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Kapitel 1

Wie ich vermutet hatte, war das Haus viel zu groß, bot viel zu viel Platz und sah viel zu teuer aus. Missbilligend entdeckte ich einen unbezahlbaren Gegenstand nach dem anderen. Unbezahlbar für mich, für die Insassen mussten sie zwangsläufig erschwinglich sein.
„Gefällt es dir nicht?“, fragte er mich traurig.
Ich seufzte. Wo waren meine Manieren?
„Es ist…“ Ich suchte nach dem passenden Wort. „nett.“ Nett war gut. Nett war neutral.
Er lächelte als wüsste er, was es mir für Bemühungen machte, was relativ Gutes zu der Villa zu sagen.
Da hörte ich ein schlürfen. Irritiert schaute ich zu Joshua, schickte Fragen mit meinem Blick. Er lächelte nur sehr selbstzufrieden. Wie als wäre er stolz, etwas ganz Tolles gemacht zu haben. Mir wurde schlecht.
Kann sein, dass ich überempfindlich war, dass es gar nichts mit mir zu tun hatte, dass ich mir alles nur einbildete. Trotzdem gingen im meinem Kopf sämtliche Alarmsignale los, als jemand die Klinke an der Tür rechts von mir runterdrückte. Langsam, gemächlich wurde die Tür geöffnet.

Ich hatte mir ziemlich viel in meinem phantasievollem Kopf zusammen gesponnen. Ich wäre nicht überrascht gewesen, wenn ein grünäugiges dreiköpfiges Monster durch den Rahmen getreten wäre. Nicht mal bei einem sprechenden Krokodil oder gleich dem gestiefelten Kater. Stattdessen stand nun der Typ vor mir, der mich schon in der Schule angestarrt hatte. Der große, breitschultrige Kerl, der so dunkel aussah.
Aus der nähe betrachtet war er allerdings zwar immer noch groß, aber nicht mehr so überdimensional breit. Und er sah „nur“ noch bedrohlich aus, kein bisschen unheimlich.
Vollkommen überrascht schaute er mich an. Sofort drehte er sich zu Joshua.
„Was sucht sie hier?“, verlangte er knurrend zu wissen.
Meine Augenbrauen zogen sich zusammen und noch in der gleichen Sekunde verteidigte ich mich – verbal.
„Ich bin nicht freiwillig hier!“
Er war nicht beeindruckt von mir. Er starrte nur weiter Joshua an.
„Hallo? Schon mal was von Manieren gehört!“ Mir war die Ironie bewusst. „Und rede nicht von mir, als würdest du mich kennen!“
Genervt wendete er sich mir zu.
„Hör zu Kleine-“
Weiter kam er nicht, ich schnitt ihm das Wort ab.
„Nenn mich noch einmal so und ich werde dir ernsthaft wehtun!“, drohte ich.
Er schnaubte belustigt.
„Das würde ich zu gern sehen.“
Ich holte aus, sammelte alle Kraft, die ich hatte in dem Schlag und zielte auf sein Kinn.
Eigentlich hätte meine Faust voll treffen müssen. Er fing meine Hand allerdings auf, wie einen Apfel, der ihm zugeworfen wurde.
„Holla! Immer ruhig mit den jungen Pferden.“ Ich sah ihm an, dass er nicht damit gerechnet hatte, dass ich wirklich zuschlug. „Was für eine Gewaltbereitschaft.“
„Du solltest sie mal in der Schule erleben. Wenn sie ausflippt bleibt kein Stein mehr auf dem anderen.“, warf Joshua ein.
Oh Gott, war ich schon so gewöhnt an meine Ausbrüche, dass ich gar nicht mehr merkte, dass ich die Schule verwüstete?
„Obwohl sie meist nur faucht und droht.“
Schon wieder hatte ich das Gefühlt, dass er meine Gedanken erraten hatte. Ich wandte meine Aufmerksamkeit dem Typen vor mir zu. Mister Steroidenverbraucher hielt meine Hand immer noch eisern umklammert, einen Umstand, den ich schnell ändern wollte.
„Wenn du meine Hand behalten willst, kostet das was.“
Ich hoffte, dass das nicht zu unfreundlich klang. Nun, wo das Adrenalin verpufft war, erinnerte ich mich daran, dass mir solche Männer in gewisser Weise Angst machten. Sie waren mir körperlich grenzenlos überlegen. Ich könnte mich nicht wehren, wenn ihm einfiel, dass er mir noch eine reinhauen wollte. Ich wusste, dass ich es verdient hatte.
„Wie viel?“, mischte sich Joshua ein. Er lachte sehr, sehr dreckig, worauf ich mir keinen Reim machen konnte. Der Dauerbesucher im Fitnessstudio starrte nur meine Hand an. Anscheinend dachte er nicht daran, mich in nächster Zukunft loszulassen. Wenn er überhaupt dachte.
„Was?“, fragte ich ungläubig.
„Wie viel deine Hand kostet. Und der Rest.“
Mir klappte der Mund auf. Was bildete sich dieser Joshua ein?
„Nicht für mich, für ihn.“ Er deutete mit seinem Zeigefinger auf Mister Mucki und sah aus, als würde er gleich laut loslachen.
Ich wollte meine Hand losreißen, koste es mir, was es wolle, erreichte jedoch nur, dass er mit einer unbewussten Bewegung gegensteuerte. Ich flog, besser knallte, an seine Brust. Der Typ war mehr durchtrainiert, als mir gut tat. Er schlang einen Arm um mich, um mich zu stabilisieren und schaute mich verblüfft an. Mir ging es genauso, dachte ich, als würde er meine Gedanken hören. Ich würde auch gern wissen, wie zum Teufel ich in seiner Umarmung gelandet war.
Joshua prustete los.
Wenn ich dachte, meine Hormone hätten bei Joshua überreagiert, irrte ich mich. Ein Schauer nach dem anderen jagte durch meinen Körper, wie elektrische Impulse. Ich fühlte, wie meine Körpertemperatur anstieg, bis ich das Gefühl hatte, mein Blut kochte. Gewaltsam presste ich meine Lippen zusammen, konnte so das Stöhnen gerade so unterdrücken. Panisch, weil ich keine Ahnung hatte, warum ich so reagierte, versuchte ich von ihm wegzukommen. Er war schneller, hatte mich schon losgelassen, eh ich probieren konnte, mich freizukämpfen.
„Scheiße!“, fluchte er laut.
Zitternd landete ich auf dem Boden, auf meinen Knien. Meine Beine konnten mein Gewicht nicht mehr halten und waren eingeknickt.
„Scheiße“, fluchte er erneut.
„Ach komm, dass läuft doch besser, als erwartet.“, sagte Joshua erheitert.
„Halt dich da raus!“ Die Stimme vom Sportfanatiker war wie ein Donnergrollen.
Oh Gott, das war ja mehr als peinlich!
„Entschuldige.“, sagte der Typ mit dem Motto: Viel Muskeln, wenig Hirn.
Alles schön und gut, aber wofür?
„Warum?“
Ich schaute ihn fragend an. Langsam hatte ich mich beruhigt, nur meine Gesichtsfarbe wollte sich nicht regulieren. Ich war so rot wie eine Signalleuchte, wovon ich mich aber nicht abhalten ließ, ihn anzuschauen. Solange ich nicht in seine Augen blicken musste.
„Joshua übertreibt gern. Und wegen, du weißt schon, eben. Entschuldige.“
Eigentlich konnte er ja so rein gar nichts dafür, wenn meine Hormone freidrehten, ich war aber nicht scharf darauf, die Schuld auf mich zu nehmen. Wer war ich denn, ihm den Spaß zu verderben?
„Angenommen.“
„Sie hat dich angenommen.“, zwitscherte Joshua ihm zu.
Wie sollte ich das denn verstehen? Verstimmt zog ich eine Augenbraue in die Höhe und wartete, dass mir einer erklären würde, was hier vor sich geht. Und auf das Handtuch wartete ich auch schon ewig.
„Ich hol dir schnell ein Handtuch.“, verkündete Joshua. Wenigstens hatte er nicht vergessen, dass ich bis auf die Unterwäsche durchweicht war.
„Lass dir Zeit.“, knurrte der Berseker hinterher. Es klang wie eine Warnung. Doch wovor?
Die beiden waren mehr als komisch.
„Wie heißt du?“, fragte er mich. Seine Stimme war jetzt rau und dunkel, ohne die vorherige Feindseeligkeit.
„Kate.“, beantwortete ich widerwillig. Wer wusste schon, was die mit mir machen wollten.
Mit einer fließenden Bewegung stand ich wieder auf. Ich war lange genug auf dem Boden gewesen.
„Fuck!“ Er atmete tief durch.
Ich war die Letzte, die den Namen toll fand, aber ich fluchte nicht gleich los.
„Schön Kate. Dann stimmt es ja. So eine Scheiße.“
„Jetzt hör schon auf!“, fuhr ich ihn an. Langsam reichte es! „Was soll das alles?“
„Eine Frage noch: ist dein Nachname Renold?“
„Ja.“, sagte ich ungeduldig. Ich wollte endlich wissen, worauf er hinaus wollte.
Er stieß noch ein paar halb unterdrückte Flüche aus, die kein Gentleman in der Gegenwart einer Lady genannt hätte. Sollte ich anfangen Popcorn zu verlangen oder ging das heut noch los?
„Entschuldige Kate. Ich hatte nur gehofft, dass du nicht auftauchen würdest.“
Ich wohnte ja nur schon mein ganzes Leben in der Stadt. Klar, dass ich da ganz plötzlich aufgetaucht bin, so ohne Vorwarnung.
„Sie versteht deine kryptischen Sätze nicht.“ Joshua war wieder aufgetaucht und warf ein Handtuch über meinen Kopf. Bevor ich anfangen konnte meine widerspenstigen Haare zu trocken, hatte ich auch schon die Hände von Blacky um mein Haupt. „Ich mach es kurz: Wir sind Brüder und brauchen deine Hilfe.“
Das war zu kurz. Ich kapierte rein gar nichts.
Joshua seufzte. „Okay. Wir sind Brüder und du bist die letzte deiner Generation, die uns helfen kann. Dein Name ist allseits bekannt unter uns, um nicht zu sagen gefürchtet. Aber das kennst du ja.“ Er grinste spitzbübig. „Wir werden zur Zeit von ein paar unangenehmen Zeitgenossen verfolgt, gegen die wir leider machtlos sind. Und da kommst du ins Spiel. Du brauchst nur ein paar Tage hier bleiben. Das reicht vollkommen aus. Dein Name allein wird sie in die Flucht schlagen. Und dann kannst du auch wieder nach Hause.“
Ich versuchte die ganzen Informationen zu verarbeiten. Es war schwer vorstellbar, dass diese beiden Kerle meine Hilfe brauchten und noch viel unwirklicher, dass ich ein paar Typen verjagen konnte. Ohne was zu machen. Und dann spürte ich noch, wie die beiden mir etwas Entscheidendes verschwiegen. Oder meine Paranoia schlug wieder zu.
Alles in allem war es nicht mein Problem. Was ist, wenn er falsch lag und die Kerle sich nicht von mir abschrecken ließen? Ich wollte in keinem Mafiakrieg verwickelt werden. (Es war das plausibelste, was mir einfiel.)
„Bitte Kate.“, bat Joshua aufrichtig.
„Lass sie.“, brummte Mister Ungesellig. „Sie hat mit der Sache nichts zu tun. Wir sollten sie nicht reinziehen. Und das weißt du.“
„Aber sie ist da.“, schmollte Joshua. „Und sie würde uns helfen, wenn du sie bitten würdest.“
Stero seufzte und rang mit sich selbst.
„Bitte Kate.“, sagte er eindringlich. Er schaute mir direkt in die Augen.
Ich war gefangen. Noch nie hatte ich solch ein ungewohntes braun gesehen. Ich konnte nicht einmal genau definieren, was für Augen er hatte. Aber sie waren schön, das konnte ich mit absoluter Sicherheit sagen.
Hatte er mich nicht gerade etwas gefragt? Ach ja, fiel es mir wieder ein.
„Na gut.“, stimmte ich abwesend zu. Ich konnte meinen Blick nicht abwenden. Himmel, waren das phantastische Augen.
„Siehst du.“ Joshua freute sich tierisch. Er grinste von einem Ohr zum anderen. Ich beachtete ihn aber nicht. Ich war vollkommen auf Prinz Uncharming fixiert. Joshua kicherte schon wieder wegen irgendwas. Ich fand, dass er einen an der Klatsche hatte. Aber gehörig!
„Komm mit Kleine, wir holen deine Sachen.“, bestimmte der ausgeglichenere von den Brüdern. Er hatte wenigstens nur schlechte Laune.
„Wie jetzt?“, fragte ich nach. Mein Denkapparat war noch in der Hochladphase.
„Sachen holen! Jetzt!“, grollte er.
So ein…
„Fi*k dich!“, giftete ich zurück. Ich riss seine Hände von mir, die meine Haare abgetrocknet hatten, schmiss das Handtuch in seine Richtung und stampfte zur Vordertür. Heftig zog ich sie auf und knallte sie hinter mir wieder zu.
Das tat gut! Ich war so froh in dieser Zeit geboren zu sein, ich wüsste sonst nicht, wie ich meinem Ärger Luft machen sollte. Ganz ohne Türknallen.

Ich trampelte gerade gemütlich die Straße entlang, als mir auffiel, dass Bad Boy hinter mit hertigerte. Er sagte keinen Ton. Was sollte das werden, wenn es fertig war?
Ich ging ein bisschen schneller, bog ein paar Mal ab, wo ich eigentlich nicht hinwollte, nur um zu testen, ob er vielleicht zufällig den gleichen Weg wie ich hatte. Pustekuchen. Er verfolgte mich.
In dieser Gegend kannte ich mich aus. Wir näherten uns der Innenstadt, weg von dem überteuerten Viertel, wo wieder normale Menschen lebten.
Ich ging die Straße ganz normal entlang, wie jeder andere auch. Und dann bog ich ganz normal ab. In die nicht so normale Seitenstraße. Nach wenigen Schritten stellte ich mich an die Wand und wartete.
Ich wusste nicht wieso mich Stero verfolgte, aber ich gedachte es herauszufinden.
Völlig unvermittelt stand er plötzlich vor mir. Ich hatte ihn nicht gehört. Weder seine Schritte, noch sonst irgendetwas, was ihn verraten könnte. Dennoch stand er nun vor mir. Immer noch mit diesem verkniffenen Gesichtsausdruck.
So schnell ich konnte fasste ich mich wieder und funkelte ihn an.
„Hast du keine Hobbies?“, ging ich ihn an.
Er verzog keinen Muskel seines stoischen Gesichtes.
„Schon. Ich komm nur nicht mehr dazu.“
„Nein. Wie interessant!“
Er schaute mich an. Ich ihn.
„Warum?“
„Du warst bei uns.“
Ach, wirklich? Wäre mir gar nicht aufgefallen.
„Und?“
Er grummelte und fuhr sich mit einer Hand durch die kurzen Haare. Dann seufzte er, wechselte von einem Bein auf das andere.
„Du kannst nicht einfach zu uns kommen und dann wieder abhauen. So funktioniert das nicht. Die werden jetzt denken, dass du mit uns gemeinsame Sache machst.“
Ich war sprachlos. Zuerst wurde ich genötigt sein Haus von innen zu betrachten und nun wurde ich entweder von der Mafia – ich fand den Gedanken immer weniger abwendig – oder einer Art Men in Black verfolgt. Ich hoffte spontan, dass es die Men in Black waren, die wollte ich schon seit dem Film kennen lernen.
„Kannst du denen keine Nachricht schreiben?“
Er zog eine Augenbraue hoch.
„Guck nicht so. Dir fällt ja gar nichts ein! Ich will nur meine Ruhe haben!“
Er seufzte wieder.
„Joshua hatte dich nicht informiert.“, schlussfolgerte er. Heute war wohl der Schnelldenkertag.
„Wow. Ist dir auch schon aufgefallen.“
„Aber es ist zu spät.“
Ich wartete, ob er noch etwas ergänzen wollte, doch er schwieg wie ein Grab.
„Zu spät?“, echote ich.
„Ja. Du… ich kann dich nicht mehr so arglos rumlaufen lassen.“
„Sag mir sofort, wo ihr mich reingezogen habt.“
„Das kann ich nicht so einfach machen. So geht das nicht.“
Ich spürte, wie mein Wut-O-Meter in die Höhe raste und ich kurz davor war ernsthaft rot zu sehen.
„Das sagst du ständig.“, bemerkte ich.
Plötzlich fluchte er fantasiereich in mehreren Sprachen.
„Fuck! Wo wohnst du?“
Ich wusste nicht, was nun schon wieder los war, aber ich antwortete automatisch.
„Falkstraße 34.“
Er drehte mich zum Ausgang der Gasse und legte die Hände auf meine Schultern. Dann übte er Druck auf sie aus, was mich in Bewegung setzte.
„Dann los. Wir müssen hier weg!“
Stolpernd ging ich vorwärts. Seine Hände brannten durch meine Jacke.
Nach einiger Zeit gesellte er sich neben mich. Ich selbst war in Gedanken vertieft. Keiner wollte mir Antworten geben, aber die Fragen wurden langsam, aber sicher, immer penetranter in meinem Kopf. Was ging hier nur ab? In was war ich hineingeschlittert? Zuerst Joshua, der mich heute Morgen zum ersten Mal angesprochen hat. Noch gestern hätte ich mit meinem gesamten kläglichen Besitz gewettet, dass er mich nicht kannte. Und dann bestand er darauf, dass ich mit zu ihm komme, wo sein unheimlicher Bruder, den ich freundlicherweise Stero getauft hatte, mich zudem auch noch von sonst wo kannte. Als wäre ich so bekannt. Und jetzt lief ich mit ihm zu meiner Wohnung, weil er denkt, dass ich in Gefahr wäre. Ich seufzte. Wenn irgendjemand einen Vorschlag hätte, was das alles zu beuten hatte konnte er mir gerne einen Tipp geben. Oder noch besser, eine Karte schreiben.
Ich kramte in meiner Tasche nach dem Schlüssel, als ich die Haustür erblickte. Was sich mein Vermieter dabei gedacht hatte, will ich immer noch nicht begreifen, inzwischen übersah ich die quitschgelbe Tür jedoch. Meine Augen dankten mir dafür jeden Tag.
Er wartete, bis ich die Schreckenstür aufgeschlossen hatte, ließ mir den Vortritt und folgte mir schlussendlich zur Wohnungstür. Von drinnen hörte ich schon meine Katze mauzen. Die Kleine erkannte mich schon an den Schritten und legte auch sonst beängstigende Ähnlichkeiten mit einem Hund auf.
Sobald Stero geschnallt hatte, dass es meine Katze war, die den Lärm verursachte verzog er das Gesicht.
„Du hast eine Flohschleuder?“
Perplex schaute ich in an. Nebenbei verschafft ich uns Zugang zu der Wohnung, aus der mir meine Litschi entgegensprang.
„Sag das noch mal.“
„Warum hast du ’n Fellknäuel. Echt! Konntest du dir keinen Fisch zulegen?“
„Entschuldige? Das geht dich ja mal gar nichts an. Ich mag Katzen! Also unterlass die beleidigenden Namen! Sie heißt Litschi!“
„Verdammt.“, regte er sich auf.
Also wirklich. Einfach mein Goldstück anzugehen. So weit kam es noch.
„Dad?“, rief ich, in der Hoffnung, dass er nicht da wäre.
Wieder schaute er mich an, als könnte er nicht glauben, was er gerade erlebt. Tja Freundchen, kannst du mal sehen, wie es mir schon den ganzen Tag geht, dachte ich schadenfroh.
„Dein Vater?“
„Ja. Er wohnt hier. Schüler wohnen normalerweise mit einem Elternteil.“, sagte ich, als würde ich einem 5-järigen was erklären.
„Du hast einen Vater?“, fragte er mich, als würde das seine Welt auf den Kopf stellen.
Meine Augenbrauen wanderten gefährlich nah aneinander. War der wirklich so dumm?
„Hat dir noch nie einer das mit den Blümchen und Bienchen erzählt?“
„Aber ich dachte... du sollst doch die einzige…?“
„Hör mal zu Großer! Ich weiß zwar nicht auf welchem Planeten du lebst, aber ich habe einen Vater!“
Man sah richtig, wie es bei ihm `Klick` machte und sein Gesicht wieder seine übliche Ausdruckslosigkeit annahm.
„Mach endlich.“, wies er mich an. Ob er die Tabletten nicht vertrug?
Litschi hatte sich ihre tägliche Dosis Streicheleinheiten abgeholt. Erst jetzt bemerkte sie den Besucher. Fauchend wollte sie sich auf ihn werfen, doch ich hielt sie geistesgegenwärtig fest.
„Hey Kleines, was ist denn los? Was hast du denn?“
Sie fuhr ihre Krallen aus und erwischte mich damit. Vor Schreck ließ ich sie fallen. Ein langer Kratzer zog sich nun über mein Dekoltè. Meine Mieze kratze mich sonst nie. Verwunderst blickte ich zu Stero. Litschi sprang wie bekloppt an ihm hoch und wollte seine Beine zerfleischen Glücklicherweise trug der Kerl aber eine robuste Jeans.
„Rastet sie deinetwegen so aus? Kannst du Katzen deshalb nicht leiden?“ Langsam dämmerte mir, warum er vorhin so abwertend von ihr gesprochen hatte.
Obwohl er keinen Muskel bewegte sah er sehr genervt aus.
„Ja.“, antwortete er tonlos.
Ein fieses Grinsen breitete sich auf meinen Lippen aus.
„Dein Pech!“
Er seufzte irgendwie gestresst und wiederholte den Satz, den ich schon längst wieder vergessen hatte.
„Mach hinne. Ich will wieder los!“
Ich hatte keine Ahnung, was er von mir wollte, zeigte aber guten Willen.
„Bist du bekloppt? Was willst du von mir?“
„Du sollst deine Sachen packen! Und zwar bevor ich die Geduld mit deiner Flohschleuder verliere!“
„Litschi hat keine Flöhe!“, schrie ich ihn an.
Er packte mich am Arm und zerrte mich in mein Zimmer. Wenn ich nicht allein schon davon so empört gewesen wäre, wäre mir sicher aufgefallen, dass er eigentlich gar nicht wissen dürfte, wo mein Zimmer lag. In meiner Wut übersah ich das aber einfach.
In meinem Reich stand ein großer Schrank für meine Sachen, dessen Türen er gerade fast aus der Halterung riss.
„Muss ich denn alles alleine machen?“, fluchte er vor sich hin.
„Nimm deine Pfoten von meinen Sachen!“
Energisch wollte ich ihn vom Schrank wegdrängen.
Ein Stein wäre kooperativer gewesen. Er sollte echt mal eine Diät machen, so schwer wie er war.
„Weg da, ich mach das!“, lenkte ich ein. Ich hatte ja doch keine andere Chance. Er würde mich einfach von A nach B schleppen.
Widerwillig machte er mir Platz. Erst beobachtete er ganz genau, was für Sachen ich einpackte. Ich wusste nicht weshalb. Meine T-Shirts waren schwarz. Meine Hosen waren schwarz. Meine Pullover waren schwarz. Oh! Ein graues Longshirt, was für eine Abwechslung. Nur meine Unterwäsche war bunter. Und obwohl sie ziemlich unauffällig war dreht sich Stero abrupt um. Es musste ihm wohl selbst bei mir peinlich sein. In Gedanken kicherte ich auf. Am Ende lenkte er sich mit dem ganzen Sport von seinem nicht vorhanden Sexleben ab.
Die Realität hatte mich schneller wieder als mir lieb war. Wem machte ich was vor? Er hat es wenigstens geschafft Ablenkung zu finden. Ich war nur dauerhaft gereizt.
Ich hatte nicht einmal ganze 10 Minuten gebraucht um das Nötigste einzupacken. Stero schulterte die Tasche und schaute mich bedeutend an.
„Was?“, fragte ich ruppig.
„Brauchst du ’ne schriftliche Einladung? Es geht zurück!“
Ehrlich, wenn er nicht bald seinen Ton änderte, würde ich einen Weg finden, ihm den Kopf abzureißen!
„Aber auf dem Weg will ich eine Erklärung hören!“ Wie gesagt, ich traute ihm zu, dass er mich, genauso wie die Tasche, einfach über die Schulter warf und zu sich trug.
„Keine Chance. Das darf getrost Joshua machen!“, grummelte er.
Niedergeschlagen lief ich vor ihm zurück. Bei mir war die Luft raus. Die Situation war einfach zu konfus.

„Na so was. Wie ist das denn passiert?“, begrüßte mich Joshua. Ich brauchte nicht zu erwähnen, dass ich ihm immer noch nicht folgen konnte, oder?
Er zeigte auf den großen Kratzer, der bis zu meinem Brustansatz reichte. Er war längst getrocknet, hatte aber trotzdem von mir unbemerkt eine feine Blutspur hinterlassen, die bis in meinen Pullover hineinreichte. Ich hätte meine Jacke einfach nicht so zeitig aufmachen sollen, dann wäre das gar nicht erst passiert. Allerdings war die ganze Sache allein … Steros Schuld. Vielleicht sollte ich nach seinem richtigen Namen fragen. Wenn es mir nur nicht so egal wäre.
„Der Kratzer.“, machte er klar, was er meinte.
„Litschi ist wegen S- ihm ausgerastet.“
Ich zeigte mit einer Handbewegung auf seinen Bruder. Joshua beachtete aber gar nicht, wo ich hindeutete. Sein Blick war auf die blutige Spur gerichtet. Er befeuchtete sich die Lippen und ich spürte wie mir ein eiskalter Schauer den Rücken herunterwanderte.
„Josh!“, rief Stero aus.
Überrascht blickte Joshua ihn an. Dann lächelte er mich an.
„Nimm doch eine heiße Dusche, während ich mich mit Connor unter vier Augen unterhalte.“
Verständnislos schaute ich ihn an. Wer war Connor? Da fiel der Groschen.
„Mein Bruder.“, erklärte Joshua zeitgleich, wie ich es von allein begriff.
„Aber sonst hast du keine Probleme, was? Ich will endlich wissen, was hier vor sich geht!“
„Ja, das mach ich noch. Doch du musst dich zuerst aufwärmen, sonst wirst du noch krank.“
Es ärgerte mich tierisch, dass er Recht hatte. Und wie um es noch zu verdeutlichen nieste ich.
„Siehst du…“
Mit einem breiten Lächeln schob er mich ins Bad, legte noch ein paar Handtücher und einen Bademantel zurecht und verschwand.
Da stand ich nun.
Was für bestimmende Brüder!

Ich stand ewig unter dem heißen Strahl der sicher teuren modernen Dusche. Es war so angenehm, dass ich völlig vergaß, wo ich mich erfrischte.
Ein aggressives Klopfen an die Tür holte mich zurück ins hier und jetzt. „Hey! Denk daran, wer das Wasser bezahlt!“
„Als ob wir es nicht hätten. Lass sie doch.“, verteidigte mich Joshua.
Super, schoben die vor dem Bad wache, oder wie durfte ich das verstehen? Missmutig stellte ich das Wasser ab. Ich war eh fertig. Ich trocknete mich nur notdürftig ab und zog den Bademantel über. Und wie erwartet waren Joshua und Connor in dem Zimmer verteilt, als ich die Tür öffnete.
„Ihr müsst ein abgrundtief langweiliges Leben führen, wenn ihr bei mir spannen wollt.“
Ich war noch von der Dusche milde gestimmt. Doch davon abgesehen stimmte es. Männer wollten Frauen mit Hüften, Hintern und Oberweite. Ich hatte nichts davon. Wenn ich ehrlich mit mir war, hoffte ich bis heute, dass mein Busen über die A-Kategorie wachsen würde.
„Ich würde mein Leben sehr spannend finden, wenn du eine Nacht mit mir verbringen würdest.“, erwiderte Joshua ernst.
Ich fragte mich, ob er sich den Kopf gestoßen hatte.
Connor gefiel die Vorstellung nicht ganz so. Er sah ziemlich angespannt aus. Und wütend.
Ich wartete.
Die beiden Brüder blieben an Ort und Stelle.
„Ich will mich heute noch umziehen!“, machte ich deutlich.
„Lass dich durch mich nicht stören.“, grinste Joshua.
„Josh.“, knurrte Connor und zerrte ihn weg.
Okay, das war komisch.
Ich verdrängte die letzten Momente und zog mir was über. Ich brauchte nicht darauf achten was ich anzog. Es sah eh alles gleich aus.
Einen Fön hatte ich nicht finden können, es war aber warm genug im Haus. Ich versuchte Joshua zu finden, er war mir immerhin noch eine Erklärung schuldig. Und mit Connor wollte ich nicht mehr zu tun haben als absolut notwendig. Er war noch seltsamer als Joshua.
Im Wohnzimmer wurde ich fündig. Leider war auch Connor anwesend. Sie saßen jeweils am anderen Ende des Raumes und schwiegen sich an. Ich zog eine Augenbraue hoch. Was für ein Kindergarten.
„Könnte sich der Herr endlich dazu herablassen mir eine Erklärung zu geben? Oder findet er wieder einen Grund sich zu drücken?“
Joshua fing wie die Sonne an zu strahlen, als ich auf mich aufmerksam machte. Connor regierte gar nicht.
„Was willst du wissen?“
„Zuerst: Wer ist hinter euch her?“
Sein Lächeln gefror.
„Es ist besser, wenn du das nicht weißt.“
„Besser am Arsch! Rede oder ich hau ab!“
Er seufzte.
„Du wirst ausflippen.“, versuchte er mich umzustimmen. Connor brummte zustimmend.
„In der Tat.“, versprach ich. Meine Geduld war sehr begrenzt.
„Es gibt da eine Organisation von … gedrillten Personen. Ich gehörte ihr früher an und eigentlich gehörte das schon der Vergangenheit an, da tauchen sie wieder auf. Blöderweise war Connor auch mal in einem Verein. Und diese Typen sind, sagen wir, unbeherrschter.“
„Okay.“, sagte ich zweifelnd. „Und welche Rolle spielte ich noch mal?“
„Ja, eigentlich solltest du ja die letzte deiner Generation sein. Nicht, dass das noch einen Unterschied machen würde. Du warst längst bei uns. Ich bin aber dennoch überrascht, dass du einen Vater hast. Wie dem auch sei, es gab da einst einen sehr gefürchteten Typen. Er war dein Vorfahre und du trägst seine Gene in dir.“
„Und was soll mein Opa so grausames gemacht haben?“, hakte ich nach. Ich konnte mir nichts Furchteinflößendes vorstellen.
„Nun, er hatte erschreckend gut gegen die zwei Organisationen gekämpft.“
Aha. Wenn ich das nächste Mal eine Erklärung haben will, würde ich den Erklärbär anrufen.
Der Gesprächsstoff war erschöpft und es hatte sich eine unangenehme Stille ausgebreitet.
„Und seid ihr eigentlich richtige Brüder?“
„Natürlich.“, bekräftigte Joshua so selbstverständlich, dass ich das Thema sein ließ.
Ja, und nun?
„Wo soll ich eigentlich schlafen?“, stellte ich die nächste Frage. Von den Jungs kriegte ja keiner den Mund auf.
Connor hob schlagartig den Kopf. Joshua schaute ihn warnend an.
„Du kannst in meinem Zimmer schlafen.“
Plötzlich hörte ich einen Laut, den ich zwischen Donnergrollen und Tierknurren einordnen würde.
Erschrocken schaute ich mich um. Wo kam das her?
„Das ist dasselbe Zimmer, neben dem du auch duschen warst. Ich schlafe in der Zeit auf dem Sofa.“
Irritiert schaute ich von einer Ecke zur anderen.
„Habt ihr das auch gehört?“, fragte ich dümmlich nach. Ich konnte mir das einfach nicht eingebildet haben!
„Was denn?“, fragte Joshua freundlich nach.
Also, was es auch war, man wollte es unter den Teppich kehren.
„Habt ihr in diesem großen Haus kein Gästezimmer?“ Das konnte mir keiner erzählen! Immerhin hatte ich mich erst im Erdgeschoss in der linken Hälfte aufgehalten und hab schon Joshuas Zimmer, ein Bad, Flur und das Wohnzimmer gesehen.
Joshua tauschte einen eindeutigen Blick mit Connor.
„Leider nicht. Zurzeit sind alle Räume belegt.“
Ungläubig zog ich eine Augenbraue hoch. Na, wenn sie meinten. Ich konnte das nicht ganz glauben.
„Dann schlaf ich auf dem Sofa, ich beleg doch nicht dein Bett.“
Joshua schaute genauso schnell zu Connor, wie er wieder seinen Blick abwandte.
„Nein. Es ist sicherer für dich, wenn du dort schläfst.“
Die ganzen Anspielungen wurden langsam wirklich nervig! Besonders, da ich sie nicht verstand.
„Ich kann mich verteidigen. Keine Sorge.“
„Du schläfst im Bett.“, drohte Joshua.
„In deinen Träumen! Ich nehm das Sofa!“, wetterte ich zurück.
Connor stand auf und ging zum Flur. Er schien kein Interesse am Gespräch zu haben. Klar, es ging ja auch nicht um sein Schlafgemach.
„Was ist sein Problem?“ Ich gab zu, es ging mich nichts an. Aber ich war einfach zu neugierig.
„Nimm es nicht persönlich. Er meint es nicht so. Das ganze ist nur etwas schwierig für ihn.“
„Inwiefern?“
Joshua lächelte sein 1000 Watt Lächeln mit einer Spur einer Entschuldigung darin. „Das kann ich dir nicht sagen. Zu persönlich, du verstehst.“
Das Problem mit mir war, dass ich ziemlich einfach gestrickt war. Ich war, wie jeder andere auch. Sagte man mir, dass ich etwas nicht machen darf, wollte ich es nur umso mehr. Verbote waren so verlockend, ich konnte ihnen nicht widerstehen.
„Hier ist ein Fernseher. Mehr kann ich dir im Moment nicht bieten. Bis morgen kann ich dir ein paar Sachen besorgen. Was hättest du gern?“
Ich wettete, ich schaute wie eine Kuh wenn’s donnert. Man musste mir jedoch zu Gute halten, dass mir nicht jeden Abend einen Freifahrtsschein gegeben wurde, wo ich mir wünschen konnte, was ich wollte. Selbst von Weihnachten kannte ich das nicht. Mein Dad verdiente dazu nicht genug. Ein Festmahl und ein paar Süßigkeiten mussten reichen.
Er prustete los, mein Gesichtsausdruck war bestimmt urkomisch.
„Ich werd dich einfach überraschen!“, beschloss er und stand auf, um mir auf die Schulter zu klopfen. Es war hoffentlich nicht beabsichtigt, dass es so wehtat. Schmerzvoll verzog ich mein Gesicht.
Er war sofort alarmiert. Schaute erst auf seine Hand, dann auf meinen Arm.
„Oh! Entschuldige! Das wollte ich nicht. Tut es sehr weh? Geht es? Mensch! Sag doch was!“
„Halb so schlimm. War mehr der Schock. Du hast ganz schön viel Kraft. Sieht man dir gar nicht an.“, presste ich zwischen meinen Zähnen hervor. Himmel, tat das weh!
„Ich – ich hol dir was zum Kühlen.“, sagte er leicht verstört. Ihm schien das ganz schön zu belasten.
„Hey! So schlimm ist es nicht!“, rief ich ihn hinterher, aber er war schon losgerannt.
Sekunden später war er mit einem Kühlakku und einer Salbe plus Verband zurück. Um Gottes Willen, er hatte mir einen blauen Fleck beschert, nicht mich misshandelt. Man konnte es auch übertreiben.
„Ich kenn mich da nicht so aus. Was soll ich denn machen?“, fragte er mich verzweifelt.
Ich seufzte auf und winkte ihn heran.
„Gib mir den Akku, den Rest kannst du behalten.“
Er musterte mein Gesicht, suchte nach einem Anzeichen, dass ich nur die Starke spielte. Doch der Schmerz war schon wieder abgeklungen.
„Es tut nicht mehr weh. Hier.“
Zur Demonstration bewegte ich meinen Arm auf und ab.
„Was tut nicht mehr weh?“, fragte Connor schneidend.
Wie eine düstere Gestalt aus einem schlechten Horrorfilm stand er im Türrahmen und fixierte Joshua feindselig.
„Ich erklär es dir. Komm mit.“, erwiderte Joshua leichsinnig und lotste den Griesgram aus dem Haus. Ich hörte noch, wie die Tür ins Schloss fiel, dann war es still.
Ich musste eingeschlafen sein, denn an das nächste, was ich mich erinnerte, war, dass ich die Augen aufschlug. Es war einfach zu langweilig gewesen und der Fernseher hatte auch keine Abwechslung geboten. Es war wie ein Reflex. Wenn mir langweilig war, nickte ich ein.
Ich reckte und streckte mich. Danach machte ich mich auf die Suche nach Koffein. Ich war einer der Menschen, die ihre tägliche Dosis Koffein brauchten, bevor sie zurechnungsfähig waren.
Halb blind schlich und stolperte ich durch die Gegend. Zuerst fand ich ein zweites Badezimmer. Uninteressiert schloss ich die Tür wieder. Ich wanderte weiter und öffnete die nächste Tür. Was ich sah, ließ mich im Türrahmen versteinern.
Der Raum war genauso groß, wie das Zimmer, in dem ich mich am Vorabend umgezogen hatte. Es wirkte nur viel kleiner, da es mit mehr Möbeln zugestellt war. Zudem befand sich das Bett in der Mitte. Ich hätte wissen müssen, wem die Hälfte des Hauses gehörte. Mein Gehirn war nur noch so lahm gelegt, dass ich es vergessen hatte.
Auf dem Bett, dem riesigen, lag kein anderer als Connor. Selbst im Winter trug er nichts anderes zum Schlafen als eine Boxershorts. Ich wusste es. Ich konnte es sehen, da die Bettdecke auf dem Boden lag.
Während ich so rum stand, richtete sich Connor auf. Im Gegensatz zu mir wirkte er sofort hellwach und seltsam bereit. Er musterte mich von oben bis unten. Und erst da wurde mir bewusst, dass ich mich ebenfalls ein wenig ausgezogen hatte. Es musste irgendwann in der Nacht gewesen sein. Und obwohl ich nur meine Jeans abgelegt hatte, fühlte ich mich, als ob ich weniger an hätte.
„Was willst du?“, fragte er mich mit einer rauen Morgenstimme. Mir lief es heiß den Rücken herunter.
Was wollte ich eigentlich?
Ich hatte es vergessen.
„Äh.“, brachte ich nur heraus.
In einer fließenden Bewegung stand er auf und trat vor mich. Sein Blick wanderte zu meinen Beinen, dann schnellte er nach oben und schaute mir in die Augen.
„Hör zu.“, fing er an. „Es gibt eine Regel: du darfst mein Zimmer nicht betreten. Wenn du was von mit willst, klopfe einfach. Und wenn ich nicht rauskomme, kommst du nicht rein.“
Während er redete versuchte er mir etwas zu verdeutlichen, etwas was hinter seinen Worten lag. Und ich hatte keine Ahnung, was das sein sollte. Verunsichert bemerkte ich, dass es überall zu kribbeln und zu prickeln anfing. Kleine Stromstöße jagten durch meinen Körper und erschwerten mit das denken.
Ich wusste nicht wieso, aber ich rückte noch näher.
Unvermittelt packte mich Connor an den Schultern. „Was soll das?“
Ja, was machte ich hier eigentlich? Sein Geruch umnebelte mich. Eine berauschende Mischung aus Parfüm, Schweiß und Mann.
„Hey!“, forderte er Aufmerksamkeit. Eh ich mich versah pinnte er mich an die Wand. Sorgsam achtete er darauf mich so festzunageln, dass ich den größtmöglichen Abstand zu ihm einhielt.
Meine Atmung wurde schlagartig schneller, als er weiter sprach.
„Ich gebe dir diese Warnung nur einmal. Wenn du sie nicht beachtest ist es dein Problem. Mit den Konsequenzen musst du dann umgehen können.“
Ich weiß, dass es wichtig war, was er mir sagte, aber die Wörter ergaben für mich keinen Sinn. Seine Lippen sahen so weich aus. Wenn er redete bewegten sie sich sinnlich und gerade leckte er sinnesraubend über sie.
„Halt dich von mir fern und um Gottes Willen, heiz mich auf gar keinen Fall auf.“ Seine Stimme wurde gegen Ende immer rauer. Sein Blick heftete sich auf meinen Mund. Und mein Gehirn schaltete sich komplett aus. Ich konnte mich mit seinem Gelaber morgen beschäftigen.
Er knurrte auf und ich wurde scharf.
„Scheiße.“, fluchte er noch ein letztes Mal. Dann zog er mich ruppig an sich und küsste mich heftig.
Nur Sekunden verstrichen und ich war schon wieder an der Wand. Diesmal drückte er mich aber daran. Trotzdem schmiegte ich mich an ihn. Mir war jeder Millimeter zuwider. Meine Hände strichen über seinen Rücken und fuhren seine Muskeln nach. Das T-Shirt war im weg. Ich strich nach unten, um seine nackte Haut zu spüren. Sie war fest und brennend heiß.
Ich stöhnte auf, überwältig von den Ereignissen.
Auf einmal war Joshua da. Genau neben uns tauchte er auf, ein gepeinigtes Heulen erklang und Connor war plötzlich an der anderen Seite des Flures. Er drehte sich um und war im nächsten Augenblick in seinem Zimmer. Die Tür knallte laut hinter ihm ins Schloss.
Ich blinzelte. Wartete ein paar Sekunden, dann wendete ich mich Joshua zu.
Verlegen räusperte ich mich. „Morgen.“ Zu meiner Scham war meine Stimme eindeutig belegt.
Er zog eine Augenbraue hoch. „Dir auch einen süßen Morgen.“ Ein dreckiges Grinsen breitete sich in seinem Gesicht aus.
Ich hörte, wie eine Dusche angestellt wurde. Bei den Gedanken an einen entkleideten Connor wurde mir ganz warm im Gesicht. Hilfe, meine Fantasie war auf Überproduktion.
„Brauchst du Kaffee?“, lenkte er mich wieder ins hier und jetzt.
„Jede Menge.“, antwortete ich postwendend. Eigentlich bräuchte ich etwas ganz anderes, aber das war gerade unter – ich brach den Satz ab. Ich sollte mit dem nachdenken noch warten, das war sicher das Beste.
„Na komm Häschen.“ Joshua nahm mein Handgelenk und führte mich in die Küche. Sie war eine dieser neumodischen Edelstahlküchen, die so aussahen, als wäre sie nur zur Dekoration und wo man sich das Essen lieber per Lieferservice bringen ließ, um auch ja keinen Dreckfleck zu machen. Doch als Joshua den Kühlschrank öffnete und ein paar Sachen daraus hervorholte, sah ich, dass er zumindest mit den lebenswichtigsten Dingen gefüllt war.
„Ich hab deine Sachen ins Zimmer gelegt. Diese Nacht hab ich dich auf der Couch gelassen, aber wenn du noch mal dort einschläfst, trag ich dich ins Bett. Du hast mein Zimmer, also benutz es auch.“
Ja, ja, dachte ich nur. Ich hatte immer noch Konzentrationsschwierigkeiten.
Moment, was für Sachen. Alarmiert fragte ich nach.
„Du wolltest doch nicht ernsthaft nur diese schwarzen Lumpen anziehen. Ich mein, dein Outfit jetzt ist heiß, aber du brauchst noch war ansehnliches.“
Da erst wurde mir bewusst, dass ich noch keine weiteren Sachen angezogen hatte. Ich entschuldigte mich und machte, dass ich in die Stube kam.

Komplett angezogen bewegte ich mich zurück. Ich würde dann duschen, das Wichtigste jetzt war Kaffee.
Auf dem Flur lief ich in Connor. Er war frisch rasiert und roch noch nach Rasierwasser und Duschbad. Angelockt trat ich näher zu ihn – eine Wolke Parfüm umhüllte mich zugleich. Er roch unbeschreiblich, nach einer Mischung aus Wald, Seife und Mann.
„Du sollst das unterlassen!“, bellte er und hielt mich mit seinen muskulösen Armen von sich weg.
Ich konnte nichts dafür. Ehrlich nicht. Etwas raubte mir den Willen, wenn ich in seiner Nähe war. Ich konnte dann nicht mehr klar denken und mein Instinkt blieb einsam zurück, verzweifelt und ungeheuer angetörnt. Wahrscheinlich sollte mir meine Reaktion Angst machen; das tat es auch. Ich war geradezu verstört, wie ich mich benahm. Nur vergaß ich das immer, wenn ich in einen bestimmten Radius von ihm kam.
„Kommt Kinder, ihr könnt später spielen. Jetzt wird erstmal gefrühstückt.“, mischte sich Joshua ein.
Knurrend ließ mich Connor los und ich nahm mir den festen Vorsatz vor, ihm nie wieder näher als zwei Meter zu kommen. Es musste einen Grund dafür geben, redete ich mir ein. Sonst war ich doch eher unterkühlt. Ich schmiss mich nicht an den Hals von Männern!

Meine Welt bekam wieder Farbe, nachdem ich meinen zweiten Kaffeebecher geleert hatte. Langsam kam ich in die Gänge.
„Wie lange hast du heute Unterricht?“, fragte mich Joshua. Genau genommen unterhielt er sich als einziger mit mir. Die drei Worte, die ich von Connor gehört hatte zählten nicht. Sie waren ja nicht einmal freundlich gewesen.
„Oh.“ Siedendheiß fiel mir meine Arbeit ein.
„Fuck!“, fluchte ich. Ich würde durchfallen. Das Fach war sowieso eins meiner schlechtesten. Noch eine sechs konnte ich mir nicht leisten.
„Was hast du?“ Der geselligere von den Brüdern wirkte leicht irritiert.
„Du schaust aus, als würde die Welt untergehen.“
„Nein. Nur meine schulische Laufbahn.“
„Ach komm, so schlimm wird es schon nicht sein.“, versuchte er mich aufzumuntern. Er hatte ja keinen blassen Schimmer, wie miserabel ich war.
„Wir schreiben heute die Arbeit und ich kapier noch nicht mal die Überschrift.“ Vom Inhalt des Themas ganz zu schweigen.
„Welches Fach?“
„Wirtschaftslehre.“ Und ich hasste es von ganzem Herzen.
„Bei der Rasper?“
„Bingo.“ Ich ließ meinen Kopf auf die Tischplatte sinken. Was sollte ich nur machen? Man konnte in ihrem Unterricht nicht spicken. Das war ausgeschlossen! Ich sollte krank machen und mir damit eine Gnadenfrist einräumen.
In meiner Haltung bekam ich nicht mit, wie Joshua selig vor sich hingrinste.
In Gedanken versunken seufzte ich und stand auf. Niedergeschlagen schleppte ich mich ins Bad, um mich alltagstauglich zu machen.

Nach der Dusch war ich auf die Suche nach sauberen Sachen gegangen. Wie mir Joshua gesagt hatte, fand ich sie auf dem Bett, welches übrigens unberührt war. Hatte Joshua sich in der Nacht um die Kleidung gelegt? Oder einfach gar nicht in das Bett? Jedenfalls war ich froh meine eigene Unterwäsche mitgenommen zu haben. Auch, wenn er mir selbst diese neu gekauft hatte. Ich musste sagen, er hatte einen komischen Geschmack. Aufreizend wäre wohl das treffendere Wort. Mit Daumen und Zeigefinder hielt ich gerade ein Spitzenbesetztes, aus dunklem, durchsichtigem Stoff bestehendes Höschen hoch. Sowas zogen doch nur Schlampen oder Möchtegernnutten an. Durch die Unterwäsche abgestumpft war ich auch nicht mehr bei den restlichen Teilen überrascht. Die Pullover hatten zu tiefe Ausschnitte, die Hosen bedeckten kaum den Hintern und die Röcke waren nicht anders. Meine Augenbraue wanderte bis zum Haaransatz hoch. Nur ein Mann kam auf die Idee eine Frau so einzukleiden, dachte ich kopfschüttelnd. Ich zog ein Top unter einem Pulli an, damit der größte Teil meiner Haut wieder bedeckt war. Himmel, der Junge hat bei seinem Einkaufsbummel wirklich vergessen, dass Winter ist. In den Sachen konnte man sich den Tod holen.
Ich zog lieber eine meiner Hosen an, die Connor in meine Reisetasche geschmissen hatte, in den anderen konnte man sich ja nicht bücken. Gerade zupfte ich an ihr herum, damit sie richtig saß, während ich den Flur entlang schlenderte.
„Das willst du doch nicht ernsthaft anziehen!“
Joshua war entsetzt, dass ich nicht seine freizügigen Sachen anzog.
„Doch. In denen, die du mir hingelegt hattest, werd ich erfrieren.“
„Papperlapapp. Niemand erfriert so leicht. Du ziehst dich sofort um, oder du kannst zur Schule laufen!“
An einem anderen Tag, einem, an dem ich nicht in der zweiten Stunde eine Arbeit schreiben musste, wäre ich gelaufen. Heute musste ich allerdings pünktlich da sein, da die alte Schachtel jedem, der unentschuldigt fehlte, eine sechs reindrückte. Und die konnte ich mir nicht leisten. Wenn ich mitschrieb hatte ich wenigstens die Hoffnung, dass ich eine fünf schreiben könnte. Es müsste nur ein Wunder geschehen.
„So eine Scheiße.“, murmelte ich vor mich hin und ging wieder zurück. Wenn doch nur die blöde Leistungskontrolle nicht wäre.
Skeptisch schaute ich eine Jeans an, die in die engere Auswahl gekommen ist. Sprich, sie besaß zumindest keine unangebrachten Löcher. Die würde schon gehen, ich müsste nur den Pullover weit runterziehen. Oder ich ließ die Jacke einfach an. Die war lang genug. Alles halb so schlimm. Halbwegs ermutigt tauschte ich die Hosen aus.
Als ich diesmal den Weg ging, stolperte ich gleich über meine Füße und viel klassisch auf meine Knie.
„Au, au, au.“, jammerte ich. Hoffentlich war die gute Jeans nicht kaputt gegangen.
Da hörte ich, wie jemand vor mir pfiff. Ich rappelte mich auf und zog automatisch die heruntergerutschte Hose hoch.
„Was ist los?“
„Kleine, die hab ich zwar nicht gekauft, sieht aber trotzdem total scharf aus.“
Verständnislos schaute ich ihn an. Dann wendete ich mich Connor zu, der seltsamerweise mit rotem Kopf die Wand anstarrte.
„Was meint er?“, fragte ich ihn.
Er betrachtete weiter die Wand, antwortete mir jedoch wenigstens.
„Die Hose. Man konnte deinen Tanga sehen, als du hingefallen bist.“
Augenblicklich lief ich ebenfalls rot an. Heilige Scheiße!
„Genau deshalb wollte ich sie nicht anziehen.“, fauchte ich Joshua an. Und wie zum Teufel hatte sie den überhaupt sehen können?
„Hey, es sieht toll aus.“
„Ja klar. Können wir endlich los?“, lenkte ich das Thema um.
„Sicher.“, grinste er.

Max empfing mich vor der Schule. Natürlich hatte er gesehen, mit wem ich zur Schule gekommen war. Jeder hatte es gesehen.
„Du bist mit dem Gigolo zur Schule gekommen?“
„Offensichtlich.“
„Wieso?“
„Max.“, schluchzte ich. Ich warf mich an seinen Hals und genoss seine trostspendende Umarmung.
„Ich hatte gestern einen furchtbaren Tag, der heute weiterging.“
„Was ist passiert?“, fragte er, fürsorglich wie er war, nach.
„Ich darf nichts machen, soll ins Bett gehen und muss das Parfüm eliminieren.“
„Das... das kapier ich nicht.“
„Mein Leben ist scheiße.“, schimpfte ich.
„Okay, das versteh ich.“
Ich fühlte mich merkwürdig beobachtet und blickte mich um. Connor und Joshua starrten in meine Richtung. Beide wirkten nicht besonders glücklich. Connor sah sogar so aus, als würde er mich jeden Augenblick in der Luft zerfetzten. Da das nicht auf meinen Tagesplan stand, wollte ich die Fliege machen.
„Komm, lass uns reingehen. Es ist ungemütlich hier draußen.“
Schnell gingen wir ins Warme. Der Kerl konnte einem echt Brandlöcher in den Körper brennen.

Teddy fand seinen Weg im Klassenraum zu mir.
„Hey, ich hab gehört, du bist mit Joshua Dawn zur Schule gekommen. Wie haste das denn geschafft?“
„Wenn ich das wüsste, dann könnte ich es wenigstens rückgängig machen.“
Meine zwei Freunde bekamen fassungslose Gesichter.
„Wie, du willst das gar nicht?“, schoss es aus beiden gleichzeitig hervor.
„Um Gottes Willen, nein! Ich hatte nur keine andere Wahl, wenn ich nicht zu spät kommen wollte.“
Teddy zog seine Augenbrauen zusammen.
„Bist du nicht mit ihm zusammen?“
„Wie bitte?“, schrie ich.
„Es heißt, du gehst seit gestern mit ihm. Angela Rady hat gesehen, wie du mit ihm weggefahren bist.“
Scheiße!
„Nein! Ich bin nicht mit ihm zusammen. Auf gar keinen Fall. Wer behauptet sowas?“
„Angela.“
Wütend schmiss ich meine Jacke neben die Tasche, die Max gestern eingesackt und heute mitgebracht hatte, auf meinen Platz und stampfte zur besagten Tratschtante. Ich hatte noch 20 Minuten bis Schulbeginn und die gedachte ich zu nutzen.

„Angela.“, brüllte ich im Türrahmen der 11c. Sie gehörte der Klasse an.
„Oh, oh, Angi. Sie hat es rausgefunden.“, stänkerte einer ihrer Klassenkameraden.
„Klappe.“, zischte sie nur zurück.
„Was erzählst du für eine Scheiße herum!“, brüllte ich sie voll. Ein Tisch stand im Weg herum, weshalb ich ihn einfach zur Seite trat. Krachend traf er auf einen anderen.
„Wenn du so dringend Beschäftigung brauchst, helf ich dir gerne aus. Du könntest damit anfangen, deine Körperteile wieder richtig zusammenzusetzten.“
Ängstlich wich sie zurück und hob abwehrend die Hände.
„Warte. Das willst du doch nicht wirklich tun. Ich meinte es auch nicht so.“
„Ach.“
„Ja, das muss ein Missverständnis sein. Ich hab nur weitererzählt, wie ich euch gestern gesehen hab. Nichts weiter.“
„Und das soll ich dir abkaufen?“
Ich war immer noch auf 180, was man auch an meiner Lautstärke merkte. Scheppernd kickte ich den nächsten Tisch an den Rand.
„Waaaaaaaaaaaaaah! Ist ja gut. Ich hab gesagt, ihr wärt ein Paar. Es tut mir Leid. Ich mach es nie wieder. Nur tu mich nichts.“, bettelte sie.
„Ich hoffe für dich, du hältst dich dran.“ drohte ich und ging wieder. Die Lästertussi hatte ich genug eingeschüchtert.

„Alles geregelt?“, fragte mich Max, als ich mich auf meinen Platz setzte.
„Jo. Die sagt so schnell nichts mehr.“
„Lass mich raten, der Krach, den man gerade gehört hatte, war dein Werk?“
„Was für Krach?“, fragte ich nach. Ich hatte doch gar nichts gemacht.
„Der Krach. Lärm. Die ganze Schule hat das Poltern gehört?“
Was meinte er bloß? Was – ach du Schreck! Die Tische! Mist, die hatte ich gar nicht beachtet!
„Man, hoffentlich hat es der Rektor nicht bemerkt. Der gibt mir dann wieder eine „Lektion“.“
„Du kannst froh sein, dass er dich so mag. Sonst wärst du längst von der Schule geflogen.“
„Ich weiß, ich weiß.“
Zack Nargon war der bekannte Schuldirektor. Er sah ziemlich versteift aus und vermittelte auch sonst den Eindruck eines aalglatten Börsenmaklers. Es gab Gerüchte, dass er einige Immobilien, inklusive Schule, bekommen hat, damit er sich für immer von der Geschäftswelt fernhält. Und offensichtlich hatte er einen Narren an mir gefressen. Oder es war ihm nur egal, was mit der Schule passierte. Auf jeden Fall redeten wir immer über unser Privatleben, wenn er mich eigentlich belehren sollte. Auch wenn er auf den ersten Blick nicht so wirkte, war er sehr verständnisvoll. Er hatte zudem eine erfrischende Art, die Dinge zu sehen.
„Und? Habt ihr für die Arbeit gelernt?“, wechselte Teddy das Thema.
Die Arbeit! Die hatte ich schon wieder verdrängt!
„Nein.“
„Nein?“
Teddy schaute mich skeptisch an.
„Du weißt aber schon, dass du in dem Fach versetzungsgefährdet bist?“
„Ja, reib Salz in die Wunde.“
„Warum machst du dann nichts?“
„Weil ich nichts kapiere. Gar nichts. Du weißt, dass bei der Alten auswendig lernen nicht reicht. Man muss es anwenden können.“
Es gibt immer Leute, die der Meinung sind, dass man sich in alle Gespräche reinhängen kann, nur weil sie im Klassenzimmer stattfinden. Und dann auch noch davon überzeugt sind, ihren Senf dazu geben zu müssen. In meiner Klasse gab es von dieser Sorte Mensch mehr als genug, zum Beispiel Tom Laitor.
„Joshua soll ein Ass in Wirtschaftslehre sein.“, sagte Tom in seiner typischen Tonlage. Er war so schwul wie die Crew von Traumschiff Surprise. Und redete auch so.
„Behalt deine geistigen Ergüsse besser für dich.“, erwiderte ich auch gleich. Von dem würde ich mir nie Nachhilfe geben lassen.
Wie eine Kuh kaute Tom auf seinen Kaugummi und warf zwischendrin Teddy offensichtlich laszive Blicke zu.
„Es gibt da noch einen. Einen großen, böse dreinguckenden Kerl names Connor. Der soll der zweitbeste sein. Den kannste doch auch fragen.“
Toll. Da hatte ich die Auswahl zwischen Skylla und Charybdis. Vielleicht sollte ich einfach umkehren. Odysseus hat die Möglichkeit ja nie in Betracht gezogen. Und was wurde daraus? Noch mehr lebensgefährliche Abenteuer.
„Aber ohne mich! Ich will auch gar nicht zurück!“
Max klopfte mir auf die Schulter und übersetzte für die anderen: „Sie will damit nein sagen.“
„Ah.“, machte Tom, als Zeichen, dass er verstanden hat.
„Na, ich wollte dir ja nur helfen.“
Das brachte mich zum Schmunzeln. Tom wollte mir nicht helfen. Er wollte sich an Teddy ranmachen und dabei „subtil“ vorgehen. Das einzige Problem war, dass selbst unauffällig noch bei ihm noch auffällig war. Gerade lehnte er sich zu Teddy und begutachtete seine Fingernägel.
„Hey Ted. Hast du heute schon was vor?“
„Sorry, hab heute keine Zeit. Ich häng bei FF12 fest.“
„Oh. Wo denn? Ich hab das Spiel schon 10x durch.“
„Ehrlich? Das ist ja super. Also ich bin da grad in Archadis und weiß nicht, was ich als nächstes machen soll.“
„Das ist einfach. Warst du schon beim Taxistand?“
„Dem was?“
„Taxistand. Weißt du was? Ich komm heute mit zu dir und zeig dir wo er ist.“
Tom strahlte von einem Ohr zum anderen. Da war aber jemand glücklich. Beneidenswert.
Mister Hank betrat den Raum und quälte uns die nächsten 45 Minuten mit der absoluten Logik von Mathe. In der darauf folgenden kurzen Pause demotivierten wir uns selbst, um hoffnungslos und verzweifelt Misses Rasper zu empfangen.
„Wir schreiben heute keine Arbeit!“, kreischte sie los. Die Frau war immer im Stress und am Rand der Hysterie.
„Aber macht euch keine Hoffnungen. Wir schreiben sie in zwei Wochen!“
Ich wusste zwar nicht, was ihre Meinung geändert hatte, allerdings war es mir egal. Ich hatte Galgenfrist von zwei Wochen bekommen.
Natürlich war ich nicht die einzige, die sich freute. Augenblicklich wurde das Geschrei groß, weil keiner es so recht glauben konnte.
„Hast du das gehört Max? Zwei Wochen! Zwei Wochen!“, rief ich enthusiastisch.
„Unglaublich.“, flüsterte er.
„Ruhe! Ruhe! Wenn ihr nicht sofort den Mund haltet, werde ich die Leistungskontrolle jetzt schreiben.“
Es war regelrecht gruslig, wie gut wie Drohung wirkte. Bis zum Ende der Stunde sagte keiner mehr einen Ton.

Connor besuchte mich in der Mittagspause. Er saß aus, wie der Leibhaftige. Ich bekam ein ganz mulmiges Gefühl, als er sich vor meinen Tisch stellte. Augenblicklich fühlte ich mich wie ein ungezogenes Kind, dem gleich eine Standpauke blühte.
„Wir müssen reden.“, verkündete er rau.
Mir lief es heiß den Rücken runter. Himmel, der Mann hatte eine Wirkung auf mich, die nicht mehr normal war.
„S- sicher.“, gab ich nach.
Egal was es war, ich wollte es nicht in der Klasse ausdiskutieren.
Er packte mein Handgelenk und zerrte mich in eine Ecke des Schulgebäudes, wo keiner so schnell hinkam. Offensichtlich wollte er nicht warten, bis ich selbst aufgestanden wäre.
„Warum?“, knurrte er.
Bitte?
„Was warum?“
„Warum bist du mit ihm zusammen?“, knirschte er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Er war außer sich. Wenn ich jetzt noch wüsste warum, könnte ich bei Neun Live als Wahrsagerin anfangen. Mein Puls war aufgrund seiner Nähe schon wieder in einer gefährlich hohen Geschwindigkeit. Zudem war es auch viel zu heiß hier.
Ich glitt zwei Schritte zurück, doch er wich mir nicht von der Pelle. Jeden Meter, den ich mich entfernte, kam er mir nach. Die Distanz verringerte sich kein bisschen, bis ich die Wand im Rücken spürte. Dann kam ich wirklich ins Schwitzen.
„Mit wem soll ich zusammen sein? Wovon redest du?“
Links und rechts von meinem Kopf stütze er einen Arm ab. Er schloss dicht zu mir auf. Mir war es ziemlich unangenehm, wie ich mich unwillkürlich aufrichtete und mein Becken vorschob. Ich roch wieder seinen herrlichen Duft. Was benutzte er nur für ein Parfüm? Das musste ich unbedingt rausfinden – und ihm wegnehmen.
„Connor.“, stöhnte ich halb. Geh zurück, dachte ich. Konnte es aber nicht sagen, da ich ein aufstöhnen unterdrücken musste.
„Du gehörst mir. Und das werde ich ihm zeigen.“
Jetzt war er komplett durchgedreht. Mein Atmen ging stoßweise und als er anfing meinen Hals zu küssen, dachte ich, hyperventilieren zu müssen.
„Zurück.“, keuchte ich. Doch er hörte nicht auf. Er leckte meine Pulsader entlang und meine Umgebung verschwamm zu bunten, wirren Farben. Dann wurde alles schwarz.
6.5.09 22:11
 


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