!“ Er atmete tief durch.
Ich war die Letzte, die den Namen toll fand, aber ich fluchte nicht gleich los.
„Schön Kate. Dann stimmt es ja. So eine Scheiße.“
„Jetzt hör schon auf!“, fuhr ich ihn an. Langsam reichte es! „Was soll das alles?“
„Eine Frage noch: ist dein Nachname Renold?“
„Ja.“, sagte ich ungeduldig. Ich wollte endlich wissen, worauf er hinaus wollte.
Er stieß noch ein paar halb unterdrückte Flüche aus, die kein Gentleman in der Gegenwart einer Lady genannt hätte. Sollte ich anfangen Popcorn zu verlangen oder ging das heut noch los?
„Entschuldige Kate. Ich hatte nur gehofft, dass du nicht auftauchen würdest.“
Ich wohnte ja nur schon mein ganzes Leben in der Stadt. Klar, dass ich da ganz plötzlich aufgetaucht bin, so ohne Vorwarnung.
„Sie versteht deine kryptischen Sätze nicht.“ Joshua war wieder aufgetaucht und warf ein Handtuch über meinen Kopf. Bevor ich anfangen konnte meine widerspenstigen Haare zu trocken, hatte ich auch schon die Hände von Blacky um mein Haupt. „Ich mach es kurz: Wir sind Brüder und brauchen deine Hilfe.“
Das war zu kurz. Ich kapierte rein gar nichts.
Joshua seufzte. „Okay. Wir sind Brüder und du bist die letzte deiner Generation, die uns helfen kann. Dein Name ist allseits bekannt unter uns, um nicht zu sagen gefürchtet. Aber das kennst du ja.“ Er grinste spitzbübig. „Wir werden zur Zeit von ein paar unangenehmen Zeitgenossen verfolgt, gegen die wir leider machtlos sind. Und da kommst du ins Spiel. Du brauchst nur ein paar Tage hier bleiben. Das reicht vollkommen aus. Dein Name allein wird sie in die Flucht schlagen. Und dann kannst du auch wieder nach Hause.“
Ich versuchte die ganzen Informationen zu verarbeiten. Es war schwer vorstellbar, dass diese beiden Kerle meine Hilfe brauchten und noch viel unwirklicher, dass ich ein paar Typen verjagen konnte. Ohne was zu machen. Und dann spürte ich noch, wie die beiden mir etwas Entscheidendes verschwiegen. Oder meine Paranoia schlug wieder zu.
Alles in allem war es nicht mein Problem. Was ist, wenn er falsch lag und die Kerle sich nicht von mir abschrecken ließen? Ich wollte in keinem Mafiakrieg verwickelt werden. (Es war das plausibelste, was mir einfiel.)
„Bitte Kate.“, bat Joshua aufrichtig.
„Lass sie.“, brummte Mister Ungesellig. „Sie hat mit der Sache nichts zu tun. Wir sollten sie nicht reinziehen. Und das weißt du.“
„Aber sie ist da.“, schmollte Joshua. „Und sie würde uns helfen, wenn du sie bitten würdest.“
Stero seufzte und rang mit sich selbst.
„Bitte Kate.“, sagte er eindringlich. Er schaute mir direkt in die Augen.
Ich war gefangen. Noch nie hatte ich solch ein ungewohntes braun gesehen. Ich konnte nicht einmal genau definieren, was für Augen er hatte. Aber sie waren schön, das konnte ich mit absoluter Sicherheit sagen.
Hatte er mich nicht gerade etwas gefragt? Ach ja, fiel es mir wieder ein.
„Na gut.“, stimmte ich abwesend zu. Ich konnte meinen Blick nicht abwenden. Himmel, waren das phantastische Augen.
„Siehst du.“ Joshua freute sich tierisch. Er grinste von einem Ohr zum anderen. Ich beachtete ihn aber nicht. Ich war vollkommen auf Prinz Uncharming fixiert. Joshua kicherte schon wieder wegen irgendwas. Ich fand, dass er einen an der Klatsche hatte. Aber gehörig!
„Komm mit Kleine, wir holen deine Sachen.“, bestimmte der ausgeglichenere von den Brüdern. Er hatte wenigstens nur schlechte Laune.
„Wie jetzt?“, fragte ich nach. Mein Denkapparat war noch in der Hochladphase.
„Sachen holen! Jetzt!“, grollte er.
So ein…
„Fi*k dich!“, giftete ich zurück. Ich riss seine Hände von mir, die meine Haare abgetrocknet hatten, schmiss das Handtuch in seine Richtung und stampfte zur Vordertür. Heftig zog ich sie auf und knallte sie hinter mir wieder zu.
Das tat gut! Ich war so froh in dieser Zeit geboren zu sein, ich wüsste sonst nicht, wie ich meinem Ärger Luft machen sollte. Ganz ohne Türknallen.

Ich trampelte gerade gemütlich die Straße entlang, als mir auffiel, dass Bad Boy hinter mit hertigerte. Er sagte keinen Ton. Was sollte das werden, wenn es fertig war?
Ich ging ein bisschen schneller, bog ein paar Mal ab, wo ich eigentlich nicht hinwollte, nur um zu testen, ob er vielleicht zufällig den gleichen Weg wie ich hatte. Pustekuchen. Er verfolgte mich.
In dieser Gegend kannte ich mich aus. Wir näherten uns der Innenstadt, weg von dem überteuerten Viertel, wo wieder normale Menschen lebten.
Ich ging die Straße ganz normal entlang, wie jeder andere auch. Und dann bog ich ganz normal ab. In die nicht so normale Seitenstraße. Nach wenigen Schritten stellte ich mich an die Wand und wartete.
Ich wusste nicht wieso mich Stero verfolgte, aber ich gedachte es herauszufinden.
Völlig unvermittelt stand er plötzlich vor mir. Ich hatte ihn nicht gehört. Weder seine Schritte, noch sonst irgendetwas, was ihn verraten könnte. Dennoch stand er nun vor mir. Immer noch mit diesem verkniffenen Gesichtsausdruck.
So schnell ich konnte fasste ich mich wieder und funkelte ihn an.
„Hast du keine Hobbies?“, ging ich ihn an.
Er verzog keinen Muskel seines stoischen Gesichtes.
„Schon. Ich komm nur nicht mehr dazu.“
„Nein. Wie interessant!“
Er schaute mich an. Ich ihn.
„Warum?“
„Du warst bei uns.“
Ach, wirklich? Wäre mir gar nicht aufgefallen.
„Und?“
Er grummelte und fuhr sich mit einer Hand durch die kurzen Haare. Dann seufzte er, wechselte von einem Bein auf das andere.
„Du kannst nicht einfach zu uns kommen und dann wieder abhauen. So funktioniert das nicht. Die werden jetzt denken, dass du mit uns gemeinsame Sache machst.“
Ich war sprachlos. Zuerst wurde ich genötigt sein Haus von innen zu betrachten und nun wurde ich entweder von der Mafia – ich fand den Gedanken immer weniger abwendig – oder einer Art Men in Black verfolgt. Ich hoffte spontan, dass es die Men in Black waren, die wollte ich schon seit dem Film kennen lernen.
„Kannst du denen keine Nachricht schreiben?“
Er zog eine Augenbraue hoch.
„Guck nicht so. Dir fällt ja gar nichts ein! Ich will nur meine Ruhe haben!“
Er seufzte wieder.
„Joshua hatte dich nicht informiert.“, schlussfolgerte er. Heute war wohl der Schnelldenkertag.
„Wow. Ist dir auch schon aufgefallen.“
„Aber es ist zu spät.“
Ich wartete, ob er noch etwas ergänzen wollte, doch er schwieg wie ein Grab.
„Zu spät?“, echote ich.
„Ja. Du… ich kann dich nicht mehr so arglos rumlaufen lassen.“
„Sag mir sofort, wo ihr mich reingezogen habt.“
„Das kann ich nicht so einfach machen. So geht das nicht.“
Ich spürte, wie mein Wut-O-Meter in die Höhe raste und ich kurz davor war ernsthaft rot zu sehen.
„Das sagst du ständig.“, bemerkte ich.
Plötzlich fluchte er fantasiereich in mehreren Sprachen.
„Fuck! Wo wohnst du?“
Ich wusste nicht, was nun schon wieder los war, aber ich antwortete automatisch.
„Falkstraße 34.“
Er drehte mich zum Ausgang der Gasse und legte die Hände auf meine Schultern. Dann übte er Druck auf sie aus, was mich in Bewegung setzte.
„Dann los. Wir müssen hier weg!“
Stolpernd ging ich vorwärts. Seine Hände brannten durch meine Jacke.
Nach einiger Zeit gesellte er sich neben mich. Ich selbst war in Gedanken vertieft. Keiner wollte mir Antworten geben, aber die Fragen wurden langsam, aber sicher, immer penetranter in meinem Kopf. Was ging hier nur ab? In was war ich hineingeschlittert? Zuerst Joshua, der mich heute Morgen zum ersten Mal angesprochen hat. Noch gestern hätte ich mit meinem gesamten kläglichen Besitz gewettet, dass er mich nicht kannte. Und dann bestand er darauf, dass ich mit zu ihm komme, wo sein unheimlicher Bruder, den ich freundlicherweise Stero getauft hatte, mich zudem auch noch von sonst wo kannte. Als wäre ich so bekannt. Und jetzt lief ich mit ihm zu meiner Wohnung, weil er denkt, dass ich in Gefahr wäre. Ich seufzte. Wenn irgendjemand einen Vorschlag hätte, was das alles zu beuten hatte konnte er mir gerne einen Tipp geben. Oder noch besser, eine Karte schreiben.
Ich kramte in meiner Tasche nach dem Schlüssel, als ich die Haustür erblickte. Was sich mein Vermieter dabei gedacht hatte, will ich immer noch nicht begreifen, inzwischen übersah ich die quitschgelbe Tür jedoch. Meine Augen dankten mir dafür jeden Tag.
Er wartete, bis ich die Schreckenstür aufgeschlossen hatte, ließ mir den Vortritt und folgte mir schlussendlich zur Wohnungstür. Von drinnen hörte ich schon meine Katze mauzen. Die Kleine erkannte mich schon an den Schritten und legte auch sonst beängstigende Ähnlichkeiten mit einem Hund auf.
Sobald Stero geschnallt hatte, dass es meine Katze war, die den Lärm verursachte verzog er das Gesicht.
„Du hast eine Flohschleuder?“
Perplex schaute ich in an. Nebenbei verschafft ich uns Zugang zu der Wohnung, aus der mir meine Litschi entgegensprang.
„Sag das noch mal.“
„Warum hast du ’n Fellknäuel. Echt! Konntest du dir keinen Fisch zulegen?“
„Entschuldige? Das geht dich ja mal gar nichts an. Ich mag Katzen! Also unterlass die beleidigenden Namen! Sie heißt Litschi!“
„Verdammt.“, regte er sich auf.
Also wirklich. Einfach mein Goldstück anzugehen. So weit kam es noch.
„Dad?“, rief ich, in der Hoffnung, dass er nicht da wäre.
Wieder schaute er mich an, als könnte er nicht glauben, was er gerade erlebt. Tja Freundchen, kannst du mal sehen, wie es mir schon den ganzen Tag geht, dachte ich schadenfroh.
„Dein Vater?“
„Ja. Er wohnt hier. Schüler wohnen normalerweise mit einem Elternteil.“, sagte ich, als würde ich einem 5-järigen was erklären.
„Du hast einen Vater?“, fragte er mich, als würde das seine Welt auf den Kopf stellen.
Meine Augenbrauen wanderten gefährlich nah aneinander. War der wirklich so dumm?
„Hat dir noch nie einer das mit den Blümchen und Bienchen erzählt?“
„Aber ich dachte... du sollst doch die einzige…?“
„Hör mal zu Großer! Ich weiß zwar nicht auf welchem Planeten du lebst, aber ich habe einen Vater!“
Man sah richtig, wie es bei ihm `Klick` machte und sein Gesicht wieder seine übliche Ausdruckslosigkeit annahm.
„Mach endlich.“, wies er mich an. Ob er die Tabletten nicht vertrug?
Litschi hatte sich ihre tägliche Dosis Streicheleinheiten abgeholt. Erst jetzt bemerkte sie den Besucher. Fauchend wollte sie sich auf ihn werfen, doch ich hielt sie geistesgegenwärtig fest.
„Hey Kleines, was ist denn los? Was hast du denn?“
Sie fuhr ihre Krallen aus und erwischte mich damit. Vor Schreck ließ ich sie fallen. Ein langer Kratzer zog sich nun über mein Dekoltè. Meine Mieze kratze mich sonst nie. Verwunderst blickte ich zu Stero. Litschi sprang wie bekloppt an ihm hoch und wollte seine Beine zerfleischen Glücklicherweise trug der Kerl aber eine robuste Jeans.
„Rastet sie deinetwegen so aus? Kannst du Katzen deshalb nicht leiden?“ Langsam dämmerte mir, warum er vorhin so abwertend von ihr gesprochen hatte.
Obwohl er keinen Muskel bewegte sah er sehr genervt aus.
„Ja.“, antwortete er tonlos.
Ein fieses Grinsen breitete sich auf meinen Lippen aus.
„Dein Pech!“
Er seufzte irgendwie gestresst und wiederholte den Satz, den ich schon längst wieder vergessen hatte.
„Mach hinne. Ich will wieder los!“
Ich hatte keine Ahnung, was er von mir wollte, zeigte aber guten Willen.
„Bist du bekloppt? Was willst du von mir?“
„Du sollst deine Sachen packen! Und zwar bevor ich die Geduld mit deiner Flohschleuder verliere!“
„Litschi hat keine Flöhe!“, schrie ich ihn an.
Er packte mich am Arm und zerrte mich in mein Zimmer. Wenn ich nicht allein schon davon so empört gewesen wäre, wäre mir sicher aufgefallen, dass er eigentlich gar nicht wissen dürfte, wo mein Zimmer lag. In meiner Wut übersah ich das aber einfach.
In meinem Reich stand ein großer Schrank für meine Sachen, dessen Türen er gerade fast aus der Halterung riss.
„Muss ich denn alles alleine machen?“, fluchte er vor sich hin.
„Nimm deine Pfoten von meinen Sachen!“
Energisch wollte ich ihn vom Schrank wegdrängen.
Ein Stein wäre kooperativer gewesen. Er sollte echt mal eine Diät machen, so schwer wie er war.
„Weg da, ich mach das!“, lenkte ich ein. Ich hatte ja doch keine andere Chance. Er würde mich einfach von A nach B schleppen.
Widerwillig machte er mir Platz. Erst beobachtete er ganz genau, was für Sachen ich einpackte. Ich wusste nicht weshalb. Meine T-Shirts waren schwarz. Meine Hosen waren schwarz. Meine Pullover waren schwarz. Oh! Ein graues Longshirt, was für eine Abwechslung. Nur meine Unterwäsche war bunter. Und obwohl sie ziemlich unauffällig war dreht sich Stero abrupt um. Es musste ihm wohl selbst bei mir peinlich sein. In Gedanken kicherte ich auf. Am Ende lenkte er sich mit dem ganzen Sport von seinem nicht vorhanden Sexleben ab.
Die Realität hatte mich schneller wieder als mir lieb war. Wem machte ich was vor? Er hat es wenigstens geschafft Ablenkung zu finden. Ich war nur dauerhaft gereizt.
Ich hatte nicht einmal ganze 10 Minuten gebraucht um das Nötigste einzupacken. Stero schulterte die Tasche und schaute mich bedeutend an.
„Was?“, fragte ich ruppig.
„Brauchst du ’ne schriftliche Einladung? Es geht zurück!“
Ehrlich, wenn er nicht bald seinen Ton änderte, würde ich einen Weg finden, ihm den Kopf abzureißen!
„Aber auf dem Weg will ich eine Erklärung hören!“ Wie gesagt, ich traute ihm zu, dass er mich, genauso wie die Tasche, einfach über die Schulter warf und zu sich trug.
„Keine Chance. Das darf getrost Joshua machen!“, grummelte er.
Niedergeschlagen lief ich vor ihm zurück. Bei mir war die Luft raus. Die Situation war einfach zu konfus.

„Na so was. Wie ist das denn passiert?“, begrüßte mich Joshua. Ich brauchte nicht zu erwähnen, dass ich ihm immer noch nicht folgen konnte, oder?
Er zeigte auf den großen Kratzer, der bis zu meinem Brustansatz reichte. Er war längst getrocknet, hatte aber trotzdem von mir unbemerkt eine feine Blutspur hinterlassen, die bis in meinen Pullover hineinreichte. Ich hätte meine Jacke einfach nicht so zeitig aufmachen sollen, dann wäre das gar nicht erst passiert. Allerdings war die ganze Sache allein … Steros Schuld. Vielleicht sollte ich nach seinem richtigen Namen fragen. Wenn es mir nur nicht so egal wäre.
„Der Kratzer.“, machte er klar, was er meinte.
„Litschi ist wegen S- ihm ausgerastet.“
Ich zeigte mit einer Handbewegung auf seinen Bruder. Joshua beachtete aber gar nicht, wo ich hindeutete. Sein Blick war auf die blutige Spur gerichtet. Er befeuchtete sich die Lippen und ich spürte wie mir ein eiskalter Schauer den Rücken herunterwanderte.
„Josh!“, rief Stero aus.
Überrascht blickte Joshua ihn an. Dann lächelte er mich an.
„Nimm doch eine heiße Dusche, während ich mich mit Connor unter vier Augen unterhalte.“
Verständnislos schaute ich ihn an. Wer war Connor? Da fiel der Groschen.
„Mein Bruder.“, erklärte Joshua zeitgleich, wie ich es von allein begriff.
„Aber sonst hast du keine Probleme, was? Ich will endlich wissen, was hier vor sich geht!“
„Ja, das mach ich noch. Doch du musst dich zuerst aufwärmen, sonst wirst du noch krank.“
Es ärgerte mich tierisch, dass er Recht hatte. Und wie um es noch zu verdeutlichen nieste ich.
„Siehst du…“
Mit einem breiten Lächeln schob er mich ins Bad, legte noch ein paar Handtücher und einen Bademantel zurecht und verschwand.
Da stand ich nun.
Was für bestimmende Brüder!

Ich stand ewig unter dem heißen Strahl der sicher teuren modernen Dusche. Es war so angenehm, dass ich völlig vergaß, wo ich mich erfrischte.
Ein aggressives Klopfen an die Tür holte mich zurück ins hier und jetzt. „Hey! Denk daran, wer das Wasser bezahlt!“
„Als ob wir es nicht hätten. Lass sie doch.“, verteidigte mich Joshua.
Super, schoben die vor dem Bad wache, oder wie durfte ich das verstehen? Missmutig stellte ich das Wasser ab. Ich war eh fertig. Ich trocknete mich nur notdürftig ab und zog den Bademantel über. Und wie erwartet waren Joshua und Connor in dem Zimmer verteilt, als ich die Tür öffnete.
„Ihr müsst ein abgrundtief langweiliges Leben führen, wenn ihr bei mir spannen wollt.“
Ich war noch von der Dusche milde gestimmt. Doch davon abgesehen stimmte es. Männer wollten Frauen mit Hüften, Hintern und Oberweite. Ich hatte nichts davon. Wenn ich ehrlich mit mir war, hoffte ich bis heute, dass mein Busen über die A-Kategorie wachsen würde.
„Ich würde mein Leben sehr spannend finden, wenn du eine Nacht mit mir verbringen würdest.“, erwiderte Joshua ernst.
Ich fragte mich, ob er sich den Kopf gestoßen hatte.
Connor gefiel die Vorstellung nicht ganz so. Er sah ziemlich angespannt aus. Und wütend.
Ich wartete.
Die beiden Brüder blieben an Ort und Stelle.
„Ich will mich heute noch umziehen!“, machte ich deutlich.
„Lass dich durch mich nicht stören.“, grinste Joshua.
„Josh.“, knurrte Connor und zerrte ihn weg.
Okay, das war komisch.
Ich verdrängte die letzten Momente und zog mir was über. Ich brauchte nicht darauf achten was ich anzog. Es sah eh alles gleich aus.
Einen Fön hatte ich nicht finden können, es war aber warm genug im Haus. Ich versuchte Joshua zu finden, er war mir immerhin noch eine Erklärung schuldig. Und mit Connor wollte ich nicht mehr zu tun haben als absolut notwendig. Er war noch seltsamer als Joshua.
Im Wohnzimmer wurde ich fündig. Leider war auch Connor anwesend. Sie saßen jeweils am anderen Ende des Raumes und schwiegen sich an. Ich zog eine Augenbraue hoch. Was für ein Kindergarten.
„Könnte sich der Herr endlich dazu herablassen mir eine Erklärung zu geben? Oder findet er wieder einen Grund sich zu drücken?“
Joshua fing wie die Sonne an zu strahlen, als ich auf mich aufmerksam machte. Connor regierte gar nicht.
„Was willst du wissen?“
„Zuerst: Wer ist hinter euch her?“
Sein Lächeln gefror.
„Es ist besser, wenn du das nicht weißt.“
„Besser am Arsch! Rede oder ich hau ab!“
Er seufzte.
„Du wirst ausflippen.“, versuchte er mich umzustimmen. Connor brummte zustimmend.
„In der Tat.“, versprach ich. Meine Geduld war sehr begrenzt.
„Es gibt da eine Organisation von … gedrillten Personen. Ich gehörte ihr früher an und eigentlich gehörte das schon der Vergangenheit an, da tauchen sie wieder auf. Blöderweise war Connor auch mal in einem Verein. Und diese Typen sind, sagen wir, unbeherrschter.“
„Okay.“, sagte ich zweifelnd. „Und welche Rolle spielte ich noch mal?“
„Ja, eigentlich solltest du ja die letzte deiner Generation sein. Nicht, dass das noch einen Unterschied machen würde. Du warst längst bei uns. Ich bin aber dennoch überrascht, dass du einen Vater hast. Wie dem auch sei, es gab da einst einen sehr gefürchteten Typen. Er war dein Vorfahre und du trägst seine Gene in dir.“
„Und was soll mein Opa so grausames gemacht haben?“, hakte ich nach. Ich konnte mir nichts Furchteinflößendes vorstellen.
„Nun, er hatte erschreckend gut gegen die zwei Organisationen gekämpft.“
Aha. Wenn ich das nächste Mal eine Erklärung haben will, würde ich den Erklärbär anrufen.
Der Gesprächsstoff war erschöpft und es hatte sich eine unangenehme Stille ausgebreitet.
„Und seid ihr eigentlich richtige Brüder?“
„Natürlich.“, bekräftigte Joshua so selbstverständlich, dass ich das Thema sein ließ.
Ja, und nun?
„Wo soll ich eigentlich schlafen?“, stellte ich die nächste Frage. Von den Jungs kriegte ja keiner den Mund auf.
Connor hob schlagartig den Kopf. Joshua schaute ihn warnend an.
„Du kannst in meinem Zimmer schlafen.“
Plötzlich hörte ich einen Laut, den ich zwischen Donnergrollen und Tierknurren einordnen würde.
Erschrocken schaute ich mich um. Wo kam das her?
„Das ist dasselbe Zimmer, neben dem du auch duschen warst. Ich schlafe in der Zeit auf dem Sofa.“
Irritiert schaute ich von einer Ecke zur anderen.
„Habt ihr das auch gehört?“, fragte ich dümmlich nach. Ich konnte mir das einfach nicht eingebildet haben!
„Was denn?“, fragte Joshua freundlich nach.
Also, was es auch war, man wollte es unter den Teppich kehren.
„Habt ihr in diesem großen Haus kein Gästezimmer?“ Das konnte mir keiner erzählen! Immerhin hatte ich mich erst im Erdgeschoss in der linken Hälfte aufgehalten und hab schon Joshuas Zimmer, ein Bad, Flur und das Wohnzimmer gesehen.
Joshua tauschte einen eindeutigen Blick mit Connor.
„Leider nicht. Zurzeit sind alle Räume belegt.“
Ungläubig zog ich eine Augenbraue hoch. Na, wenn sie meinten. Ich konnte das nicht ganz glauben.
„Dann schlaf ich auf dem Sofa, ich beleg doch nicht dein Bett.“
Joshua schaute genauso schnell zu Connor, wie er wieder seinen Blick abwandte.
„Nein. Es ist sicherer für dich, wenn du dort schläfst.“
Die ganzen Anspielungen wurden langsam wirklich nervig! Besonders, da ich sie nicht verstand.
„Ich kann mich verteidigen. Keine Sorge.“
„Du schläfst im Bett.“, drohte Joshua.
„In deinen Träumen! Ich nehm das Sofa!“, wetterte ich zurück.
Connor stand auf und ging zum Flur. Er schien kein Interesse am Gespräch zu haben. Klar, es ging ja auch nicht um sein Schlafgemach.
„Was ist sein Problem?“ Ich gab zu, es ging mich nichts an. Aber ich war einfach zu neugierig.
„Nimm es nicht persönlich. Er meint es nicht so. Das ganze ist nur etwas schwierig für ihn.“
„Inwiefern?“
Joshua lächelte sein 1000 Watt Lächeln mit einer Spur einer Entschuldigung darin. „Das kann ich dir nicht sagen. Zu persönlich, du verstehst.“
Das Problem mit mir war, dass ich ziemlich einfach gestrickt war. Ich war, wie jeder andere auch. Sagte man mir, dass ich etwas nicht machen darf, wollte ich es nur umso mehr. Verbote waren so verlockend, ich konnte ihnen nicht widerstehen.
„Hier ist ein Fernseher. Mehr kann ich dir im Moment nicht bieten. Bis morgen kann ich dir ein paar Sachen besorgen. Was hättest du gern?“
Ich wettete, ich schaute wie eine Kuh wenn’s donnert. Man musste mir jedoch zu Gute halten, dass mir nicht jeden Abend einen Freifahrtsschein gegeben wurde, wo ich mir wünschen konnte, was ich wollte. Selbst von Weihnachten kannte ich das nicht. Mein Dad verdiente dazu nicht genug. Ein Festmahl und ein paar Süßigkeiten mussten reichen.
Er prustete los, mein Gesichtsausdruck war bestimmt urkomisch.
„Ich werd dich einfach überraschen!“, beschloss er und stand auf, um mir auf die Schulter zu klopfen. Es war hoffentlich nicht beabsichtigt, dass es so wehtat. Schmerzvoll verzog ich mein Gesicht.
Er war sofort alarmiert. Schaute erst auf seine Hand, dann auf meinen Arm.
„Oh! Entschuldige! Das wollte ich nicht. Tut es sehr weh? Geht es? Mensch! Sag doch was!“
„Halb so schlimm. War mehr der Schock. Du hast ganz schön viel Kraft. Sieht man dir gar nicht an.“, presste ich zwischen meinen Zähnen hervor. Himmel, tat das weh!
„Ich – ich hol dir was zum Kühlen.“, sagte er leicht verstört. Ihm schien das ganz schön zu belasten.
„Hey! So schlimm ist es nicht!“, rief ich ihn hinterher, aber er war schon losgerannt.
Sekunden später war er mit einem Kühlakku und einer Salbe plus Verband zurück. Um Gottes Willen, er hatte mir einen blauen Fleck beschert, nicht mich misshandelt. Man konnte es auch übertreiben.
„Ich kenn mich da nicht so aus. Was soll ich denn machen?“, fragte er mich verzweifelt.
Ich seufzte auf und winkte ihn heran.
„Gib mir den Akku, den Rest kannst du behalten.“
Er musterte mein Gesicht, suchte nach einem Anzeichen, dass ich nur die Starke spielte. Doch der Schmerz war schon wieder abgeklungen.
„Es tut nicht mehr weh. Hier.“
Zur Demonstration bewegte ich meinen Arm auf und ab.
„Was tut nicht mehr weh?“, fragte Connor schneidend.
Wie eine düstere Gestalt aus einem schlechten Horrorfilm stand er im Türrahmen und fixierte Joshua feindselig.
„Ich erklär es dir. Komm mit.“, erwiderte Joshua leichsinnig und lotste den Griesgram aus dem Haus. Ich hörte noch, wie die Tür ins Schloss fiel, dann war es still.
Ich musste eingeschlafen sein, denn an das nächste, was ich mich erinnerte, war, dass ich die Augen aufschlug. Es war einfach zu langweilig gewesen und der Fernseher hatte auch keine Abwechslung geboten. Es war wie ein Reflex. Wenn mir langweilig war, nickte ich ein.
Ich reckte und streckte mich. Danach machte ich mich auf die Suche nach Koffein. Ich war einer der Menschen, die ihre tägliche Dosis Koffein brauchten, bevor sie zurechnungsfähig waren.
Halb blind schlich und stolperte ich durch die Gegend. Zuerst fand ich ein zweites Badezimmer. Uninteressiert schloss ich die Tür wieder. Ich wanderte weiter und öffnete die nächste Tür. Was ich sah, ließ mich im Türrahmen versteinern.
Der Raum war genauso groß, wie das Zimmer, in dem ich mich am Vorabend umgezogen hatte. Es wirkte nur viel kleiner, da es mit mehr Möbeln zugestellt war. Zudem befand sich das Bett in der Mitte. Ich hätte wissen müssen, wem die Hälfte des Hauses gehörte. Mein Gehirn war nur noch so lahm gelegt, dass ich es vergessen hatte.
Auf dem Bett, dem riesigen, lag kein anderer als Connor. Selbst im Winter trug er nichts anderes zum Schlafen als eine Boxershorts. Ich wusste es. Ich konnte es sehen, da die Bettdecke auf dem Boden lag.
Während ich so rum stand, richtete sich Connor auf. Im Gegensatz zu mir wirkte er sofort hellwach und seltsam bereit. Er musterte mich von oben bis unten. Und erst da wurde mir bewusst, dass ich mich ebenfalls ein wenig ausgezogen hatte. Es musste irgendwann in der Nacht gewesen sein. Und obwohl ich nur meine Jeans abgelegt hatte, fühlte ich mich, als ob ich weniger an hätte.
„Was willst du?“, fragte er mich mit einer rauen Morgenstimme. Mir lief es heiß den Rücken herunter.
Was wollte ich eigentlich?
Ich hatte es vergessen.
„Äh.“, brachte ich nur heraus.
In einer fließenden Bewegung stand er auf und trat vor mich. Sein Blick wanderte zu meinen Beinen, dann schnellte er nach oben und schaute mir in die Augen.
„Hör zu.“, fing er an. „Es gibt eine Regel: du darfst mein Zimmer nicht betreten. Wenn du was von mit willst, klopfe einfach. Und wenn ich nicht rauskomme, kommst du nicht rein.“
Während er redete versuchte er mir etwas zu verdeutlichen, etwas was hinter seinen Worten lag. Und ich hatte keine Ahnung, was das sein sollte. Verunsichert bemerkte ich, dass es überall zu kribbeln und zu prickeln anfing. Kleine Stromstöße jagten durch meinen Körper und erschwerten mit das denken.
Ich wusste nicht wieso, aber ich rückte noch näher.
Unvermittelt packte mich Connor an den Schultern. „Was soll das?“
Ja, was machte ich hier eigentlich? Sein Geruch umnebelte mich. Eine berauschende Mischung aus Parfüm, Schweiß und Mann.
„Hey!“, forderte er Aufmerksamkeit. Eh ich mich versah pinnte er mich an die Wand. Sorgsam achtete er darauf mich so festzunageln, dass ich den größtmöglichen Abstand zu ihm einhielt.
Meine Atmung wurde schlagartig schneller, als er weiter sprach.
„Ich gebe dir diese Warnung nur einmal. Wenn du sie nicht beachtest ist es dein Problem. Mit den Konsequenzen musst du dann umgehen können.“
Ich weiß, dass es wichtig war, was er mir sagte, aber die Wörter ergaben für mich keinen Sinn. Seine Lippen sahen so weich aus. Wenn er redete bewegten sie sich sinnlich und gerade leckte er sinnesraubend über sie.
„Halt dich von mir fern und um Gottes Willen, heiz mich auf gar keinen Fall auf.“ Seine Stimme wurde gegen Ende immer rauer. Sein Blick heftete sich auf meinen Mund. Und mein Gehirn schaltete sich komplett aus. Ich konnte mich mit seinem Gelaber morgen beschäftigen.
Er knurrte auf und ich wurde scharf.
„Scheiße.“, fluchte er noch ein letztes Mal. Dann zog er mich ruppig an sich und küsste mich heftig.
Nur Sekunden verstrichen und ich war schon wieder an der Wand. Diesmal drückte er mich aber daran. Trotzdem schmiegte ich mich an ihn. Mir war jeder Millimeter zuwider. Meine Hände strichen über seinen Rücken und fuhren seine Muskeln nach. Das T-Shirt war im weg. Ich strich nach unten, um seine nackte Haut zu spüren. Sie war fest und brennend heiß.
Ich stöhnte auf, überwältig von den Ereignissen.
Auf einmal war Joshua da. Genau neben uns tauchte er auf, ein gepeinigtes Heulen erklang und Connor war plötzlich an der anderen Seite des Flures. Er drehte sich um und war im nächsten Augenblick in seinem Zimmer. Die Tür knallte laut hinter ihm ins Schloss.
Ich blinzelte. Wartete ein paar Sekunden, dann wendete ich mich Joshua zu.
Verlegen räusperte ich mich. „Morgen.“ Zu meiner Scham war meine Stimme eindeutig belegt.
Er zog eine Augenbraue hoch. „Dir auch einen süßen Morgen.“ Ein dreckiges Grinsen breitete sich in seinem Gesicht aus.
Ich hörte, wie eine Dusche angestellt wurde. Bei den Gedanken an einen entkleideten Connor wurde mir ganz warm im Gesicht. Hilfe, meine Fantasie war auf Überproduktion.
„Brauchst du Kaffee?“, lenkte er mich wieder ins hier und jetzt.
„Jede Menge.“, antwortete ich postwendend. Eigentlich bräuchte ich etwas ganz anderes, aber das war gerade unter – ich brach den Satz ab. Ich sollte mit dem nachdenken noch warten, das war sicher das Beste.
„Na komm Häschen.“ Joshua nahm mein Handgelenk und führte mich in die Küche. Sie war eine dieser neumodischen Edelstahlküchen, die so aussahen, als wäre sie nur zur Dekoration und wo man sich das Essen lieber per Lieferservice bringen ließ, um auch ja keinen Dreckfleck zu machen. Doch als Joshua den Kühlschrank öffnete und ein paar Sachen daraus hervorholte, sah ich, dass er zumindest mit den lebenswichtigsten Dingen gefüllt war.
„Ich hab deine Sachen ins Zimmer gelegt. Diese Nacht hab ich dich auf der Couch gelassen, aber wenn du noch mal dort einschläfst, trag ich dich ins Bett. Du hast mein Zimmer, also benutz es auch.“
Ja, ja, dachte ich nur. Ich hatte immer noch Konzentrationsschwierigkeiten.
Moment, was für Sachen. Alarmiert fragte ich nach.
„Du wolltest doch nicht ernsthaft nur diese schwarzen Lumpen anziehen. Ich mein, dein Outfit jetzt ist heiß, aber du brauchst noch war ansehnliches.“
Da erst wurde mir bewusst, dass ich noch keine weiteren Sachen angezogen hatte. Ich entschuldigte mich und machte, dass ich in die Stube kam.

Komplett angezogen bewegte ich mich zurück. Ich würde dann duschen, das Wichtigste jetzt war Kaffee.
Auf dem Flur lief ich in Connor. Er war frisch rasiert und roch noch nach Rasierwasser und Duschbad. Angelockt trat ich näher zu ihn – eine Wolke Parfüm umhüllte mich zugleich. Er roch unbeschreiblich, nach einer Mischung aus Wald, Seife und Mann.
„Du sollst das unterlassen!“, bellte er und hielt mich mit seinen muskulösen Armen von sich weg.
Ich konnte nichts dafür. Ehrlich nicht. Etwas raubte mir den Willen, wenn ich in seiner Nähe war. Ich konnte dann nicht mehr klar denken und mein Instinkt blieb einsam zurück, verzweifelt und ungeheuer angetörnt. Wahrscheinlich sollte mir meine Reaktion Angst machen; das tat es auch. Ich war geradezu verstört, wie ich mich benahm. Nur vergaß ich das immer, wenn ich in einen bestimmten Radius von ihm kam.
„Kommt Kinder, ihr könnt später spielen. Jetzt wird erstmal gefrühstückt.“, mischte sich Joshua ein.
Knurrend ließ mich Connor los und ich nahm mir den festen Vorsatz vor, ihm nie wieder näher als zwei Meter zu kommen. Es musste einen Grund dafür geben, redete ich mir ein. Sonst war ich doch eher unterkühlt. Ich schmiss mich nicht an den Hals von Männern!

Meine Welt bekam wieder Farbe, nachdem ich meinen zweiten Kaffeebecher geleert hatte. Langsam kam ich in die Gänge.
„Wie lange hast du heute Unterricht?“, fragte mich Joshua. Genau genommen unterhielt er sich als einziger mit mir. Die drei Worte, die ich von Connor gehört hatte zählten nicht. Sie waren ja nicht einmal freundlich gewesen.
„Oh.“ Siedendheiß fiel mir meine Arbeit ein.
„Fuck!“, fluchte ich. Ich würde durchfallen. Das Fach war sowieso eins meiner schlechtesten. Noch eine sechs konnte ich mir nicht leisten.
„Was hast du?“ Der geselligere von den Brüdern wirkte leicht irritiert.
„Du schaust aus, als würde die Welt untergehen.“
„Nein. Nur meine schulische Laufbahn.“
„Ach komm, so schlimm wird es schon nicht sein.“, versuchte er mich aufzumuntern. Er hatte ja keinen blassen Schimmer, wie miserabel ich war.
„Wir schreiben heute die Arbeit und ich kapier noch nicht mal die Überschrift.“ Vom Inhalt des Themas ganz zu schweigen.
„Welches Fach?“
„Wirtschaftslehre.“ Und ich hasste es von ganzem Herzen.
„Bei der Rasper?“
„Bingo.“ Ich ließ meinen Kopf auf die Tischplatte sinken. Was sollte ich nur machen? Man konnte in ihrem Unterricht nicht spicken. Das war ausgeschlossen! Ich sollte krank machen und mir damit eine Gnadenfrist einräumen.
In meiner Haltung bekam ich nicht mit, wie Joshua selig vor sich hingrinste.
In Gedanken versunken seufzte ich und stand auf. Niedergeschlagen schleppte ich mich ins Bad, um mich alltagstauglich zu machen.

Nach der Dusch war ich auf die Suche nach sauberen Sachen gegangen. Wie mir Joshua gesagt hatte, fand ich sie auf dem Bett, welches übrigens unberührt war. Hatte Joshua sich in der Nacht um die Kleidung gelegt? Oder einfach gar nicht in das Bett? Jedenfalls war ich froh meine eigene Unterwäsche mitgenommen zu haben. Auch, wenn er mir selbst diese neu gekauft hatte. Ich musste sagen, er hatte einen komischen Geschmack. Aufreizend wäre wohl das treffendere Wort. Mit Daumen und Zeigefinder hielt ich gerade ein Spitzenbesetztes, aus dunklem, durchsichtigem Stoff bestehendes Höschen hoch. Sowas zogen doch nur Schlampen oder Möchtegernnutten an. Durch die Unterwäsche abgestumpft war ich auch nicht mehr bei den restlichen Teilen überrascht. Die Pullover hatten zu tiefe Ausschnitte, die Hosen bedeckten kaum den Hintern und die Röcke waren nicht anders. Meine Augenbraue wanderte bis zum Haaransatz hoch. Nur ein Mann kam auf die Idee eine Frau so einzukleiden, dachte ich kopfschüttelnd. Ich zog ein Top unter einem Pulli an, damit der größte Teil meiner Haut wieder bedeckt war. Himmel, der Junge hat bei seinem Einkaufsbummel wirklich vergessen, dass Winter ist. In den Sachen konnte man sich den Tod holen.
Ich zog lieber eine meiner Hosen an, die Connor in meine Reisetasche geschmissen hatte, in den anderen konnte man sich ja nicht bücken. Gerade zupfte ich an ihr herum, damit sie richtig saß, während ich den Flur entlang schlenderte.
„Das willst du doch nicht ernsthaft anziehen!“
Joshua war entsetzt, dass ich nicht seine freizügigen Sachen anzog.
„Doch. In denen, die du mir hingelegt hattest, werd ich erfrieren.“
„Papperlapapp. Niemand erfriert so leicht. Du ziehst dich sofort um, oder du kannst zur Schule laufen!“
An einem anderen Tag, einem, an dem ich nicht in der zweiten Stunde eine Arbeit schreiben musste, wäre ich gelaufen. Heute musste ich allerdings pünktlich da sein, da die alte Schachtel jedem, der unentschuldigt fehlte, eine sechs reindrückte. Und die konnte ich mir nicht leisten. Wenn ich mitschrieb hatte ich wenigstens die Hoffnung, dass ich eine fünf schreiben könnte. Es müsste nur ein Wunder geschehen.
„So eine Scheiße.“, murmelte ich vor mich hin und ging wieder zurück. Wenn doch nur die blöde Leistungskontrolle nicht wäre.
Skeptisch schaute ich eine Jeans an, die in die engere Auswahl gekommen ist. Sprich, sie besaß zumindest keine unangebrachten Löcher. Die würde schon gehen, ich müsste nur den Pullover weit runterziehen. Oder ich ließ die Jacke einfach an. Die war lang genug. Alles halb so schlimm. Halbwegs ermutigt tauschte ich die Hosen aus.
Als ich diesmal den Weg ging, stolperte ich gleich über meine Füße und viel klassisch auf meine Knie.
„Au, au, au.“, jammerte ich. Hoffentlich war die gute Jeans nicht kaputt gegangen.
Da hörte ich, wie jemand vor mir pfiff. Ich rappelte mich auf und zog automatisch die heruntergerutschte Hose hoch.
„Was ist los?“
„Kleine, die hab ich zwar nicht gekauft, sieht aber trotzdem total scharf aus.“
Verständnislos schaute ich ihn an. Dann wendete ich mich Connor zu, der seltsamerweise mit rotem Kopf die Wand anstarrte.
„Was meint er?“, fragte ich ihn.
Er betrachtete weiter die Wand, antwortete mir jedoch wenigstens.
„Die Hose. Man konnte deinen Tanga sehen, als du hingefallen bist.“
Augenblicklich lief ich ebenfalls rot an. Heilige Scheiße!
„Genau deshalb wollte ich sie nicht anziehen.“, fauchte ich Joshua an. Und wie zum Teufel hatte sie den überhaupt sehen können?
„Hey, es sieht toll aus.“
„Ja klar. Können wir endlich los?“, lenkte ich das Thema um.
„Sicher.“, grinste er.

Max empfing mich vor der Schule. Natürlich hatte er gesehen, mit wem ich zur Schule gekommen war. Jeder hatte es gesehen.
„Du bist mit dem Gigolo zur Schule gekommen?“
„Offensichtlich.“
„Wieso?“
„Max.“, schluchzte ich. Ich warf mich an seinen Hals und genoss seine trostspendende Umarmung.
„Ich hatte gestern einen furchtbaren Tag, der heute weiterging.“
„Was ist passiert?“, fragte er, fürsorglich wie er war, nach.
„Ich darf nichts machen, soll ins Bett gehen und muss das Parfüm eliminieren.“
„Das... das kapier ich nicht.“
„Mein Leben ist scheiße.“, schimpfte ich.
„Okay, das versteh ich.“
Ich fühlte mich merkwürdig beobachtet und blickte mich um. Connor und Joshua starrten in meine Richtung. Beide wirkten nicht besonders glücklich. Connor sah sogar so aus, als würde er mich jeden Augenblick in der Luft zerfetzten. Da das nicht auf meinen Tagesplan stand, wollte ich die Fliege machen.
„Komm, lass uns reingehen. Es ist ungemütlich hier draußen.“
Schnell gingen wir ins Warme. Der Kerl konnte einem echt Brandlöcher in den Körper brennen.

Teddy fand seinen Weg im Klassenraum zu mir.
„Hey, ich hab gehört, du bist mit Joshua Dawn zur Schule gekommen. Wie haste das denn geschafft?“
„Wenn ich das wüsste, dann könnte ich es wenigstens rückgängig machen.“
Meine zwei Freunde bekamen fassungslose Gesichter.
„Wie, du willst das gar nicht?“, schoss es aus beiden gleichzeitig hervor.
„Um Gottes Willen, nein! Ich hatte nur keine andere Wahl, wenn ich nicht zu spät kommen wollte.“
Teddy zog seine Augenbrauen zusammen.
„Bist du nicht mit ihm zusammen?“
„Wie bitte?“, schrie ich.
„Es heißt, du gehst seit gestern mit ihm. Angela Rady hat gesehen, wie du mit ihm weggefahren bist.“
Scheiße!
„Nein! Ich bin nicht mit ihm zusammen. Auf gar keinen Fall. Wer behauptet sowas?“
„Angela.“
Wütend schmiss ich meine Jacke neben die Tasche, die Max gestern eingesackt und heute mitgebracht hatte, auf meinen Platz und stampfte zur besagten Tratschtante. Ich hatte noch 20 Minuten bis Schulbeginn und die gedachte ich zu nutzen.

„Angela.“, brüllte ich im Türrahmen der 11c. Sie gehörte der Klasse an.
„Oh, oh, Angi. Sie hat es rausgefunden.“, stänkerte einer ihrer Klassenkameraden.
„Klappe.“, zischte sie nur zurück.
„Was erzählst du für eine Scheiße herum!“, brüllte ich sie voll. Ein Tisch stand im Weg herum, weshalb ich ihn einfach zur Seite trat. Krachend traf er auf einen anderen.
„Wenn du so dringend Beschäftigung brauchst, helf ich dir gerne aus. Du könntest damit anfangen, deine Körperteile wieder richtig zusammenzusetzten.“
Ängstlich wich sie zurück und hob abwehrend die Hände.
„Warte. Das willst du doch nicht wirklich tun. Ich meinte es auch nicht so.“
„Ach.“
„Ja, das muss ein Missverständnis sein. Ich hab nur weitererzählt, wie ich euch gestern gesehen hab. Nichts weiter.“
„Und das soll ich dir abkaufen?“
Ich war immer noch auf 180, was man auch an meiner Lautstärke merkte. Scheppernd kickte ich den nächsten Tisch an den Rand.
„Waaaaaaaaaaaaaah! Ist ja gut. Ich hab gesagt, ihr wärt ein Paar. Es tut mir Leid. Ich mach es nie wieder. Nur tu mich nichts.“, bettelte sie.
„Ich hoffe für dich, du hältst dich dran.“ drohte ich und ging wieder. Die Lästertussi hatte ich genug eingeschüchtert.

„Alles geregelt?“, fragte mich Max, als ich mich auf meinen Platz setzte.
„Jo. Die sagt so schnell nichts mehr.“
„Lass mich raten, der Krach, den man gerade gehört hatte, war dein Werk?“
„Was für Krach?“, fragte ich nach. Ich hatte doch gar nichts gemacht.
„Der Krach. Lärm. Die ganze Schule hat das Poltern gehört?“
Was meinte er bloß? Was – ach du Schreck! Die Tische! Mist, die hatte ich gar nicht beachtet!
„Man, hoffentlich hat es der Rektor nicht bemerkt. Der gibt mir dann wieder eine „Lektion“.“
„Du kannst froh sein, dass er dich so mag. Sonst wärst du längst von der Schule geflogen.“
„Ich weiß, ich weiß.“
Zack Nargon war der bekannte Schuldirektor. Er sah ziemlich versteift aus und vermittelte auch sonst den Eindruck eines aalglatten Börsenmaklers. Es gab Gerüchte, dass er einige Immobilien, inklusive Schule, bekommen hat, damit er sich für immer von der Geschäftswelt fernhält. Und offensichtlich hatte er einen Narren an mir gefressen. Oder es war ihm nur egal, was mit der Schule passierte. Auf jeden Fall redeten wir immer über unser Privatleben, wenn er mich eigentlich belehren sollte. Auch wenn er auf den ersten Blick nicht so wirkte, war er sehr verständnisvoll. Er hatte zudem eine erfrischende Art, die Dinge zu sehen.
„Und? Habt ihr für die Arbeit gelernt?“, wechselte Teddy das Thema.
Die Arbeit! Die hatte ich schon wieder verdrängt!
„Nein.“
„Nein?“
Teddy schaute mich skeptisch an.
„Du weißt aber schon, dass du in dem Fach versetzungsgefährdet bist?“
„Ja, reib Salz in die Wunde.“
„Warum machst du dann nichts?“
„Weil ich nichts kapiere. Gar nichts. Du weißt, dass bei der Alten auswendig lernen nicht reicht. Man muss es anwenden können.“
Es gibt immer Leute, die der Meinung sind, dass man sich in alle Gespräche reinhängen kann, nur weil sie im Klassenzimmer stattfinden. Und dann auch noch davon überzeugt sind, ihren Senf dazu geben zu müssen. In meiner Klasse gab es von dieser Sorte Mensch mehr als genug, zum Beispiel Tom Laitor.
„Joshua soll ein Ass in Wirtschaftslehre sein.“, sagte Tom in seiner typischen Tonlage. Er war so schwul wie die Crew von Traumschiff Surprise. Und redete auch so.
„Behalt deine geistigen Ergüsse besser für dich.“, erwiderte ich auch gleich. Von dem würde ich mir nie Nachhilfe geben lassen.
Wie eine Kuh kaute Tom auf seinen Kaugummi und warf zwischendrin Teddy offensichtlich laszive Blicke zu.
„Es gibt da noch einen. Einen großen, böse dreinguckenden Kerl names Connor. Der soll der zweitbeste sein. Den kannste doch auch fragen.“
Toll. Da hatte ich die Auswahl zwischen Skylla und Charybdis. Vielleicht sollte ich einfach umkehren. Odysseus hat die Möglichkeit ja nie in Betracht gezogen. Und was wurde daraus? Noch mehr lebensgefährliche Abenteuer.
„Aber ohne mich! Ich will auch gar nicht zurück!“
Max klopfte mir auf die Schulter und übersetzte für die anderen: „Sie will damit nein sagen.“
„Ah.“, machte Tom, als Zeichen, dass er verstanden hat.
„Na, ich wollte dir ja nur helfen.“
Das brachte mich zum Schmunzeln. Tom wollte mir nicht helfen. Er wollte sich an Teddy ranmachen und dabei „subtil“ vorgehen. Das einzige Problem war, dass selbst unauffällig noch bei ihm noch auffällig war. Gerade lehnte er sich zu Teddy und begutachtete seine Fingernägel.
„Hey Ted. Hast du heute schon was vor?“
„Sorry, hab heute keine Zeit. Ich häng bei FF12 fest.“
„Oh. Wo denn? Ich hab das Spiel schon 10x durch.“
„Ehrlich? Das ist ja super. Also ich bin da grad in Archadis und weiß nicht, was ich als nächstes machen soll.“
„Das ist einfach. Warst du schon beim Taxistand?“
„Dem was?“
„Taxistand. Weißt du was? Ich komm heute mit zu dir und zeig dir wo er ist.“
Tom strahlte von einem Ohr zum anderen. Da war aber jemand glücklich. Beneidenswert.
Mister Hank betrat den Raum und quälte uns die nächsten 45 Minuten mit der absoluten Logik von Mathe. In der darauf folgenden kurzen Pause demotivierten wir uns selbst, um hoffnungslos und verzweifelt Misses Rasper zu empfangen.
„Wir schreiben heute keine Arbeit!“, kreischte sie los. Die Frau war immer im Stress und am Rand der Hysterie.
„Aber macht euch keine Hoffnungen. Wir schreiben sie in zwei Wochen!“
Ich wusste zwar nicht, was ihre Meinung geändert hatte, allerdings war es mir egal. Ich hatte Galgenfrist von zwei Wochen bekommen.
Natürlich war ich nicht die einzige, die sich freute. Augenblicklich wurde das Geschrei groß, weil keiner es so recht glauben konnte.
„Hast du das gehört Max? Zwei Wochen! Zwei Wochen!“, rief ich enthusiastisch.
„Unglaublich.“, flüsterte er.
„Ruhe! Ruhe! Wenn ihr nicht sofort den Mund haltet, werde ich die Leistungskontrolle jetzt schreiben.“
Es war regelrecht gruslig, wie gut wie Drohung wirkte. Bis zum Ende der Stunde sagte keiner mehr einen Ton.

Connor besuchte mich in der Mittagspause. Er saß aus, wie der Leibhaftige. Ich bekam ein ganz mulmiges Gefühl, als er sich vor meinen Tisch stellte. Augenblicklich fühlte ich mich wie ein ungezogenes Kind, dem gleich eine Standpauke blühte.
„Wir müssen reden.“, verkündete er rau.
Mir lief es heiß den Rücken runter. Himmel, der Mann hatte eine Wirkung auf mich, die nicht mehr normal war.
„S- sicher.“, gab ich nach.
Egal was es war, ich wollte es nicht in der Klasse ausdiskutieren.
Er packte mein Handgelenk und zerrte mich in eine Ecke des Schulgebäudes, wo keiner so schnell hinkam. Offensichtlich wollte er nicht warten, bis ich selbst aufgestanden wäre.
„Warum?“, knurrte er.
Bitte?
„Was warum?“
„Warum bist du mit ihm zusammen?“, knirschte er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Er war außer sich. Wenn ich jetzt noch wüsste warum, könnte ich bei Neun Live als Wahrsagerin anfangen. Mein Puls war aufgrund seiner Nähe schon wieder in einer gefährlich hohen Geschwindigkeit. Zudem war es auch viel zu heiß hier.
Ich glitt zwei Schritte zurück, doch er wich mir nicht von der Pelle. Jeden Meter, den ich mich entfernte, kam er mir nach. Die Distanz verringerte sich kein bisschen, bis ich die Wand im Rücken spürte. Dann kam ich wirklich ins Schwitzen.
„Mit wem soll ich zusammen sein? Wovon redest du?“
Links und rechts von meinem Kopf stütze er einen Arm ab. Er schloss dicht zu mir auf. Mir war es ziemlich unangenehm, wie ich mich unwillkürlich aufrichtete und mein Becken vorschob. Ich roch wieder seinen herrlichen Duft. Was benutzte er nur für ein Parfüm? Das musste ich unbedingt rausfinden – und ihm wegnehmen.
„Connor.“, stöhnte ich halb. Geh zurück, dachte ich. Konnte es aber nicht sagen, da ich ein aufstöhnen unterdrücken musste.
„Du gehörst mir. Und das werde ich ihm zeigen.“
Jetzt war er komplett durchgedreht. Mein Atmen ging stoßweise und als er anfing meinen Hals zu küssen, dachte ich, hyperventilieren zu müssen.
„Zurück.“, keuchte ich. Doch er hörte nicht auf. Er leckte meine Pulsader entlang und meine Umgebung verschwamm zu bunten, wirren Farben. Dann wurde alles schwarz.
6.5.09 22:11





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