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Blümchensex

Prologe

Wieder war ich in einer dieser Clubs, wo man sich erst Verstand benebeln musste, um die sinnlosen Geräusche, die sich Musik schimpften, ertragen zu können. Zum Glück gab es den Alkohol und in einer Bar wird es davon nie zu wenig geben.
Ich drehte mich auf dem Barhocker, die Tanzfläche im Blickfeld. Ein besonders leidenschaftlicher Tänzer zuckte wild hin und her. Es sah aus, als würde er gleich sterben.
Warum es mich entgegen allen besseren Wissens hierher verschlug, war einfach zu erklären.
Sex.
Und Einsamkeit, aber die bekämpfte ich auch damit, dass ich regelmäßige Matratzentesterin war. Ich wusste, dass man solche Frauen Schlampen nennt, aber es war immerhin meine Entscheidung und die Meinung anderer hatte mich noch nie interessiert.
Aus dem Augenwinkel erregte jemand meine Aufmerksamkeit. Da war er, der Typ, mit dem ich diese Nacht mitgehen würde. Bei dem ich Zuflucht vor meiner kalten leeren Wohnung suchte, in der ich mich so ungern aufhielt. Folglich ging ich weg, entweder blieb ich die Nacht in einem Club, deren Namen ich mir nie merkte oder ich schlief bei jemand anderes.

Geschmeidig tanzte ich auf ihn zu.
„Kann ich dir Gesellschaft leisten?“
„Was wenn nicht?“
„Dann nicht.“
Vor gar nicht all zu langer Zeit hätte ich mir fast in die Hose gemacht, wenn ihr ein Kerl einen Korb gab. Aber inzwischen ließ mich das kalt.
„Okay. Bleib.“
Bingo! Er hatte angebissen.
„Gehen wir zu dir?“
Er seufzte und bemaß mich mit einem langen Blick.
„Sag mir wenigstens deinen Namen.“
„Lucy.“

Tief atmete ich die kühle Nachtluft ein. Sie vertrieb zwar das betäubende Gefühl aus meinem Kopf, ließ mich aber spüren, warum ich nicht rauchte.
„Willst wirklich mit zu mir?“
Nein, eigentlich wollte ich jetzt einen anderen Kerl ansprechen und dann mit ihm weggehen.
/Reiß dich zusammen Lucy!/
„Ich kann auch wieder zurückgehen.“
„Und dich von jemand anderes abschleppen lassen?“ /So in etwa./ „Nein, komm mit.“

Vielleicht wollte er sicher gehen, dass ich mich nicht doch anders entschied, auf jeden Fall nahm er meinen Ellebogen in die Hand und führte mich mit langsamen, aber sicheren Schritten, durch die Straßen.
Seine Wohnung war nichts Besonderes. Die übliche Einrichtung, hier ein paar Zeitschriften und Zeitungen, da ein paar unaufgeräumte Teller und Tassen. Bei mir war es zwar ordentlicher, aber er hielt sich gut im Durchschnitt.
Das Schlafzimmer war schon ungewöhnlicher. Die Wände waren in einem hellem blau gehalten, wie an einem wolkenlosen Sommertag, die mit feinen schwarzen Linien verziert waren, welche ein Muster ergaben. Aber seine künstlerische Ader war damit wohl aufgebraucht, da der Rest gewöhnlich aussah.
Ich setzte sich auf das Bett.
Wir wussten beide worauf ich hinaus war, also brauchten sie es auch nicht unnötig mit Smalltalk hinauszögern, mit welchem ich übrigens eh kaum klar kam.
„Willst du dich nicht setzen?“
Er zog eine Augenbraue hoch, seufzte danach und ließ sich neben mir nieder.
„Hör mal, mir ist schon klar, dass ich nicht deine ewig gesuchte Liebe bin, aber ich bevorzuge schon etwas mehr Sinnlichkeit und vor allem Leidenschaft.“
„Keine Sorge.“ /Ich eigentlich auch./


Im Morgengrauen wachte ich wieder auf und fühle mich, trotz der anstrengenden Nacht, erholt. Mein Bettgeselle hatte kurz nachdem ich ihm gezeigt hatte, dass ich sehr wohl feurig bei der Sache war, eifrig mitgemacht und das bis kurz vor Tagesanbruch. Anscheinend hatte ich ihm doch schon vom ersten Augenblick an mehr gefallen, als er zugeben wollte.
Plötzlich fiel mir wieder seine komische Macke ein, mit Zunge und Zähnen meinen Hals zu bearbeiten, vielleicht, weil ich da empfindlich war, und stürzte geradezu vom Bett in Richtung des Bades.
Ich hatte es gestern kurz gesehen, fand es jedoch nicht besonders interessant, ganz im Gegenteil zu jetzt. Und als ich in den Spiegel des kleines Raumes sah, wurde meine schlimmste Befürchtung war.
Ich war übersäht mit Knutschflecken.
Nicht nur am Hals, sondern am ganzen Körper. Nur war der Hals für mich nicht am Schlimmsten.
Wie sollte ich morgen zu dem Sportunterricht gehen? Meine Kopfverlängerung konnte man ja auffällig unauffällig mit einem Tuch bedecken oder Kältewellen vorgeben, indem man einen Rollkragenpullover anzog. Doch was sollte ich mit meiner Brust, Bauch, Beinen und hundertprozentig auch Rücken anstellen? Einem Skiunfall mitten im Oktober vortäuschen und sich ganzkörperlich in Bandagen einwickeln?
Hochgradig verärgert ging ich zurück, schnappte meine Sachen und zog sie in Windeseile an. Je schneller ich raus war, desto besser.
Ich wollte nicht, dass mein Bettgeselle aufwachte und nach einer Telefonnummer fragte.
Ein eiskalter Schauer durchfuhr mich. Oh Gott, für mich gab es nichts Schlimmeres als einen One-Night-Stand wieder zu sehen.
Als ich aus der Haustür trat musste ich leider feststellen, dass meine Wohnung keine fünf Minuten entfernt war.
/So eine Scheiße!/
Die Möglichkeit sich also zufällig wieder zu sehen war gefährlich hoch. Und, oh nein, was ist wenn er mich bereits kannte?
Ich wollte lieber nicht daran denken.
Seufzend betrat ich mein kleines Reich. Trostlose Stille empfing mich. Ich hatte schon öfter daran gedacht mir ein Tier anzuschaffen, aber erstens wäre ich kein gutes Herrchen und zweitens hatte ich eine Tierhaarallergie. Ich wollte nicht jeden Tag mein Meerschwein rasieren.
Aber was mache ich nun mit meinem malträtierten Körper?
In einem Schieber fand ich ein großes Halstuch, welches sich gut eignete. Morgen müsste ich mir wohl was einfallen lassen. Ich könnte probieren, eine leichte Verletzung vorzugeben oder gleich krank machen. Blöderweise besaß ich ein zu gutes Gewissen. Ich kann einfach nicht einen Tag blau machen und mich dabei gut fühlen.

„Morgen Lucy!“
„Na Lucy, ist es dir zu kalt?“
„Ich glaube nicht.“
Es gibt nichts Schöneres auf der Welt, als schon am Morgen mit blöden Kommentaren belöffelt zu werden. Soviel zu meinem „tollen“ Plan mit dem Halstuch. Ich hätte mir denken können, dass es offensichtlich war.
„Hey.“, begrüßte mir jemand von der Seite. George, einer der wenigen, die mit mir auskamen.
„Jo.“
„Wer war es diesmal?“
„Mh, er war groß, braun und hatte sexy Muskeln.“
„Besser als die Muskeln von dem Typen von vorgestern?“
„Ja, dafür ist der aber ein Arsch.“
„Wieso?“
„Du willst nicht wissen, wie ich aussehe.“
„Ich kann es mir denken, danke, das reicht.“
„Und wie läuft es bei dir?“
George war ein absoluter Frauenmagnet und nutze das auch schamlos aus. Er war sozusagen wie ich, nur nicht so schlimm.
„Ich hab gestern mit ihr Schluss gemacht, das war nicht mehr zum aushalten.“
„Wie lange wart ihr denn zusammen?“
„Fünf ganze Tage.“
Ich lehnte mich leicht zu ihm, so dass ich nah an seinem Ohr war.
„Soll ich dich trösten?“
„Nichts wäre mir lieber.“, erwiderte er trocken.
Er wusste, dass mein Angebot nicht ernst gemeint war. Ich würde ihn nie anrühren, trotz seines guten Aussehens. Ich wollte ihn nur provozieren.

„Und dann sagte sie doch nicht ernsthaft, dass wir in der Zeit der Emanzipation leben und ich gefälligst meinen Arsch an den Herd schwingen sollte.“
George erzählte gerade von seiner Verflossenen.
„Das hab ich natürlich nicht mit mir machen lassen. Hallo? Wer bin ich denn? Ich soll aufpassen, dass in ihrer Wohnung auch ja alles funktioniert, sie ordentlich befriedigen, kuscheln und dann auch noch kochen? Während sie sich nur bedienen lässt? Da hab ich rot gesehen und bin gegangen. Die hatte echt einen totalen Schuss.“
„Ich frag mich, wie du immer an solche Frauen kommst.“
„Keine Ahnung, vielleicht ziehe ich Frauen mit einem Knacks im Hirn magisch an.“
Unsere Unterhaltung wurde jäh unterbrochen, als ich den blauschwarzen Mercedes vor der Schule stehen sahen.
Ich bekam sofort ein ungutes Gefühl. Wem gehörte der?
Als ich sah, wer aus dem Auto stieg, wollte ich allerdings nur noch wegrennen.
Es war der Typ von letzter Nacht! Der, der meine Alabasterhaut ruiniert hatte!

„Luc, warum kommt der direkt auf uns zu?“
„Das ist der Typ von letzter Nacht.“
„Ist nicht dein Ernst! Der fährt so einen Schlitten?“
„Anscheinend ja!“

Er lotste mich auf den Beifahrersitz. Ich ließ es bereitwillig zu, da ich keinen Wert auf Zeugen legte.
„Es war gar nicht so einfach dich zu finden.“
„Schön wäre es.“
„Du hast bei deinem überstürzten Aufbruch heute Morgen etwas vergessen.“
„Und was?“
„Deinen Ausweis, Lucy Daster.“
/Scheiße!/
„Dann gib ihn mir wieder.“
Wieder bemaß er mich mit diesem Blick. Gestern Nacht sah er mich ebenfalls oft so an. Als wäre ich ein Kind, was keine Manieren besaß.
Ich war zwar alles anderes als Höflich aber ein Kind war ich definitiv nicht. War ich nie gewesen.
„Ich verlange aber etwas als Gegenleistung.“
Meine Augenbrauen zogen sich nah zusammen.
„Da mach ich nicht mit. Soviel ist ein Ausweis nicht Wert.“
Und schon wieder seufzte dieser Typ.
„Ich will nicht mit dir ausgehen, nur dich wieder sehen, mehr nicht.“
„Wer’s glaubt, wird selig.“
„Keine Sorge, ich interessiere mich nicht für Kinder.“
/Hört der sich eigentlich selbst reden?/
„Hat man ja gestern gesehen.“
„Das war ein Ausrutscher, wird nicht wieder vorkommen.“
/Danke. Ich bin anwesend./
„Sonst noch was?“
„Ich will, dass du aufhörst, dich durch alle Betten der Stadt zu schlafen.“
„Das kann doch meine Sorge sein.“
„Ist es aber nicht.“
Meine Augenbrauen verengten sich weiter.
„Ich hab’s schon gesagt. Ein Ausweis ist diesen Aufwand nicht Wert.“
„Und wenn die Schule deine nächtlichen Aktionen mitbekommt.?“
Für einen kurzen Augenblick war ich sprachlos.
„Mistkerl.“
„Du wirst die Abende ab sofort mit mir verbringen.“
„Arschloch.“
„Und du wirst bei mir schlafen. Reine Vorsichtsmaßnahme.“
„Fick dich.“
„Gewöhn dir nur bitte eine andere Ausdrucksweise an.“
„Fahr zur Hölle.“

Durch die Diskussion hatte ich gar nicht bemerkt, wie wir bei seiner Wohnung angelangt waren.
„Steig aus.“
/Was wollte der Kerl in Wirklichkeit?/
Ich schleppte mein Zeug nach oben und lud es, unter seinem missbilligten Blick, mitten im Korridor ab. Und nun? Was sollte ich jetzt machen? Ich war nicht der Stubenhockertyp. Ich hatte keine Ahnung, wie man sich die Zeit vertreiben konnte.
„Ich hab ein Gästezimmer, da kannst du es dir bequem machen.“
„Nein danke.“
„Was willst du dann machen?“
„Weggehen.“
„Abgelehnt.“
Frustriert ging ich hin und her.
„Es ist langweilig. Ich weiß nicht was ich machen soll. Ich wette, am Abend dreh ich durch.“
„Du wirst dich beschäftigen müssen. Ich muss noch ein wenig arbeiten.“
Na toll, erst wurde ich erpresst und verschleppt und nun auch noch allein gelassen.
„Schau nicht gleich so. Ich koch dir dann auch was.“
„Zu gütig.“
Zielstrebig ging er in ein Zimmer und überließ mich mir selbst.
Wieder tigerte ich umher. Im Nachhinein wusste ich auch nicht mehr, wie ich es geschafft hatte, die Zeit verstreichen zu lassen, aber gegen sieben Uhr zeigte er sich wieder, um das versprochene Essen zu machen.
„Soll das jetzt jeden Tag so gehen?“
„So in etwa.“
„Und du bist wirklich nicht auf Sex aus?“
„Nein.“
„Was soll das alles?“
Man sah im deutlich an, dass meine Fragen ihn nervten, aber ich dachte nicht mal daran, aufzuhören.
„Du brauchst jemanden, der dir den richtigen Weg vorgibt.“
„Und du willst die glorreiche Tat vollbringen.“
„Langsam hege ich Zweifel.“
Was? Ich war diejenige, die mit der Situation nicht fertig wurde.
„Und warum?“
„Ich hätte nicht gedacht, dass du so anstrengend bist.“
/Ich brauche eine Waffe!/
„Pech gehabt. Das ist angestaute Energie.“
Ich glaube, ich hatte etwas Falsches gesagt. Plötzlich bekam ich ein ganz ungutes Gefühl.
Unvermittelt beugte er sich über den winzigen Esstisch und küsste mich. Ein heißer und kalter Schauer durchfuhr mich. Hormone jagten durch meinen Körper, setzten ihn in Brand, erschwerten mir die Atmung. Ein heiseres Stöhnen entkam meinen Lippen und wurde von ihm aufgefangen. Und dann hörte er auf.
„Besser?“, fragte er so beiläufig, dass ich ihn am liebsten geschlagen hätte.
„Verpiss dich.“, zischte ich atemlos.
Noch immer war ich benebelt, mein gesamter Körper zitterte vor Erregung
„Scheiße!“, fluchte ich laut. Jetzt war ich auch noch angeheizt.
„Könntest du endlich mal ein bisschen netter sein?“
„Warum? Mir ist total langweilig und dann machst du mich auch noch heiß!“
Er grinste mich breit an. Mist, den zweiten Teil wollte ich nur denken.
„Du hast keinerlei Selbstkontrolle.“
„Brauchte ich bis jetzt ja auch noch nie.“
„Und höflich bist du auch nicht.“
Wieso kritisierte mich der Kerl ständig? Wut jagte durch meine Venen. Hastig sprang ich auf, so dass der Stuhl krachend zurückflog.
„Du bist ein totaler Arsch! Keine zehn Pferde behalten mich hier.“
Schnell durchquerte ich die kleine Wohnung, doch als ich an der Tür ankam, musste ich feststellen, dass mich zwar keine Pferde aufhielten, aber ein einfaches Schloss.
„Mach sofort die Tür auf! Das ist Freiheitsberaubung!“
„Glaub mir, ist es nicht.“
Wie aus dem Nichts stand er plötzlich neben mir und zog mich erstaunlich sanft weg. „Geh schlafen, spiel ein bisschen, mach irgendwas, nur nerv nicht mehr.“
Beleidigt stampfte ich ins Gästezimmer und verbarrikadierte die Tür.
Ich rief Georg an, was sollte ich auch sonst machen?
„Hey.“, sagte ich, als er abnahm.
„Hey, was ist los?“
„Ich werde festgehalten.“
„Was?!“
„Der Kerl hat mich einfach zu sich nach Hause gebracht und jetzt lässt er mich nicht mehr gehen. Er sagt, er will verhindern, dass ich mich durch die Stadt schlafe, aber mir ist so langweilig. Und dann hat er mich geküsst.“
„Luc, noch mal ganz langsam, er hat dich geküsst? Will er dich als seine kleine Sexsklavin behalten?“
Ich fügte einen jammernden Tonfall in meine Stimme ein.
„Nein, er sagt, dass er nichts an ‚Kindern’ findet. Das ist doch die Höhe, oder? Immerhin konnte er mich bis zum Sonnenaufgang vögeln. Vorhin hab ich ihn angeschnauzt und da hat er mich einfach geküsst und das nicht wie ein Kind.“
„Okay, weißt du wie er heißt?“
Oh, ich wusste, ich hatte etwas Essentielles vergessen.
„Nein.“ Ein Stöhnen kam daraufhin als Antwort. „Wie kannst du nicht seinen Namen wissen? Du hast mit ihm geschlafen!“
„Ich habe nicht so ein gutes Gedächtnis wie du und außerdem treffe ich meine One-Night-Stands auch nicht wieder.“
„Was sich aber gerade ändert.“
„Unfreiwillig.“
„Hör mal Süße, ich weiß auch nicht was ich machen soll.“
„Mich beschäftigen.“
„Und wie? Ich kann schlecht durch die Leitung kriechen.“
Ich brauchte genau zwei Sekunden um nachzudenken.
„Telefonsex?“
„Luc!“ „Dann halt nicht.“ Deprimiert legte ich auf. Ich war aufgekratzt und geil. Keine gute Kombination. In der Hoffnung, dass etwas Fernsehen hilft, ging ich ins Wohnzimmer, wo ich schon erwartet wurde. Der Kerl nahm mehr als die halbe Couch ein.
„Wie heißt du eigentlich?“
Das war die falsche Frage, um eine Unterhaltung zu beginnen. Das konnte ich aus seinem ungläubigen und verärgerten Gesicht erkennen.
„Heißt das, du hast meinen Namen vergessen, obwohl du ihn die halbe Nacht gestöhnt hast?“
„Ja, war auch nicht schwer.“
Ich saß schneller auf seinem Schoß, als ich reagieren konnte. Er hielt meinen Kopf fest, so, dass ich in seine schönen ausdrucksstarken Augen sehen musste.
„Mein Name ist Andrew Jax. Merk dir das gut, ich werde ihn nicht noch einmal wiederholen.“
Auf seinem Schoß wurde es richtig bequem. Nur ein paar Zentimeter nach vorn und ich würde seine harten Muskeln spüren. Oder seine weichen Lippen küssen.
Mein Blick wurde glasig.
„Hey, hörst du mir zu?“
Der Kuss in der Küche hatte mich so aufgewühlt, dass ich kaum stillsitzen konnte. Ich lehnte mich vor und drückte meinen Busen leicht an seinen Oberkörper.
„Andrew.“, wisperte ich nah an seinem Ohr.
„Stop!“, er schob mich ein Stück zurück. „Was wird das, wenn es fertig wird?“
„Komm schon, bis heute morgen war es doch auch in Ordnung.“
Zur Strafe bewegte ich mich leicht auf seiner Lendengegend.
„Das war was anderes.“, presste er aus zusammengedrückten Zähnen hervor.
„Nur ein bisschen.“, versuchte ich ihn umzustimmen und knabberte an seinem Ohr.
Unvermittelt zock er mich an sich und küsste mich hungrig. Meine Brüste schwollen an und Wellen der Lust durchströmten mich. Keuchend bewegte ich mich schneller. Und plötzlich stand ich im Gästezimmer. Alleine.
Verflucht!



PS: Über den Titel denke ich noch nach. XD
29.6.08 22:47


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Kapitel 1

„Findest du mich eigentlich attraktiv?“
Georg hob eine Augenbraue. „So attraktiv wie man eine Frau mit schlanker Figur und Körbchengröße B halt finden kann.“
„Das ist keine Antwort.“
„Lucy, der Mann, der dir widerstehen kann, muss erst noch erschaffen werden.“
„Ich glaube, dass ist schon passiert.“ Ich stocherte in dem undefinierbaren Essen herum, was sich Poreeintopf schimpfte.
„Er hat dich wirklich nicht angerührt?“ Deutlich konnte ich seinen Unglauben von seinem Gesicht ablesen. Anscheinend hatte er die gleichen Probleme. Ich konnte ebenfalls nicht begreifen, was am vorherigen Tag passiert war.
„Nein.“
Ein Läuten erklang, was das Ende der Mittagspause ankündigte.
„Ich fange an Selbstzweifel zu haben.“
„Kein Wunder.“
„Georg!“ Wir drehten uns nach der Frauenstimme um, die so wutentbrannt einen Namen aussprechen konnte.
„Oh nein!“, stöhnte er.
„Eine Neue?“
„Eher neue Ex.“
„Oh!“
„Kannst du laut sagen.“

Ich ließ die beiden alleine ihre Angelegenheit regeln. Es lief sowieso immer auf Wutanfälle oder Heulkrämpfe heraus und mir war es unangenehm davon Zeuge zu sein. Nicht umsonst achtete ich darauf, immer zu gehen, bevor mein Bettgeselle aufwachte.

Georg setzte sich mit einem Seufzen neben mich. Eine Stunde hatte er verpasst, dafür hatte er aber einen schönen Handabdruck in sein Gesicht bekommen. Wenn ich mir aussuchen könnte, ob ich Geschichte oder lieber eine Backpfeife haben möchte, würde ich selig lächelnd der Hand entgegenspringen.
„Ich kann nichts dafür, du brauchst gar nicht so schauen.“
„Wir haben 45 Minuten lang die Verdauungsstörung seiner Katze analysiert.“
„Tut mir leid Honey.“
„Heute will er mit ihr zum Tierarzt gehen und natürlich will er uns morgen alle Neuigkeiten berichten.“
„Aha.“
„Er will auch gleich den Hamster seiner Nachbarin mitnehmen. Du weißt schon, den mit dem ekligen Tumor, weil der zu Eitern anfangen soll.“
„Ich glaube, mir wird schlecht.“
„Es sind auch wieder drei Leute aufgesprungen, die urplötzlich auf Toilette mussten. Er versteht einfach nicht, warum die Jugend von Heute solche wachen Blasen hat.“
„Die Menschheit verweichlicht.“
„Sag, hast du die Mathehausaufgaben? Ich wollte die eigentlich machen, aber dann hatte ich die vergessen.“
„Und was bekomm ich dafür?“
Ein breites Grinsen machte sich auf meinen Lippen breit.
„Sag mir bitte etwas, was ich auch haben will.“
„Oh, ich habe da schon etwas im Kopf. Nächste Woche kommt der blutige Zombiefilm ins Kino. Ich lade dich ein.“
Wortlos schob er mir seinen Matheblock herüber. Männer waren so einfach bestechlich.

„Steig endlich ein.“
Ich zog eine Augenbraue hoch. „Darf ich nicht mal mehr Freunde besuchen?“
Mein Blick wanderte rüber zu Georg und zurück.
„Nein.“
Ich kochte vor Wut. Seit einer halben Stunde diskutierten wir nun und meine Geduld war schon lange weg.
„Ich will aber zu George!“
„Das musst du wohl verschieben.“
„Auf wann? Auf morgen? Oder gleich auf ein anderes Leben?“
„Anderes Leben klingt gut. Jetzt steig ein!“
Ich wusste nicht warum, aber irgendwie konnte ich kaum den Drang unterdrücken in den Wagen zu steigen. Einzig Georgs Hand, die eisern meinen Arm umklammerte, hielt mich davon ab.
„Sie will nicht. Siehst du das nicht?“
„Misch dich nicht ein Kleiner, das geht dich nichts an!“
Aus Schock ließ er meinen Arm frei und so konnte mich auch keiner mehr abhalten. Georg hatte ein starkes Problem mit seiner Größe. Gut, inzwischen war er 1, 90m, aber bis zu seinem 16. Lebensjahr war er nur knappe 1,60m gewesen. Seitdem konnte ihn keiner mehr „Kleiner“ nennen, ohne dafür zu leiden. Ich war gespannt, was er sich ausdenken würde.

Keine 20 Sekunden später fuhr ich wieder in die langweilige Wohnung. Einige in meiner Klasse unterhielten sich nur über Playstation. Ich verabscheute solche Alleinunterhalter, aber vielleicht sollte ich mir eine anschaffen. Geld hatte ich ja genug zur Verfügung.
„Welche sind eigentlich gerade aktuell?“
„Wie bitte?“
Andrew konnte meinen Gedanken wohl nicht folgen.
„Na, Playstationspiele. Was ist da gerade aktuell?“
„Keine Ahnung. Frag deine Spielfreunde.“
„Kann ich ja nicht. Immerhin darf ich nicht mehr spielen.“
„Es kann doch nicht so schwer sein mal einen Monat auf Sex zu verzichten.“
Ich hörte gar nicht mehr zu. Wie lange hat er gesagt? Das war bestimmt nur ein Hörfehler. Natürliches Versagen der Sinne.
„Wie lange?“
„Einen Monat. Für den Anfang.“
„Bist du total Irre? Was bist du für ein Freak? Du kannst doch nicht einfach so mein Leben bestimmen! Lass mich sofort raus!“
„Okay, wir sind eh da.“
Wutentbrannt sprang ich auf, fiel allerdings gleich darauf aus dem Fahrzeug.
Sanft hob er mich auf und stellte mich wieder auf die Beine. Irgendwie hat er es auch geschafft sich nebenbei noch eine Zigarette anzuzünden. Apropos, ich wusste gar nicht, dass er rauchte. Geschmeckt hatte ich es auch nicht.
„Was machst du schon wieder?“
Und schon wieder seufzte er so nervenaufreibend.
Mir brannten Fragen im Kopf, wie zum Bespiel, warum er das alles machte, obwohl es ihm augenscheinlich nicht gefiel. Ich ließ diese aber ruhen. Noch wollte ich keine Antworten. Eins hatte ich schon sehr früh gelernt: Unwissenheit ist ein Segen.

„Was ist dir lieber? Spagetti oder Pizza?“
„Der Salat. Mit fettarmen Dressing und viel Eisbergsalat.“
Schief sah er mich an.
„Ich kann nicht immer dieses vor Fett triefende Essen genießen. Zumindest nicht, wenn ich kein Workout habe.“
„Sex ist für dich Workout?“
„Natürlich. Als Frau muss man heutzutage sehen, dass man beizeiten eine passende Sportbetätigung findet. Sonst geht man auseinander und ist innerhalb kürzester Zeit ein Zelt.“
„Und deine Wahl ist auf Sex gefallen?“
„Ja.“ Provokativ hob ich eine Augenbraue. „Soll ich es buchstabieren?“
„Nicht nötig, ich kenne mich da besser aus.“
„Das bezweifle ich.“
Er stoppte mitten in seinen Vorbereitungen für ein Abendbrot. „Was soll das heißen?“
„Hast du etwa ernsthaft geglaubt, du bist der Beste?“
„Nein“
Insgeheim lachte ich mich kaputt. Es war doch immer wieder erheiternd, wie sich jeder, aber wirklich jeder, für einen Sexgott hielt, nur weil er vielleicht mal einer Frau einen Orgasmus beschert hat. Und sich dann den Rest seines Lebens damit brüstet.
Ich will damit aber nicht sagen, dass er nicht gut wäre. Er war sogar sehr gut. Von einer Skala von eins bis zehn hatte er locker eine sieben. Wenn eine Frau bisher nur fünfen hatte, war eine sieben abgöttisch. Aber ich hatte schon Bessere erlebt. Erschreckend war nur die Parallele zwischen Arrogant und sehr, sehr gut.
„Hier.“
Mit mäßiger Begeisterung sah ich auf den Salat. Ich schaffte das, es war für meine Figur. Es war doch nur ein Salat. Sowas war gesund. Ich glaubte zudem an Selbsttäuschung.
„Mhhhh, lecker.“
„Du wolltest ihn haben.“
„Eine Runde mit dir und ich könnte ein Sandwich haben.“
„Das ist eh ungesund, ein Gemüsegericht ist die bessere Wahl.“
Ich hasste ihn. Aus der tiefsten Seele meines Herzens.

„Was hast du so für Filme da?“
„Kommt drauf an, was du sehen möchtest.“
„Ich würde gern mal wieder „28 Days later“ sehen. Ich liebe Zombiefilme.“
Ich wusste, dass ich erstmal nicht weg konnte. Komisch war nur, dass ich es auch gar nicht so eilig hatte, wegzukommen. Ich konnte nicht sagen, warum es so war, aber es machte mir unglaubliche Freude Andrew zu ärgern. Ich wusste, dass es kindisch war. Aber sich auch generell mit ihm zu unterhalten, war erstaunlich angenehm.

Mit einer erhoben Augenbraue sah er mich an.
„Die Filme sind brutal.“
„Jetzt komm mir nicht damit, dass solche Filme die Gewaltbereitschaft fördern. Ich bin Pazifist, nur so nebenbei.“
„Gut zu wissen.“
Er zapte durch die Kanäle, als ob es keinen Morgen mehr gäbe. Es stimmte nicht, dass gewalttätige Filme einen Menschen aggressiv machten. Was eine Person wirklich austicken lässt, war das ständige wechseln der Kanäle. Da hatte man gerade mitbekommen, worum es ging, da schaltete er auch schon weiter.
„Hör endlich auf damit!“
„Womit?“, fragte er mich ehrlich interessiert.
„Na, ständig hin- und herzuschalten. Das macht mich wahnsinnig.“
„Dann geh ein Buch lesen.“
Wie bitte? Ein Buch? Was sollte ich damit? Ich hatte in meinem gesamten Leben noch nie ein Buch zu Ende gelesen. Ich war immer vorher eingeschlafen.
Wie aus dem Nichts lag plötzlich ein Buch auf meinem Schoß. „Ilias“ von Homer.
„Warum geht es da?“
Ich drehte und wendete das Buch, war unschlüssig, was ich damit machen sollte. Auf die Idee es zu lesen, kam ich natürlich nicht.
„Kennst du nicht Homer?“
„Nun, ich wette, dass es nicht von Homer Simson ist.“
Andrew sah auf einmal sehr verzweifelt aus.
„Sagt dir Troja was?“
„Natürlich. Da sind die Männer doch in diesen heißen kurzen Röcken herumgerannt. Gott, wurde ich da scharf.“
„Okay, das waren ein paar Informationen zuviel. Du solltest dir abgewöhnen, von Sex so freizügig zu reden.“
„Du bist doch nur verklemmt. Oder regt sich bei meinen Worten was in deiner Hose?“
Kurz unterbrach er seine Tätigkeit, ständig den Sender zu ändern.
„Werd nicht albern.“
„Hast du etwa Lust bekommen, mit mir unanständige Dinge zu tun?“
Anzüglich lächelnd kroch ich zu ihm.
„Dinge…,“, ich leckte mir über die Lippen. „die eine gewisse Ausdauer und meine völlige Willenlosigkeit erfordern. Glaub mir, ich habe schon einiges mitgemacht.“
Ich war an seinem Ohr angelangt.
„Ich werde dir gehorchen, egal welche Wünsche du hast.“, wisperte ich hinein.
Ich konnte sehen, wie er schwer schluckte und anfing mein Angebot in Betracht zu ziehen.
„Lucy…“
So leicht ließ ich ihn nicht wieder einen Rückzug machen.
„Ich mache alles was du willst.“
Mit einer Hand fuhr ich in sein Hemd und strich über seine muskulöse Brust.
„Bitte…“, stöhnte ich verheißungsvoll und bearbeitete mit meiner anderen Hand einen seiner Oberschenkel.
Schneller als ich reagieren konnte wurde ich unter ihm begraben. Meine Handgelenke wurden fest von ihm gehalten und meine Beine zwischen seinen eingeklemmt. Endlich gab er nach. Mir konnte halt doch kein Mann widerstehen.
„So. Und jetzt hörst du endlich mal auf mich anzufassen und mir zwielichtige Angebote zu machen. Hast du denn gar keinen Stolz?“
Das war ein Schlag ins Gesicht, wörtlich gemeint. Sah er es denn so? Ich hatte es nie als Verletzung meines Stolzes gesehen, wenn ich einem Mann sagte und zeigte, dass er mir gefiel.
„Wichser!“
„Hey, hey…“
„Runter von mir, bevor ich beschließe, die was abzubeißen.“
Er runzelte die Stirn. „Wolltest du nicht Pazifistin sein?“
„Halt die Klappe und geh runter von mir!“
„Schon gut.“
Wütend machte ich mich zur Haustür auf. Dieser Idiot konnte mich mal. Überraschenderweise war sie nicht abgeschlossen. Flink rannte ich die Treppe runter und in eine abgelegene Seitegasse, unweit von Andrews Wohnung entfernt, aber abgelegen genug. Schwer atmend holte ich Luft. Dieser Volltrottel wagte es meinen Stolz anzuzweifeln.
„Guten Abend mein Kind. Stimmt etwas nicht bei dir?“
Ich drehte mich in Richtung der Stimme und erkannte einen alten Mann, so um die sechzig Jahre alt. Er vermittelte einen starken fürsorglichen und freundlichen Eindruck.
„Nein, Opi.“
„Na so was. Kann ich dir helfen?“
Es war schon erstaunlich, was für nette Menschen es gab. Zumindest sah der Opa sehr friedfertig aus. Und selbst wenn er ein kranker Psychopath war, was ich nicht glaubte, ich musste von der Straße runter. Über alles weitere würde ich später nachdenken.
„Ich hatte einen üblen Streit mit meinem Freund: Er hat mich aus unserer Wohnung geschmissen und dabei bräuchte ich so dringend eine Tasse heißen Tee, aber ich habe kein Geld dabei und bin vor Erschöpfung kurz vorm Umfallen.“
„Na dann, komm mit mein Kind. Meine Frau freut sich immer über Besuch. Weißt du, meine Enkelin kommt so selten vorbei. Sie langweilt sich ja so sehr.“
Ich folge ihm mit langsamen Schritten. Auch wenn er nett war, sein Tempo glich einer Schnecke.
„Warum kommt sie nicht öfter?“
„Du musst wissen, meine Enkelin hat gerade ihre Ausbildung beendet und ist in ihrem neuen Job schwer beschäftigt. Sie hat so viel zu tun.“
Er machte eine kleine Pause in der er in den Himmel schaute. „Sie wohnt noch bei meinem Sohn, aber selbst er weiß gar nicht mehr, wie sie aussieht. Wenn sie doch nur nicht so hartnäckig wäre. Eines Tages wird sie sich noch überarbeiten und ich trage die Sorge, dass es nicht mehr lange dauern wird.“
Er seufzte herzzerreißend schwer. Man musste ihn irgendwie einfach lieb haben.
„Machen sie sich keine Sorgen Väterchen. Seien sie lieber Stolz auf ihre Enkelin. Wenn sie mich Fragen, ich denke, sie arbeitet zur Zeit so viel, damit sie sich in naher Zukunft mehr Zeit für ihre Familie nehmen kann. Sie möchte sich sozusagen erstmal einen Platz erarbeiten, den ihr so schnell keiner mehr wegnehmen kann.“
Lächelnd dreht sich der alte Mann zu mir.
„Du bist ein gutes Kind. Hast du Hunger? Ich wette meine Frau hat noch leckeren Nachtisch da.“
„Opi, ich würde für ein Stück Kuchen kämpfen“, erwiderte ich lachend.

„Schatz? Ich habe jemanden mitgebracht.“
„Oh, wen denn Friedrich?“
„Dieses arme Mädchen wurde von ihrem Freund auf die Straße gesetzt, bei Regen.“
„Du meine Güte. Also so was hat es zu unserer Zeit nicht gegeben.“
„Ich weiß Frieda.“
Die alte Frau kam aus der Küche in den Flur und begrüßte mich.
„Guten Abend. Wie heißt du?“
„Guten Abend. Ich bin Lucy.“
„Was ist das denn für ein Name?“ Obwohl sie schon alt war und viele Falten hatte, wirkte sie doch sehr herzlich. Es waren ja auch hauptsächlich Lachfalten, was sie nur noch lieber erscheinen ließ. Ihre Figur war rundlich, wie bei den meisten älteren Frauen. Die Schürze, die sie trug, ließ sie außerdem mütterlich wirken.
„Das ist zur Zeit Mode. Jeder hat so einen amerikanischen Namen. Manche nennen ihre Kinder sogar nach Obst oder Städten.“, gab er Opa zwinkernd preis.
„Ach du…also früher hat jeder noch einen anständigen Namen bekommen, den jeder auch aussprechen konnte.“
„Tut mir Leid, Omi. Meiner wird für Sie schwierig auszusprechen sein. Machen Sie sich nichts draus. Ich bin da nicht so pingelig.“
„Hach, aber wohlerzogen ist sie, Friedrich, nicht wahr?“
„In der Tat, das habe ich auch schon festgestellt.“
„Da hast du dir wirklich ein Stück Kuchen verdient.“
Ich bekam große Augen. Sollte es wahr sein? Ich bekam alte Hausmannskost? Ich war im Himmel gelandet!
„Danke Omi, das ist so lieb von Ihnen.“
Während die Oma etwas zu Essen besorgte, zeigte mir der Opa das Wohnzimmer. Es war eine kleine gemütliche Wohnung, voll mit Bilder und Kleinigkeiten, wie Glasfiguren und Topfpflanzen. Ein Fernseher lief und zeigte laut, wie sich ein seltsamer Mann um noch seltsamer Tiere kümmerte. Da kam die Frau auch schon mit einem Stück Apfelkuchen.
„Tut mir leid, aber er ist nicht mehr warm.“
„Das macht doch nicht. Ich muss Ihnen danken, immerhin kennen Sie mich gar nicht und machen sich dennoch die Mühe.“
„Ach, das ist doch nicht der Rede wert.“
„Ich bin Ihnen trotzdem sehr Dankbar.“
„Papperlapapp, ich freu mich immer über Besuch.“

„Komm doch wieder, wenn du in der Nähe bist.“
„Vielen Dank, das werde ich“, versicherte ich.
Das Ehepaar hatte sich rührend um mich gekümmert und meine Laune erheblich gesteigert. Den Zwischenfall mit Andrew hatte ich schon wieder völlig verdrängt. Gesättigt und zufrieden bewegte ich mich zu meiner Wohnung. Ich sah eine Gestalt an der Haustür lehnen. Ein unangenehmes Gefühl machte sich bei mir breit. Selbst aus dieser Distanz, es waren noch gute 40 Meter, wusste ich, wer dort stand. Und als ich näher kam, wurde meine Vermutung bestätigt.
„Wo warst du?“, fragte Andrew. Er war sicher bis auf die Knochen durchweicht. Und mit ein Mal bekam ich Schuldgefühle. Daran ist er doch selbst Schuld, beruhigte ich mich.
„Ich war…ich habe…“ Warum konnte ich den Satz nicht beenden? Wovor hatte ich Angst?
„Hast du dich abschleppen lassen?“, fragte er resigniert.
Vielleicht davor?
„Nein!“, antwortete ich sofort. „Ich habe ein Ehepaar getroffen, was mich kurzzeitig aufgenommen hat.“
„Dann lass uns zurückgehen. Es wird kalt“
Stumm folgte ich ihm.

„Ich werde duschen gehen. Versuch bitte nicht ins Badezimmer zu kommen oder etwas dergleichen.“
„Keine Sorge, bilde dir nicht zuviel ein.“ Ich hatte die Aktion, wegen der ich geflüchtet war nicht vergessen. „Mir reicht es für heute. Ich geh schlafen.“
„Gut.“
Arschloch, dachte ich. Ich nahm noch das Buch von der Couch, wodurch alles angefangen hatte und machte mich dann im zweiten Minibad bettfertig. Was für ein anstrengender Tag.


„Morgen Kleine.“, begrüßte George mich mit einer Umarmung.
„Tag George.“
„Wie geht es dir?“
„Ganz gut. Ich hab gestern Friedrich und Frieda kennen gelernt.“
Skeptisch schaute er mich an. „Wer ist das?“
„Ein altes Ehepaar. Ich bin gestern sozusagen kurz weggelaufen und da hat mich Friedrich aufgelesen. Die sind unheimlich nett.“
„Und dann?“
„Dann wollte ich nach Hause und Andrew hat mich gefunden. Danach bin ich ins Bett, mit Homer.“
„Was? Luc, wer ist Homer? Was redest du da?“
„Homer ist irgendein Schriftsteller, wahrscheinlich schon lange Tod, frag mich nicht. Andrew hat mir das Buch von dem gegeben. Wie hieß das noch gleich? Iltas oder so.“
„Du meinst sicher Ilias.“
„Genau, so hieß es.“
„Gott, jag mir nicht noch mal so früh so einen Schrecken ein.“
Grinsend schaute ich ihn an.
„Ich kann auch dich mal mit ins Bett nehmen, wenn dich das beruhigt.“
„Nicht wirklich, das löst in mir nur noch mehr Unbehagen aus.“

Es war mal wieder Geschichtsstunde. Zwei Schüler hatten den Raum schon verlassen, eine Blasenkrankheit vorgebend. Der Tumor der Nachbarin war im Endeffekt schlimmer als erwartet gewesen, wie unser Geschichtslehrer uns gerade mitteilte. Die Deformation die das Tier erlitten hat, hatte schon ein paar Organe verschoben und deshalb hatte der arme Hamster schon seit Tagen nicht mehr viel gegessen. Das Eitern kam durch eine nicht sichtbare Verletzung, die er sich irgendwo in der Wohnung zugezogen hatte.
Seiner Katze ging es übrigens schon besser. Der Arzt hatte ihr ein Medikament verabreicht. Jetzt machte sie wieder, was sie immer tat, nichts. Doch nein, eine Neuigkeit gab es. Als ihr Lehrer kurz unten war, um seine Zeitung zu holen, hat sich die Katze tatsächlich bewegt. Sie wollte mal wieder die Klobürste durch die Wohnung zerren. Immer noch geschockt berichtete er uns die jüngsten Ereignisse.
„Weißt du, Frieda kann richtig gut kochen.“
„Mh? Wieso?“
„Sie hat mir ein Stück Apfelkuchen gegeben.“
„Das nennt man backen, nicht kochen.“
„Wo ist der Unterschied?“
„Das verstehst du eh nicht. Gib’s auf.“
„Tze, nur weil du backen kannst.“, gab ich schnippisch von mir.
„Nein, ich kann nur kochen.“
„Du machst mich wahnsinnig!“
„Danke.“ Georg grinste von einer Wange zur anderen und amüsierte sich über meine nicht vorhandenen Küchenfähigkeiten.
„Du wirst das irgendwann auch noch lernen.“
„Hah!“
„Okay, du hast Recht. Eher doch nicht. Ich hab vorher noch nie gesehen, wie jemand Wasser anbrennen lassen kann. Das war echt einzigartig.“
„Hey! Das war Nudelwasser!“
„Ja, das erklärt alles.“
„Nein, ich hatte zu viele Blätter reingelegt.“
„Ich hab mich sowieso gefragt, warum du die reingeworfen hast.“
„Na, ich dachte, Lorbeerblätter gehören dazu.“
„Weißt du, deshalb mag ich dich.“
„Das versteh ich jetzt nicht.“
„Selbst wenn du etwas falsch machst, du machst es mit Überzeugung und du verteidigst deine Ansicht.“
Nicht gerade ein Kompliment, was man gern bekam. Deshalb sagte ich auch nichts dazu.
„Nun sei doch nicht gleich eingeschnappt. Du weißt, was ich sagen wollte.“
„Ja, ich bin ein Idiot.“
„Nein, aber das macht dich liebenswert.“ Ich verstand den Satz nicht, wollte aber nicht nachfragen, weshalb ich meine Aufmerksamkeit wieder dem Unterricht zuwandte.

„Lucy! Luuuuucy!“
„Scheiße!“
„Was ist los?“, fragte George.
„Hörst du nicht meinen Onkel?“
„Was? Der Rektor ist hier?“, fragte er bestürzt und beseitigte schnell seine Zigarette. Rauchen war im Schulgebäude verboten. Allerdings, was der Rektor nicht weiß, macht ihn nicht heiß.
„Ja. Dort kommt er angerannt.“
„Naja, wir sehen uns dann in Deutsch.“
Verräter, ließ mich einfach im Stich.
„Hallo Onkel Leo.“, sagte ich bemüht freundlich.
„Hallo Lucy. Mensch, wie geht es dir? Da sind wir schon auf einer Schule und sehen uns praktisch nie. Komisch.“
Nein, ich versuchte nur immer zu fliehen und versteckte mich gut.
„Ja, da hast du recht. Also mir geht’s super und dir?“
„Ebenso, ebenso. Hast du auch genug zu essen? Du bist immer noch so dürr. Das musst du von meiner Schwester haben.“
Keine Ahnung. Nur meine Stimmung rutschte rasant schnell gen Gefrierpunkt.
„Entschuldige.“, bemerkte er seinen Fehler. Er wusste von meinem Verhältnis zu meinen Eltern.
„Kein Problem.“
„Kann ich dir sonst etwas Gutes tun? Brauchst du Geld?“
„Oh nein, danke, davon habe ich genug.“
Da erklang auch schon die erlösende Schulglocke.
„Na dann, viel Spaß heute noch. Komm zu mir, wenn du etwas brauchst.“, verabschiedete er sich.
„Natürlich. Mach dir auch noch einen schönen Tag.“
„Danke. Tschüss.“
„Tschüss.“

„Und?“
„Es war mal wieder total unangenehm.“
„Es ist ja auch schon komisch.“, gab Georg seine Meinung kund. „Jahrelang machen deine Eltern nichts und dann stellen sie dir plötzlich bis zu deinem 21. Geburtstag einen Vormund vor die Nase.“
„Ja, ich weiß nie, wie ich reagieren soll.“
„Mhm. Was machst du heute?“
„Also, so genau hab ich noch gar nicht nachgedacht.“
„Deine Möglichkeiten werden bestimmt ganz schön eingegrenzt.“
„Da hast du Recht.“
„Ich kann den Kerl nicht ab! Er tritt einfach in dein Leben und will es bestimmen.“
Da kam mir ein Gedanke.
„Georg, du bist ein Genie! Danke!“ Ich gab ihm einen Kuss auf die Wange.

„Ich habe nachgedacht.“, sagte ich zu Andrew. Die Schule war aus und ich konnte endlich Andrew sprechen.
„Aha. Willst du jetzt etwas Bestimmtes von mir hören?“
„Nun, ich habe eine Frage. Weißt du, mein Onkel Leo ist auch eines Tages vor meiner Tür aufgetaucht und hat verkündet, dass er mein Vormund sei und sich um mich kümmern würde. Du standest ebenfalls so plötzlich vor mir.“, erzählte ich meine Gedanken.
„Wo ist die Frage?“
Andrew hatte heute ganz schön schlechte Laune. Wenn ich es Recht bedachte, war er seit dem gestrigen Vorfall so kurz angebunden und herablassend.
„Du musst mich schon zu Ende reden lassen. Ich habe den Verdacht, dass du zu meinem zweiten Vormund oder etwas dergleichen geworden bist. Bist du mit mir verwandt?“
„Heilige Scheiße! Nein!“
„Was dann?“
„Was interessiert es dich plötzlich? Die ersten Tage wolltest du auch nichts wissen.“
„Ich stehe nicht gern mit leeren Händen da. Ich habe lieber schon ein paar Hinweise oder Vermutungen, damit mit keiner das blaue vom Himmel erzählen kann.“
„Kluge Einstellung.“
„Zumindest hast du etwas mit meinem Onkel gemeinsam. Das steht fest.“
Andrew wurde nach diesem Kommentar sehr ruhig. Er hüllte sich in Schweigen und konzentrierte sich verbissen auf den Verkehr. Ich lag also richtig. Jetzt musste ich nur noch herausfinden, was er mit meinen Onkel gemein hatte.



PS: Die Sportstunde ist ausgefallen. Die hatte ich völlig vergessen. *pfeif*

Zudem ist das Kapitel an Gedenken an meinen Lehrer aus der Mittelschule, der in der Vertretungsstunde immer von seiner Katze erzählte. Und zwar genau solche Storys. XD Ich mochte den.
29.6.08 23:15


Kapitel 2

Müde gähnte ich und stolperte dabei durch die Wohnung. Irgendwo hier war die Kaffeemaschine. Ich war kein Morgenmensch. Für mich war es völlig unverständlich, warum man so früh aufstehen musste. Und Andrew immer noch schlief, wenn ich seine Wohnung verließ. Es war nicht auch meine Wohnung, würde es nie sein.
Ich seufzte und schaute der Kaffeemaschine zu, wie sie ihre Arbeit verrichtete. Wie lange würde er mich noch hier halten? Wie lange wird es dauern, bis er die Nerven oder Lust verliert und ich wieder mein gewohntes Leben führen kann?
So schwer es mir fiel, ich mochte diese Wohnung. Mir gefielen die kleinen Sachen, die hier herumlagen. Die Zeitschriften, die Cd’s und Dvd’s. Gott, ich hang sogar an der Tapete. Die wenigen Tage haben mir gezeigt, dass meine kleine Welt nicht kalt und leer sein muss. Doch wenn Andrew mich….
Der Kaffee war fertig. Schluss mit dem Nachdenken!
Ich hinterließ noch eine Nachricht, dass die letzte Stunde ausfallen würde. Ich wusste nicht, wie aktuell seine Informationen waren und ging somit auf Nummer sicher. Natürlich konnte ich die Zeit auch mit Georg in einem Cafe verbringen. Nach einer kurzen Überlegungszeit steckte ich die Nachricht in meine Hosentasche. Ich hatte heute Freizeit und ich gedachte sie zu nutzen.

Ich traf Georg, wie er vor der Schule stand und seine letzte Zigarette vor Schulbeginn rauchte. Mit einem Grinsen auf den Lippen schlich ich mich an, er war gerade in irgendwelchen Tagträumen gefangen, und legte von hinten meine Arme um ihn. „Hab dich.“, verkündete ich.
Er erschrak und drehte sich im gleichen Moment noch um.
„Hah,…“; murmelte er. Die restlichen Worte verstand ich nicht. Vielleicht war das ein neues Spiel?
„Georg!“
„Oh. Wer ist sie?“
“Meine Neue.“, verkündete er wie den Untergang der Welt.
„Erzähl mir später alles.“
„Oh nein! Du Schnepfe bleibst hier!“, schrie sie zu mir Das war neu. Seit wann hatte ich etwas mit Georgs Freundinnen zu tun?
Keuchend stand eine Frau vor mir, gerechterweise eher Frauchen. Blonde Haare, geschminkt für die nächsten zwei Jahrzehnte und Klamotten aus der Kinderabteilung.
„So du Zicke, endlich lerne ich dich mal kennen.“
„Zügel deine Zunge Püppchen, bevor ich beschließe sie dir abzuschneiden.“, zischte ich zurück. Wer war ich denn, dass ich mich so dumm anmachen ließ?
„Carol, beruhig dich mal.“
„Ich glaub ich spinne, hast du nicht gehört, was sie zu mir gesagt hat?“
„Doch habe ich. Aber du kommst hier angerannt und ziehst sie einfach in unsere Angelegenheiten.“
Sprachlos stand sie da. Sie hatte wohl nicht damit gerechnet, dass er für mich Partei ergreifen würde.
„Drehen hier denn alle durch?“
Ich glaube eher, dass das Püppchen durchdrehte.
„In unsere Angelegenheiten ziehen? Georg! Du hast gestern ihren Namen gestöhnt, als du gekommen bist!“
Okay. Das musste erstmal verdaut werden.
„Versteh das jetzt nicht falsch.“, bat Georg.
Wie konnte man das denn falsch verstehen?
„Ich habe deinen Namen nicht gestöhnt.“
Aha, was denn nun?
„Aber…“ „Klappe! Kann mir mal einer erklären, was hier los ist?“
Das Püppchen drehte schnippisch den Kopf.
„Georg und ich hatten gestern ein Date in dem alten Cafe an der Ecke…“
„Die Kurzfassung bitte!“, unterbrach ich sie.
Carol schmollte daraufhin kurz. „Als wir gestern bei mir waren, weil meine Eltern glücklicherweise im Urlaub sind, haben wir miteinander geschlafen.“
Ich fühlte mich berufen ein „Glückwunsch“ in den Raum zu werfen.
„Als er mir dann seine Künste eindrucksvoll bewiesen hatte und wir beide nah dem Ende waren, stöhnte er plötzlich einen anderen Namen. Es war auf jeden Fall nicht meiner! Und weil er immer mit dir herumhängt wusste ich, dass es deiner ist! Nadja!“
Zweifelnd schaute ich erst Carol, dann Georg an.
„Wer ist Nadja?“
Da wurde ich verwundert angeschaut.
„Na du!“
Amüsiert schüttelte ich den Kopf. „Nein, ich heiße Lucy. Und ich habe nur diesen einen Namen.“
„Georg!“ Wendete Carol ihre Aufmerksamkeit dem Mann in der Runde zu. „Wer ist Nadja?“
„Nadja ist meine Ex und anscheinend bin ich noch nicht über sie hinweg. Wir sollten uns nicht mehr sehen. Es ist aus.“
Damit ließen wir das Püppchen zurück und machten uns auf zur ersten Unterrichtsstunde. Ich fing an zu lachen und konnte gar nicht mehr aufhören.

„Lucy! Georg! Ihr seid zu spät! Was hat euch aufgehalten?“
„Oh, oh, dass müssen Sie wissen. Gerade kam so ein mit Make-up zugekleistertes Mädel auf mich zu und hat mir brühwarm ihr Sexleben offenbart.“
Herr Tegg sah mich schief von der Seite an. Er war frisch aus der Uni und jeder Schüler hatte den „jungen“ Lehrer sofort ins Herz geschlossen. Besonders da unter der Hand bekannt war, dass er die Regeln nicht immer allzu streng befolgte.
„Und da konntest du nicht weggehen?“
„Nein, sie ließ mich ja nicht, weil sie dachte, ich hätte eine Affäre mit ihrem Freund. Es war so herrlich, als sich herausstellte, dass es nicht ich, sondern seine Ex war.“
Die Geschichte war zu köstlich, um sie nicht mit anderen zu teilen. Allerdings war ich kein Arschloch, nicht zu meinem besten und längsten Freund.
„Und Georg? Was ist deine Geschichte? Hat dich Lucys Freund belästigt?“
„Tze, das wird nie passieren. Nein, ich musste ganz einfach noch mal auf Toilette, was dann länger gedauert hat.“
„Danke für die Informationen. Setzt euch endlich, damit wir anfangen können.“

„Wolltest du sie loswerden oder hängst du wirklich noch an deiner Ex?“
„Sie ging mir auf die Nerven. Sie wollte alles bestimmen. Sie hat mir gestern sogar vorgeschrieben, in welcher Stellung sie es wollte, mit Winkelgrößeangaben. Im Restaurant war es das gleiche. Sie hat für mich bestellt, ohne, dass ich einen Blick in die Speisekarte geworfen hatte. Du weißt doch wie ich Wein hasse. Und sie bestellt trotzdem ungefragt welchen für mich. Sie hatte schon ein komplettes Bild von ihrem Freund in Gedanken, welches sie mir aufzwingen wollte.“
„Du meine Güte, was für ein Kontrollfreak.“
„Ja, da hab ich halt einfach einen anderen Namen gestöhnt. Immer noch die beste Methode effektiv eine Frau zu verkraulen.“
„Du bist ja so fies.“
„Ich hatte nur nicht mir ihrem Auftritt gerade eben gerechnet.“
„Da kam in der Tat unerwartet. Schon als sie mich Nadja nannte, musste ich mich stark zusammenreißen, damit ich ihr nicht mitten ins Gesicht lache.“

Nach der Stunde ging ich zu Herr.Tegg. Georg wollte noch die letzten Feinheiten mit Carol bereden. Ich klopfte an seine Tür.
„Herein.“
„Hey.“
„Oh, du bist’s.“
„Kriegst wohl mehr Besuch als dir lieb ist. Soll ich wieder gehen?“
„Nein, bleib ruhig.“ Er kramte in dem Chaos auf seinem Schreibtisch herum. „Ich suche nur die Arbeiten von letzter Woche.“
„Die kannst du ruhig begraben lassen.“
Als ich letztes Jahr auf die Schule kam und sich unter den Lehrern breit machte, dass ich die Neffin vom Direktor war, hat mich jeder distanziert behandelt. Statt ein paar Pluspunkten, hat es mir jeder Lehrer umso schwerer gemacht. Ich war ziemlich angefressen von der Situation gewesen und war deshalb so froh gewesen, dass mich einer normal behandelte. Als Ausgleich tat ich ihm ab und zu einen gefallen, wie zum Beispiel eine hartnäckige Verehrerin zu verscheuchen oder einfach nur ein Eis zu holen. Mit der Zeit hatten wir uns angefreundet.
„Keine Chance. Die wirst du zurückbekommen und wenn ich bis in die Nacht bleiben muss.“
„Na danke.“ Ich setze mich auf ein winziges freies Stück auf dem Schreibtisch.
„Kannst du was für dich behalten?“
Er sah auf. „Schon, wieso?“
„Ich hab da so ein Problem.“
„Was du Georg nicht erzählen kannst?“
„Lieber nicht.“
Er wandte sich ganz zu mir. „Um was geht es?“
Seit kurzem hielt mich ein Typ gefangen. Nein, falscher Anfang. Ich wohnte in einer einsamen Wohnung und plötzlich war ich in einer ungewohnten, aber angenehmen Umgebung. Nein. Ich wurde freundlicher. Nein. Seufzend gab ich auf.
„Danke.“
„Immer wieder gern.“
Zum Glück hatte ich so eine Aktion nicht zum ersten Mal gemacht. Herr Tegg, oder auch Ian, konnte Situationen gut analysieren und hatte eigentlich immer einen hilfreichen Rat, nur konnte ich mich manchmal einfach nicht überwinden zu viele Informationen preiszugeben. Wir kannten uns auch noch nicht so lange.
„Ah.“
„Ja?“
„Wenn du ein Mann wärst...“ Er runzelte die Stirn bei diesen Worten. „und mit einer Frau schlafen würdest, könntest du dann verhemmend verweigern Sex mit ihr gehabt zu haben und sie plötzlich wie ein Kind behandeln? Und würdest du sie trotzdem noch küssen und berühren, aber nie weiter gehen?“
„In was hast du dich denn da reingeritten?“
„Und zwar wortwörtlich.“, fügte ich an.
„Ich könnte keine Frau, mit der ich mal was hatte, plötzlich nicht mehr als attraktive Person sehen. Weshalb er dich wohl auch noch küsst. Weiter wird er allerdings nicht gehen, wenn er dich als Kind ansehen soll.“
Aus der Perspektive hatte ich die Situation noch nicht betrachtet. Wenn er mich nun nicht anfassen sollte, sondern auf mich aufpassen, ja, das wäre logisch.
„Mhm.“
„Runter von Tisch. Hier stehen so viele Stühle rum. Benutz einen.“
„Würde ich, wenn sie nicht voll Sachen wären.“
Er blickte sich um, als hätte er gar nicht mitbekommen, wie er jeden Quadratmillimeter Fläche zukleisterte.
„Trotzdem runter.“
„Schon gut. Danke für den Tipp. Ich muss eh wieder in den Unterricht.“
„Du wirst es nicht rechtzeitig schaffen.“
„Mach dir keine Sorgen. Der wird mich nur einen Aufsatz in Deutsch schreiben lassen. Als ob das schwierig für mich wäre.“
„Ich versteh nicht, warum die Lehrer dich so schikanieren.“
„Oh. Immerhin bin ich mit dem Rektor verwand und nutze seine Stellung schamlos aus.“
„Du hast doch gar keine Gelegenheit dazu.“
Ich zucke mit den Schultern.
Inzwischen war ich die beste Schülerin der Stufe. Die Lehrer hatten mir immer Aufgaben gegeben, die keine Schülerin lösen konnte, wenn sie einfach nur im Unterricht aufpasste. Ich wurde quasi gezwungen, mir jeden Stoff bis in die letzte Zelle einzuprägen. Ich hätte auch kapitulieren können. Nur war ich dazu viel zu Stolz. Lieber nahm ich den Schulstoff mit in einen Club und lernte manchmal die Nacht durch, vorausgesetzt ich fand an dem Abend niemand interessantes. Und es gab weitaus Schlimmeres, als in jedem Fach eine Eins stehen zu haben. Zudem ärgerten sich die Lehrer schwarz, da ich wirklich alles zu wissen schien.

„Frau Daster! Sie kommen zu spät!“
„Das ist mir bewusst. Ich hatte noch etwas mit Herr Tegg bezüglich seiner letzten Unterrichtsstunde zu klären.“
„Gewöhnen Sie sich endlich diesen überheblichen Ton ab! Setzten, sofort! Sie schreiben erstmal einen Überraschungstest.“
Schon wieder? Der letzte war noch keine 4 Tage alt.
„Über was?“
Kurz schien der Lehrer verwirrt. Wir hatten kein neues Thema angefangen und über Friedrich Dürrenmatt hatte ich schon einen Test geschrieben. Über alle seine Werke.
„Sie werden jetzt aufhören so dümmlich zu grinsen! Ich möchte morgen einen ausgearbeiteten Aufsatz über Friedrich Schiller und seine Dramen in meinem Fach haben! Und zwar noch vor der ersten Stunde!“
Oh, das wird herrlich.
„Herr Polper, ich muss mich entschuldigen, aber ich habe schon vor zwei Wochen eingereicht, dass ich morgen nicht vor der dritten Stunde da sein werde, da ich einen Termin habe, den ich wahrnehmen muss.“
Wie erwartet wurde sein Gesicht vor Zorn noch röter. Den Aufsatz hatte ich schon in der Mittelschule machen müssen. Den müsste ich nur suchen und überarbeiten. Zum Glück hatte ich alle Materialien aufgehoben.
„Dann sobald sie wieder da sind! Gehen sie vor die Tür! Ich werde ihr aufmüpfiges Verhalten nicht länger tolerieren!“
Gemütlich stand ich wieder auf, zwinkerte Georg zu und ging wieder raus. Der Lehrer war einer der Schlimmsten. Bei dem war ich wirklich jede Stunde draußen. Georg würde mir in ein paar Minuten folgen. Die Stunde würden wir dann bei der alten Cafeteriafrau verbringen.
„Na?“
„Hey! Da bist du ja schon. Eine Minute. Das ist ein neuer Rekord.“
„Ja, als ich ihn darauf angesprochen hatte, dass die andere Klasse schon bei der schriftlichen Erörterung ist, ist er ausgetickt und hat mich rausgeworfen.“
„Kaffee?“
„Klar. Die Cafeteriafrau wartet bestimmt schon.“

„Gibt es was Neues?“
„Mh. Ian geht es gut. Erstickt langsam in seinem Müll, wurde aber noch nicht von der sieben Tage alten Pizza angegriffen.“
„Dann ist ja gut. Wann können wir eigentlich mal wieder einen Filmabend machen? Hast du da mal nachgefragt?“ Ein paar Sekunden verstrichen.
„Oh Gott, das hört sich an, als wäre er dein Vater.“
„Er benimmt sich wirklich wie ein Aufpasser! Ich hab ihn gestern darauf angesprochen.“
„Und?“
„Dieser Arsch hat nur abgeblockt und mir noch ein Buch hingelegt.“
„Ist er gestern mit dem falschen Fuß aufgestanden?“
„Ich hab keine Ahnung. Da geht schon seit ein paar Tagen so. Aber er besteht trotzdem darauf, dass er mich abholt und ich meine Zeit mit ihm verbringe. Total Schwachsinnig, wenn er mich eh nur ignoriert oder anblafft.“
„Warum macht der denn das eigentlich?“
„Ich hab da eine Theorie, ich bin mir nur noch nicht sicher. Und da alles noch so ungewiss ist, möchte ich noch nichts sagen.“
„Sprich aber mit mir, bevor es übel wird.“
„Das einzige, was ich nicht mehr lange aushalte ist der Sexentzug.“
„War klar, dass du nur an das eine denkst.“
„Und du willst wirklich nicht mal kurz?“, sagte ich beiläufig.
„Nicht wirklich.“, entgegnete er in der gleichen Tonlage.
Ein Schlag auf dem Hinterkopf lenkt mich von weiteren Überredungsversuchen ab.
Ian stand hinter uns.
„Ich hab dir schon tausendmal gesagt, dass du Georg nicht so anbaggern sollst.“
Er unterbrach sich selbst. Man konnte förmlich sehen, wie er einen Gedankenblitz hatte.
„Sag mir nicht, er ist die Person, über die wir vorhin geredet haben.“
„Nein. Das ist ein anderer.“
„Wenigstens was. Warum seid ihr eigentlich schon wieder hier?“
„Ich wurde rausgeschmissen.“, gab ich freimütig zu. Ian wusste eh wie die Lehrer mich behandelten.
„Warum diesmal?“, seufzte er.
„Der hat nur Schwachsinn geredet und nett, wie ich bin, hab ich ihn berichtigt. Da ist der ausgeflippt und hat mich rausgeworfen.“
„Und du?“, wandte er sich an Georg.
„Och, er wollte mir seine Liebe zeigen und in meiner Nähe sein.“, mischte ich mich ein.
Noch einmal spürte ich einen harten Schlag auf meinem Kopf. Der Schmerz breitete sich rasend schnell aus und wurde dann zu einem dumpfen Pochen, was nicht zu schnell verschwinden wollte. Wunderbar, jetzt hatte ich auch noch Kopfschmerzen. Mein „Geliebter“ war nicht gerade zimperlich mit mir.
„Mir war langweilig.“, gab er betont neutral preis. Natürlich war er mir gefolgt, um mir Gesellschaft zu leisten, aber nicht, weil er mich abgöttisch liebte. Jedoch war ihm selbst der triviale Grund der Freundschaft peinlich.
„Frau Daster!“, wurde über die Gänge der Schule gebrüllt. Da hatte der Pauker wohl meine Abwesenheit bemerkt.
„Keine Sorge Herr Polper.“, rief Ian zurück. „Sie ist hier. Wir diskutieren gerade eine Frage aus.“ Schnell schnappte er sich meinen Kaffee und nahm in genau dem Moment einen Schluck daraus, als der Lehrer angestampft kam.
„Herr Perodd, warum sind sie hier?“
„Er war ebenfalls an dem Thema interessiert.“
Selbst der Pauker durchschaute die schlichte Ausrede, wusste nur nicht, ob er den heißbegehrten jungen Mann vor den Schülern angreifen sollte oder nicht.
„Um was geht es denn? Vielleicht kann ich der kleinen Runde aushelfen?“, versuchte er den Schwindel auffliegen zu lassen. Doch Ian war keinesfalls dumm. Nicht umsonst ist er schon in jungen Jahren ein anerkannter Lehrer geworden.
„Wir haben versucht herauszufinden, warum manche Menschen sich nur auf eine Informationsquelle verlassen, wo man sich doch nie sicher sein kann, dass diese die Wahrheit erzählen, obwohl wir drei einstimmig dazu tendieren Informationen zu hinterfragen.“
Der versteckt Angriff wurde gar nicht verstanden und ignoriert.
„Ist doch egal! Zurück zum Unterricht, alle Beide!“ Schon war er wieder verschwunden, um die restliche Klasse mit seiner Anwesenheit zu beglücken.
Ich kippte noch schnell meinen Kaffee hinter und machte mich langsam auf den Weg. Georg würde eh noch einmal auf „Toilette gehen“, was seine Bezeichnung für eine Rauchen war. „Viel Spaß!“, wünschte mir Ian. Ich hob die Hand, als Zeichen, dass ich verstanden hatte.

„Einsteigen.“
Stumm setzte ich mich rein. Ich hatte ihm nichts von dem Ausfall gesagt und doch stand sein Auto nun vor mir. Mürrisch schnallte ich mich an und warf Andrew einen giftigen Blick zu. „Ich gehe morgen zu Georg, Videoabend.“
„Nein.“, antwortete er, machte sich eine Zigarette an und startete den Wagen.
„Steig aus, wenn du rauchen willst, ich will nicht davon verpestet werden!“
Ebenso mies gelaunt, wie ich, schmiss er die kaum verbrauchte Kippe aus dem Fenster. „Warum nicht? Ich bin schon seit dem Kindergarten mit Georg befreundet und zwischen uns war nie etwas.“
Er fuhr einfach weiter, ohne mich zu beachten.
Arschloch!
„Kannst du mir mal verraten, was in den letzten Tagen mit dir los ist? Du redest nur das Nötigste mit mir, schaust mich sonst nur mit dem Arsch an und beschwerst dich dann auch noch, wenn ich meinen Mund aufmache.“
Abrupt hielt er rechts an und drehte sich zu mir um. Ich registrierte das gar nicht, ich stand noch zu sehr unter Schock. Lebte ich noch?
So heftig, dass ich mich nicht dagegen wehren konnte, zog er mich zu sich und küsste mich verlangend. Ich wusste gar nicht, was los ist. Ich wurde von einem traumatischen in ein unerwartetes Erlebnis geschleudert und kam den Situationssprüngen gar nicht hinterher. Mein Körper begriff schneller, was Andrew gerade mit mir machte, juchzte auf und schickte ein Kribbeln und Prickeln durch mich. Ich fühlte einen Schauer, doch einzig auf diese Lippen konnte ich mich konzentrieren. So rau. So sinnlich. So männlich!
Ich stöhnte in seinen Mund und bog meinen Rücken durch. Eine Hand hielt fast schmerzvoll meinen Kopf, drückte mich immer weiter zu ihm. Er knurrte auf und verschlang mich dabei. Ich fühlte mich, als würde ich aufgefressen werden und es war himmlisch. Ich rückte noch weiter zu ihm, fuhr mit einer Hand über seinen muskulösen Oberkörper. Die Hand wanderte tiefer, bis zum Saum seines Hemdes und verschwand darunter. Mit den Nägeln reizte ich seine empfindliche Bauchdecke immer mehr. Fuhr die göttlichen Muskeln nach und wollte gerade das Gebiet unter der Hose erkunden, als er den Kuss unterbrach. Er sah mich an, sicher ein paar Minuten, aber mir war es scheißegal, wie spät es war oder wie lange er mich betrachtete.
Ruckartig wurde ich wieder zu ihm gezogen. Er musste die Gurte gelöst haben, da ich auf einmal auf seinem Schoß saß. Und ich war verdammt stolz darauf, dass er auf mich reagierte. In meiner Position spürte ich es überdeutlich. Seine Lippen fanden die meine und sofort entfachte erneut ein Feuer in mir, welches mich innerlich zu verbrennen drohte. Ich schmiegte mich noch weiter an ihn, wollte mehr. Ich wollte seine Haut spüren, seine Wärme, wollte seinen Geruch in mich einbrennen. Unbewusst fing ich an mich zu bewegen. Ich konnte mich weder beherrschen oder auch nur einen klaren Gedanken fassen. Er sollte bloß nicht aufhören!
Fordernd fing er an meine Brüste zu massieren. Wieder knurrte er wohlwollend auf. Der Jäger hatte seine Beute.
Genauso überraschend wie er angefangen hatte, hörte er leider wieder auf.
„Was?“, konnte ich nur schweratmend und belegt fragen.
„Oh Gott!“, antwortete er ebenso außer Atem. „Ich wusste es.“
Was wusste er? Dass ich eine Frau war?
„Ich kann das nicht! Das darf einfach nicht passieren!“
„Und noch einmal auf Deutsch?“, fragte ich fordernd. Langsam hatte ich dieses hin und her satt, gerade, wo ich jetzt wusste, dass er mich ebenso wollte wie ungekehrt. Der Typ schaffte mich noch, mit dem ständigen zwischendrin aufhören.
„Du musst… wir sollten…Verdammt, ich weiß nicht mehr, was ich machen soll.“
„Wie wäre es mit, mich aufzuklären?“
„Da fängt es ja schon an. Lass mich uns zuerst zurückbringen.“
Er fuhr einfach wieder los! Einfach so! Ungeachtet seines körperlichen Zustands! Der war doch kein Mensch mehr!



Ich finde noch einen Titel! Ich versprech's! Zum nächsten Kapitel hab ich einen!
8.9.08 22:13


Kapitel 3

Fassungslos starrte ich ihn an, wie er mit dieser enormen Erektion gemäßigt durch die Straßen gondelte. Wieder einmal bekam ich die Fahrt nicht mit, mein Blick war irgendwie von etwas Großem abgelenkt.
„Bist du überhaupt menschlich?“, fragte ich betäubt.
Skeptisch schaute er mich an.
„Wie kommst du da drauf?“
Nur so. Er fuhr ja nur schon eine Weile mit einem Ständer durch die Stadt!
„Ich hab noch nie einen Mann mit so einer enormen Selbstbeherrschung kennen gelernt.“
Er maß mich mit einem intensiven Blick, schaute aber fast sofort wieder weg. Was sollte das denn bedeuten? Hatte ich etwa schon wieder irgendwas Falsch gemacht? Langsam ging ihr das Spiel „Lucy, die Schuldige“ auf den Keks!
„Warum glotzt du mich eigentlich immer nur an und verschweigst alles? Das geht mir so auf die Nerven!“
„Spar dir deinen Atem!“
Jetzt ging es wohl los!
„Ach, und warum Mr. Kotzbrocken?“
„Weil du, wenn wir bei mir sind, eine ganze Weile keine Luft bekommen wirst!“
Was? Was... Oh, das meinte er damit?
„Ähm…“
„Und wehe du versuchst in der letzten Sekunde einen Rückzieher zu machen!“
Langsam bekam ich Angst!
„Das klingt wie eine Drohung!“
„Glaub mir Kleine, das ist eine!“
Hilfe, was hatte ich nur angerichtet? Wie weit war es noch? Ich wette, es würde nicht auffallen, wenn ich schnell rausspringe. Er würde es gar nicht bemerken!
Mit entsetzten stellte ich fest, dass wir schon fast da waren.
„Du, also, das ist so…. ich… ich… ich hab mir einen Virus eingefangen! Ich… ich hab Durchfall!“
„Netter Versuch. Wirkt aber nicht!“
„Hör auf so zu reden! Das macht mir echt Panik!“
„Wie spreche ich denn?“
„Als würdest du gerade durchdrehen!“
Noch knappe 50 Meter.
„Hör mal, ich bin nun wirklich nicht abgeneigt mit dir zu schlafen, dennoch finde ich, dass wir noch warten sollten.“
Ich legte noch mehr Überzeugungskraft in meine Worte.
„Bis du wieder bei Sinnen bist!“
„Glaub mir, ich denke klar.“
Ja klar und ich war der Weihnachtsmann!
Mit quietschenden Reifen hielten wir an. Er sprang aus dem Auto und zerrte mich die Stufen hoch.
„Wollen wir nicht erst darüber reden?“
Ich hegte die Theorie, dass all sein Blut in tiefere Regionen gepumpt und dadurch sein Gehirn lahm gelegt wurde. Leider half mir diese unglaubliche Erkenntnis kein bisschen.
„Ich werde die nächsten 72 Stunden mit dir schlafen. Und du wirst meinen Namen immer und immer wieder schreien.“
Er riss die Tür auf und vor uns stand mein Onkel.
„Onkel Leo!“
„Hallo Lucy.“, strahlte er mich an.
„Herr Nurtan, was verschafft uns die Ehre?“ Andrew war mehr als sauer.
„Ich wollte Lucy besuchen, ich möchte wissen, wie es ihr geht.“
„Ihr geht es gut.“
Was machte er hier?
„Ich kann alleine reden. Onkel Leo, warum… woher weißt du, dass ich hier bin?“
„Da ich den jungen Mann angestellt habe, um auf dich aufzupassen, werde ich schon wissen, wo er wohnt.“
Ach, so lief der Hase! Ich bin nicht enttäuscht, ich habe mir doch von Anfang an so was gedacht. Und traurig war ich auch nicht!
„Du mieser Arsch!“, zischte ich.
„Ach komm, du wusstest es seit Beginn.“
Nein, ich hatte es geahnt. Doch ich hatte gehofft, dass es nicht so war. Aber die Auseinandersetzung musste ich verschieben. Onkel Leo war immer noch da und umsonst sicher nicht.
„Also, was gibt es Wichtiges?“, wandte ich mich an meinen Verwandten.
„Deine Eltern, besser gesagt, deine Mutter hat mich vor einer Stunde angerufen.“
Ich glaub, mir wurde schlecht.
„Und?“, gab ich mich desinteressiert. In Wirklichkeit brannte ich darauf die Neuigkeit zu erfahren.
„Nun, wie soll ich sagen. Am besten fasse ich mich kurz. Deine Eltern lassen sich scheiden und meine Schwester will dich nach New York holen.“
Und wie mir übel wurde! Ein unkontrollierbares Zittern übermannte mich.
„Die kann mich mal! Sie hat keinerlei Recht, mich zu zwingen.“
„Ja, das ist ihr bewusst. Es tut ihr Leid und sie will es wieder gut machen.“
Dabei hatte sie nicht mal den Anstand, es mir persönlich zu sagen.
„Ach, auf einmal! Aber 18 Jahre lang konnten sie mich allein lassen. Meine Versuche, sie zu erreichen, ignorieren!“
Ich redete mich in Rage.
„Sie haben ihr Kind vereinsamen lassen. Ein kleines Kind! Ich weiß nicht Mal, wie sie aussehen! Ich weiß gar nichts von ihnen. Außer, dass sie egoistische kaltherzige Menschen sind!“
Stumm hörten sie mir zu.
„Und nachdem ich mich mehr oder weniger von ihnen abgeschottet habe, soll zu ihr? Einfach so? Nur weil „es ihr Leid tut“? Wer glaubt sie, wer ich bin!“
Andrew nahm mich in den Arm. Mir war egal, ob er bezahlt wurde oder nicht. Wenigstens war er da.
„Lucy, es tut mir ja so Leid. Ich wusste ja nicht, wie schlimm sie dich behandelt….wie sehr sie dich im Stich gelassen haben.“, sagte mein Onkel voller Mitgefühl.
„Geh bitte. Wir können uns ein anderes Mal unterhalten.“
Mit gesenktem Kopf ging er an uns vorbei. Als er die Tür schloss, wurde es still. Einige Minuten sprach keiner von uns, dann raffte ich mich zusammen.
„Entschuldige.“ So eine emotionale Entblößung war mehr als peinlich.
„Wofür?“, fragte er sanft.
„Ich hab hier eine Szene gemacht.“
„Macht nichts.“
„War das Ganze der Grund, warum du, also, du nicht mit mir Sex haben wolltest?“
„Ja.“, knurrte er.
Entweder mochte er nicht, mit mir das Kamasutra nachzuahmen oder der Umstand, dafür entlohnt zu werden.
„Warum hast du dann erst damit angefangen?“
Ich tippte leichtfertig auf zweitens.
„Wärst du denn sonst mitgekommen?“
Wenn ich ehrlich war nicht! Hätte ich nur einen Moment geglaubt, dass ich sozusagen nichts „bekomme“, wäre ich sofort verschwunden. Warte, rief ich mich selbst zur Ordnung. Hieß das, dass ich es jetzt nicht mehr machen würde? Kurz verlor ich mich in den Gedanken, bis ich eine Entscheidung getroffen hatte.
Ich würde es immer noch tun. Jeder Psychoklempner hätte seine wahre Freude an mir, da ich nur so vor Charakterstörrungen und Komplexen strotze. Und ich war Stolz drauf! Auf jeden Schatten, den ich hatte!
„Nein, nie im Leben!“

Er ließ mich los und strebte stark die Küche an. Ich hatte einen mörderischen Hunger, weshalb ich sehnsüchtig hoffte, etwas Essbares zu bekommen.
Ich schlich hinter ihm her. Die vielen Informationen musste ich zuerst verarbeiten.
Meine Mutter hatte mich doch nicht vergessen und möchte nun einen auf die „Eine himmlische Familie“ machen.
„Aber ohne mich.“, murmelte ich vor mich hin.
„Was hast du gesagt?“
„Mh? Ach, ich habe beschlossen, dass ich keine Schauspielerin werden will.“
Er hielt inne die Brötchen zu beschmieren und warf mir ein Blick der Marke „Du bist vollkommen und unwiderrufbar verrückt!“. Dafür schenkte ich ihm einen „Na und? Ich steh dazu!“ Blick. Woraufhin er wieder seufzte.
Ja, ja. Er hatte es so schwer mit mir. Armer Andrew. Er könnte einem wirklich Leid tun. Wäre ich nicht so ein egozentrisches Miststück.
„Gibt es nur Brötchen?“
Mit Wucht knallte er das Messer auf den Tisch. Sah ich da eine Ader an seiner Schläfe pochen? Ich schaute genauer hin. Ja, es war eindeutig eine Ader. Mensch, der war heute aber schnell auf 180.
„Ich denke, du musst aufpassen, damit du nicht fett wirst!“ Mühsam unterdrücke er seine Wut, presste die Worte zwischen seinen Zähnen hervor.
„Das war bevor du vorhattest, mich die nächsten 72 Stunden zu vögeln. Ich brauche dafür Energie. Viel Energie.“
„Den Plan hab ich eh schon wieder verworfen, da kann es auch Brötchen geben.“
Ich glaube ich musste ziemlich belämmert aussehen, so wie Andrew spitzbübig lächelte.
„Was soll das heißen, du hast den Plan verworfen?“
Sein Grinsen wurde noch breiter.
„Ich denke, du bist noch nicht bereit dafür.“
Wie bitte?
„Dir ist aber schon klar, dass wir schon miteinander geschlafen haben.“
„Oh ja.“
„Und ich keine jahrelange Vorbereitung dafür brauchte?“
„Das auch.“
„Was soll das dann?“
Hätte er keine Ohren würde er jetzt um seinen ganzen Kopf grinsen. Der Kerl würde mich noch in die Anstalt bringen! Ich behielt meine Entrüstung für mich und versuchte seine Gedanken nachzuvollziehen.

Er stellte einen Teller mit viel Gemüse und wenig anderem vor mir ab. Ich starrte mein Essen an, als könnte ich es durch pure Gedankenkraft in ein Hünchen mit Pommes verwandeln. Es klappte nicht. In was für eine Welt war ich nur geraten? Das war doch nicht fair. Ich schielte zu ihm rüber und entdeckte ein wahres Festmahl. Zumindest sah es gegen mein vegetarisches Etwas so aus. Entdeckte ich da Teewurst? Er hatte Teewurst! Warum hatte ich keine, sondern nur ein paar Scheiben Gurke!
„Ich will tauschen!“
„Kommt gar nicht in Frage! Nachher heulst du mir sonst die Ohren voll.“
Genüsslich biss er ab. Ich wettete, er machte das mit Absicht. Blanker Hohn sprach aus seinen Augen! Gott, ich wurde schon wahnsinnig von dem Karnickelfutter.
„Wenn du mir nicht augenblicklich irgendwas Fleischähnliches gibst, werde ich zum Kannibalen!“
Er versuchte herauszufinden, in wie weit ich die Wahrheit sagte, aber anscheinend wollte er es nicht herausfinden. Ein, ein Teewurstbrötchen legte er zu meinem Zeug. Krampfhaft redete ich mir ein, dass mir das reichen würde. Es war besser als Nichts.
Nach dem Essen wanderten wir, wie jeden Abend, in die Stube und schauten uns die stupiden Fernsehsendungen an. Ich konnte praktisch fühlen, wie mit jeder verstreichenden Sekunde eine Gehirnzelle abstarb. Dafür brauchte ich nicht mal einen Vollrausch.
„Nochmal wegen dem Videoabend…“, machte ich mich bemerkbar.
„Den mit Georg. Bei uns ist es Tradition, dass wir uns am Freitag treffen.“
„Und was macht ihr dann?“
War da etwa jemand interessiert?
„Nichts weiter. Wir reden, gucken Filme, wenn welche da sind. Er hört sich meine Geschichten an und ich mir seine. Und gegen ca. um zehn kommt der Pizzamann. Wie gesagt, wir sind Freunde. “
„Er fällt doch genau in dein Schema. Warum hast du es nie bei ihm versucht?“
Ich fing an zu lachen. Laut, plötzlich und unaufhörlich. Außenstehende konnten das nicht beurteilen, wie auch, aber für mich gab es nichts Lächerlicheres als mit Georg zu schlafen. Wir kannten uns schon so lange. In meinen Augen war er immer noch der kleine Drops, der mich niedlich anstrahlte und mich fragte, ob ich nicht mir ihm spielen will. Wir kennen uns einfach zu gut. Und glaubt mir, es gibt nichts Abtörnenderes als alles von jemanden zu wissen. Ich machte gern meine Späße, ja, doch das lag an dem blöden Kommentaren, die uns hinterher geschmissen wurden. Ich hatte davon die Schnauze voll und deshalb baggere ich ihn an. Rein Spaßeshalber, denn sein Gesicht war immer zu herrlich. Langsam konnte ich mich beruhigen. Während ich antwortete, brach trotzdem ab und zu ein kichern durch.
„Das ist absolut unvorstellbar! Mich schüttelt es allein bei dem Gedanken!“
„Am Freitag? Ohne Übernachten?“
„Ja!“, antwortete ich schnell. Vielleicht erhöhte das meine Chance.
„Ich werde dich punkt elf Uhr abholen.“
„Komm schon. Ich bin keine 16 mehr.“
„Halb zwölf. Keine Sekunde später!“
„Aye, aye!“
„Und wehe, da passiert was!“
„Ja, Papa!“
„Hast du mich gerade als deinen Vater bezeichnet?“
Ich lächelte ihn sadistisch an.
„Wenn du dich so benimmst.“
Er schlug die Hände über dem Kopf zusammen und bemitleidete sich wahrscheinlich selbst.
„Nenn mich noch mal so und du kannst Freitag vergessen!“
Mein kleiner Teufel machte Purzelbäume in mir.
„Das würdest du doch nicht machen…“
Ich küsste ihn sanft und nur ganz kurz rechts neben sein Gesicht, kurz unterhalb von seinem Ohr. Gleich danach nahm ich meinen ursprünglichen Platz ein.
Er knurrte leise auf und zog mich an seine Seite. Dabei ließ er den Arm, mit dem er mich zog, gleich um mich. Zufrieden schaute er weiter dem armen, gestört aggressiven Kind zu, welches von einer dürren Frau auf eine Treppe gesetzt wurde und nun die Tapete mit einem Edding anmalte. Was bezweckte das alles? Wurde das aus einem bestimmten Grund gezeigt?
Ich schaltete um, als er kurz abgelenkt war.
Es wurde immer schlimmer. So was sollte verboten werden! Gerade führten ein sterbender Vampir und ein Goldlöckchen einen Dialog. „Du musst!“ „Nein, ich kann nicht.“ „Tu es!“ „Das kann ich dir nicht antun“ „Mach schon. Ich will es!“ So ein Quatsch!
An einer Kochsendung blieb ich hängen. Etwas kam in mir hoch. Es überwältigte mich geradezu. Mein Gedächtnis arbeitete angestrengt und versucht mir was zu sagen. Ich hatte etwas vergessen.
Es brach aus und bevor ich zu Enden denken konnte war ich schon aufgesprungen und aus der Wohnung gestürmt.
„Frieda!“
Einen entsetzt dreinblickenden Andrew lies ich zurück.

„Guten Abend!“, rief ich dem Ehepaar fröhlich zu.
„Nein, was für eine Überraschung. Wie geht es dir?“
„Oh, super! Ich habe mich mit meinem Freund wieder versöhnt.“
„Das hört man gern.“
Sobald ich im Wohnzimmer saß, wurde mir Kuchen gebracht. Die Beiden musste man einfach lieb haben. Ich weiß, ich war verfressen. Es kümmerte mich nur nicht, solang ich Friedas selbst gemachten Nachtisch bekam. Ich hatte das Gefühl, als würde mein Aufpasser mich seit neustem auf Diät setzten. Dabei hatte ich das nun wirklich nicht nötig. Die Jeans vom letzten Jahr passte mir noch und die war schon 3 Jahre alt!

Ich machte es mir auf dem alten, bequemen Sofa gemütlich und unterhielt mich über die Sachen, mit denen man sich mit älteren Menschen redete. Von den letzten Krankheiten über derzeitige Leiden, zu Kindern und Jugendlichen.
Es klingelt und Friedrich erhob sich, um den Ankömmling hereinzulassen.
"Hallo Papa."
"Mein Junge, wie schön. Ich dachte schon, du schaffst es heute nicht."
Für Frieda war das wohl das Stichwort, weiteres Gedeck und Kuchen zu holen.
Ein Mann, ca. 30 Jahre alt, mittlere Größe, kein Bierbauch, leicht geformte Muskeln, männliches Gesicht, mindestens einen Tag nicht rasiert, im Anzug, erschien in der Tür, sah mich kurz an und folgte seiner Mutter in die Küche.
„Mama, da ist eine fremde Frau in der Wohnung und isst meinen Kuchen!", donnerte er los.
„Das ist Lucy, sie kommt seit neustem vorbei."
„Du kannst doch keinen Personen meinen Kuchen geben, wenn du sie nicht kennst."
„Aber Uwe, ich kenne sie. Sie ist sogar wieder mit ihrem Freund zusammen."
„Ein Einbrecheranführer?"
„Nach seinem Beruf habe ich noch nicht gefragt."
War auch besser so, ich wusste nämlich selbst nicht, was er machte.
„Uwe, ich muss sagen, deine Haare sehen toll aus, was hast du mit denen gemacht?“
Es folgte eine kurze Stille.
Ich konnte nichts sehen und wollte mich nicht so unhöflich benehmen und noch offensichtlicher lauschen, aber ich spürte das knistern bis zu mir. Das ging was vor sich…
„Ich habe sie gewaschen.“, antwortete er düster.
Ich prustete los, versuchte es noch als Hustenanfall zu tarnen, was jedoch kläglich scheiterte.
„Oh. Sieht hübsch aus. Solltest du öfter machen.“
Angestrengt presste ich meine Lippen aufeinander. Nur nicht lachen, hieß die Devise.
„Was machst du hier?“
Der Sohn war zurück in die Stube gelaufen. Ich stoppte kurz in meine Fressorgie und wandte mich ihm zu.
„Essen.“
„Das sehe ich selbst.“ Er raufte sich die Haare. „Na gut, ich formuliere meine Frage anders. Warum bist du hergekommen?“
Meine Schadenfreude machte sich eindringlich bemerkbar.
„Um zu Essen. Mein Freund gibt mir nur noch Grünzeug.“
Da! Er wurde rot und ich verwettete mein gesamtes Geld darauf, dass es nicht aus Scham war.
„Ok, ich warne dich. Meine Eltern sind zwar liebe, gute Menschen, ich aber nicht. Wenn du sie ausnutzen oder ausrauben willst, gibst du es besser gleich auf. Ich werde dich sonst auf Lebenszeit verklagen.“
Das erklärte seinen reichen Fummel. Er war Anwalt.
„Keine Panik. Ich habe nichts dergleichen vor. Mir gefällt nur ihre Gesellschaft.“
Er pflanzte sich neben mich hin und fing an, sein eben gebrachtes Stück, zu verspeisen.
„Also Lucy, deinetwegen habe ich heute nur die hälfte bekommen. Irgendein Vorschlag, was du dagegen zu tun gedenkst?“
Ganz automatisch kamen mir eindeutige Gedanken. Ich verdrängte sie, konnte sie aber nicht vergessen. Ich hatte hier eine einmalige Chance. Eine, die ich so schnell und einfach nicht mehr bekommen würde. Es gab nur ein Problem! Ich wollte nicht. Ich war selbst schockiert, dies zu sagen, doch ich verspürte keinerlei Lust mit dem Mann die Nacht zu verbringen. Dabei sah er so gut aus. Trotzdem, nichts reagierte in mir. Ein Friedhof wäre genauso attraktiv gewesen.
„Mh, ich könnte dir einen backen. Ich würde dich lediglich vergiften.“
„Dann übe ich mich lieber in Verzicht.“
„Ist besser so.“
„Ach Junge…“, mischte sich die Eigentümerin der Wohnung ein. Wann hatte sie sich zu uns gesellt?
„Wir haben so viel und du beschwerst dich, wegen einem kleinen Stück.“
„Hier geht es um’s Prinzip!“
„Ruhe, ich will die Serie sehen!“, bestimmte Friedrich.
Na holla, da war jemand ein leidenschaftlicher Schauer von „In aller Freundschaft“. Es war schon gruslig, wie schnell abhängige austicken konnten.

„Mach das nicht noch mal!“
Ich holte mir gerade meine Standpauke ab. Ich durfte nicht einfach wegrennen. Ich durfte nicht komische Leute besuchen (ich hatte ihm die Highlights geschildert) und ich durfte nicht und das betonte er extra, ohne mein Handy abhauen. Immer das Gleiche.
„Ich war doch nur Frieda besuchen.“
„Das hättest du mit auch vorher sagen können. Verdammt, ich war krank vor Sorge. Ich wusste nicht, was los war und was zu Teufel in deinem Kopf vorging. Ich weiß immer noch nicht, wie du denkst, allerdings macht es mir inzwischen Angst.“
„Reg dich doch nicht so auf.“, umschmeichelte ich ihn. „Ich bin wieder da und alles ist gut.“
„Nichts ist gut, ich hab mich noch kein bisschen beruhigt.“
„Dann sage ich dir ab sofort jede Kleinigkeit. Ich werde dir zudem einen Plan erstellen, wann ich auf’s Klo muss.“
„Du nimmst das Thema kein bisschen ernst!“
„Du wirst mir nie folgen können. Genauso wenig werde ich dich über jeden meiner Schritte informieren.“
„Ich brauche Herztropfen!“
„Was ich alles brauch…“
Ich hatte in der Beziehung einen festen Standpunkt und da würde ich auch nicht von weichen. Von Anfang an war ich selbstständig, musste es ja sein. Ich weigerte mich meinen Geist bloßzulegen, wo er mich doch so schon genug kontrollierte. Auch wenn mich der Tapetenwechsel nicht störte. Er seufzte sehr, sehr resignierend.
„Mach dich ins Bett, alles weitere bereden wir morgen.“
„Morgen ist Freitag.“ half ich ihm auf die Sprünge.
„Ich weiß, wir reden, wenn ich dich abgeholt habe.“
Er ging an mir vorbei, ins Bad und dann hörte ich nur noch Wasser rauschen. Ich selbst machte mich auch fertig. Die Unmengen von Make-up mussten runter. Obwohl ich es nicht besonders mochte am morgen ewig vor dem Spiegel zu stehen, konnte ich es nicht Verantworten ohne den ganzen Kleister aus dem Haus zu gehen. Da ich so oft weg ging, bekam ich folglich wenig Schlaf, was wiederum zu auffälligen Augenringen führte. Ich war dazu noch ein blasser Hauttyp und sah somit immer leicht gespenstisch aus.
Nach der ganzen Prozedur setzte ich mich an meine Arbeit über Schiller und fasste sie geschickt zusammen. Es war ein Kinderspiel, da ich alle erforderlichen Texte schon hatte. Müde legte ich mich ins Bett und war schon nach wenigen Augenblicken in Morpheus’ Armen.

„Lucy! Steh endlich auf!“
Was war denn los? Warum war es so laut? Ich erinnerte mich an die gesagten Worte, wusste aber nicht, wieso ich aufstehen sollte. Mein Wecker hatte noch nicht mal geklingelt. Ich wollte doch nur meine Ruhe.
„Raus aus dem Bett! Jetzt!“
Unvermittelt wurde mir die Bettdecke geklaut. Keuchend, aufgrund der plötzlichen Kälte, setzte ich mich auf. Wer war der Schuft, der es wagte mich zu so einer gottlosen Zeit aus meinem Reich zu verbannen?
„Guck nicht so blöd, sondern mach dich endlich fertig! Du hast verschlafen!“
Hä? Ich schaute auf die Uhr, die wohl platziert auf dem Nachttisch stand. Um sieben?
Um sieben! Ich konnte noch gute 30 Minuten schlafen!
„Ich habe heute einen Termin beim Arbeitsamt. Ich kann heute länger schlafen.“
Deutlich sah man den Wandel von zornig zu verwirrt und endete bei schuldig.
„Oh, ich dachte, du hättest heute Schule.“
„Zuerst muss ich da kurz hin. Die wollen mal wieder über meinen neusten Stand der Dinge informiert werden.“
Wenn ich schon Mal wach war, konnte ich auch gleich aufstehen. So hatte ich mehr Zeit und konnte in Ruhe frühstücken. Ich rollte mich aus dem Bett und landete lautstark auf dem Boden. Das war mein übliches morgendliches Ritual.
Andrew beobachtete mich mit ungläubigen, weit aufgerissenen Augen.
„Was wird das, wenn es fertig ist?“
Schwerfällig erhob ich mich.
„Aufstehen.“
„Oh mein Gott!“
Ich verzog mich ins Bad. Als erstes eine warme Dusche. Zähneputzen, anziehen, schminken. Der Plan stand fest.
Das Wasser prasselte unaufhörlich auf mich hinab. Herrlich! Ich liebte es zu duschen. Die duftende Seife, das wohlige Gefühl, die einsetzende Entspannung. Leider musste ich aber wieder aufhören, außer ich wollte, dass Andrew bei der nächsten Wasserrechnung in Ohnmacht fiel.
Mit einem starken Gefühl des Bedauerns wickelte ich mich in eines der weichen und großen Handtücher ein und wischte mit der Hand über den beschlagenen Spiegel. Meine Augenringe waren deutlich besser geworden. Es tat mir wirklich ganz gut, eine Auszeit zu nehmen.
Mehr tastend als sehend fand ich meine Zahnbürste und putzte radikal den komischen Morgengeschmack weg. Wo hatte ich denn meine Sachen? Suchend blickte ich mich um, bis mir einfiel, dass die noch im Zimmer lagen. Ich tappte aus dem Badezimmer, ein leichtes Frösteln überkam mich, und fand meine Kleidung ordentlich gefaltet auf einen Stuhl wieder. Musste mein Aufpasser gewesen sein. Ich machte mir nie die Mühe, meine Sachen zusammenzulegen. Fix, im Badetuch war es doch ganz schön frisch, suchte ich neue Unterwäsche und Socken heraus und zog alles an. Mit dem Spiegel am Kleiderschrank legte ich das nötige Make-up auf und stolperte und torkelte in die Küche.
Kaffee! Ich brauchte dringend Kaffee!
Lieb wie er war stellte er auch bei meinem eintreten eine dampfende Tasse mit Koffein auf den Platz.
„Danke.“
„Wann bist du denn bestellt?“
Ich setzte mich und umklammerte die Tasse mit beiden Händen. Warme Getränke waren praktische Handwärmer.
„Dreiviertel neun.“
Die Herduhr zeigte gerade Mal um acht an. Ich hatte noch Zeit.
„Ich fahr dich hin. Ich muss noch mal kurz ins Büro.“

„Genau! Was machst du eigentlich? Du arbeitest zu Hause und hast ein Büro. Was für ein Beruf ist das?“
Das wollte ich schon seit einer geraumen Weile wissen. Ok, mir ist es gestern erst aufgefallen, aber hatte nichts zu sagen.
„Ich bin Übersetzer. Und das Büro ist nicht mein Büro.“
Er lächelte mich an. Ihm schien seine Arbeit unglaubliche Freude zu bereiten. Oder er freute sich, weil ich an ihm Interesse zeigte, was über die körperlichen Triebe ging. Aber das zweite war reines Wunschdenken.
„Das hätte ich ja gar nicht gedacht. Bei deinem Körperbau habe ich eher auf etwas Anstrengendes getippt. Wie, keine Ahnung, Bauarbeiter oder so.“
Er lachte auf. Nicht gehässig und laut, sondern freundlich und mild.
„Das liegt im erstens in meinen Genen und zweitens an meinen regelmäßigen Fitnessstudiobesuchen.“
Langsam gefiel mir es, ihn auszufragen.
„Und wie alt bist du?“
„27.“
Abrupt drehte ich den Kopf zu ihm.
„Das ist ein Scherz! Du siehst um einiges jünger aus!“
„Danke, aber das ändert nichts.“
Er hielt vor der Arbeitsagentur an.
„Soll ich dich abholen?“
„Nein. Ich fahre mit dem Bus.“
Ich öffnete die Tür und stieg aus.
„Dann bis um zwei.“
„Denk an den Videoabend.“
„Ich habe doch schon zugestimmt.“
„Dann bis später.“
Ich schloss die Autotür und er fuhr weiter.

Ich war so froh, als ich dieses furchtbare Gebäude wieder verlassen konnte. Ich hasste das Arbeitsamt. Man saß ewig lange rum, um kurz aufgerufen zu werden und nach 10 Minuten wieder entlassen zu werden. Das einzig Gute war, dass ich in dieser Woche keinen Unterricht mit Herr Polper mehr hatte. Es machte zwar Spaß ihn zu ärgern, aber ich hatte heute keine Motivation dafür. Ich wollte zu Georg und mit ihm reden.

„Georg!“
Ich rannte auf ihn zu, warf mich um seinen Hals und stürzte ihn damit fast zu Boden. Doch er kannte mich schon lange, auch meine überschwänglichen Begrüßungen, wenn ich mich zu lange Gelangweilt habe oder mir etwas auf der Seele lag.
Er strauchelte kurz, fing sich wieder, setzte mich zurück auf den Weg, aber nicht ohne mich kurz vorher kräftig durchzuknuddeln. Wie ein Honigkuchenpferd strahlte ich ihn an.
„Rate, was ich durchsetzen konnte!“
„Sag bloß, du hast ihn rumgekriegt!“
„Ach Quatsch, noch nicht ganz. Rate weiter!“
„Du hast dir endlich einen Liebessklaven angeschafft?“
„Nein, besser!“
„Keine Ahnung, nun sag schon!“
„Nein, ich geb dir einen Tipp. Es hat mit dir zu tun. Besser gesagt, mit uns beiden.“
„Ich seh nicht durch, was sollte mit uns zu tun haben?“
„Mensch, du Drops! Wir machen heute unseren gemeinsamen Videoabend!“
„Oh.“
Ja, da war er nicht von alleine drauf gekommen. Einen feinen Freund hatte ich mir da gesucht. So gut es ging versuchte ich gleichzeitig herzzerreißend zu schmollen und beleidigt eingeschnappt auszusehen. Es klappte ganz gut, da er mir seine Arme um den Hals legte und mir einen Kuss auf die Wange gab. Aber ich war noch nicht gewillt nachzugeben. Da musste er schon mehr springen lassen. Und wie ich ihn kenne, hatte er keinen Plan, was er machen soll, um mich versöhnlich zu stimmen. Der Vorteil war, ich konnte mir alles Wünschen.
„Ich will ein Eis. In der Geschmacksrichtung Schoko-Caramell.“
„Geht klar.“
Nicht ein Wort des Protestes kam über seine Lippen, warum auch? Er war glücklich alles geklärt zu haben. Typisch Mann.
„Wie war die Stunde mit Schildi?“
Herr Polper hatte eine auffallende Ähnlichkeit mit einer Schildkröte, was uns nicht verborgen blieb und wir ihm somit einen Spitznamen gaben. Schildi klang doch wirklich viel besser als Herr Polper.
„Ich bin mir noch nicht ganz sicher.“
„Was soll das denn bedeuten?“
„Ganz einfach, nachdem er einen Freudentanz aufgeführt hatte, übrigens total falsch, und sich wieder einigermaßen beruhigt hatte, fiel ihm ein, dass die Klasse noch keine einzige Note bei ihm hatte, außer dir natürlich. Das Ende vom Lied war, dass er gleich eine Kurzkontrolle schreiben ließ, wo jeder durchfliegen wird.“
„Was für ein Trottel, er hätte die Klasse ab und zu mit mir mitschreiben lassen sollen.“
„Ja, das Thema war „Erörterung“. Wir sollten das Thema „Sind alle Jugendliche notorische Lügner?“ untersuchen.“
„Was für ein krankes Thema.“
„Du sagst es. Ich hab es so gedreht, dass die konservativen Eltern die Schuld dafür bekommen.“
„Allein dafür kassierst du eine Sechs.“
„Er würde mir liebend gern eine geben, allerdings wird er es nicht können.“
Georg war fast so gut wie ich. Fast deshalb, weil er sich nicht ganz so ins Zeug legen musste. Und er zudem die normalen Arbeiten schrieb. Nicht die speziell für Lucy Daster ausgedachten. Solange er seinen 1,0 Durchschnitt halten konnte, war er zufrieden.
Ich kicherte vor mich hin, als mir eine Person mir ins Auge stach.
Andrew. Warum war er hier? Was wollte er? Ich hatte doch noch gar nicht Schluss. Als ich jedoch sah, dass mein Onkel aufgeregt auf ihn zulief, konnte ich es mir denken. Vielleicht war Zahltag.
„Sehe ich da gerade deinen eifersüchtigen Lover beim Direx?“
„In der Tat.“
„Der vergewissert sich bestimmt, dass dein Onkel nicht auch was von dir will.“
„Bäh! Das ist doch eklig. Na danke, jetzt werd ich eine Weile nicht in der Lange sein Sex zu haben!“
„Sorry, aber du musst schon sagen. Das Verhalten von dem ist überaus krank.“
„Nah, du verstehst ihn nur nicht.“, gab ich lächelnd preis.
Er erwiderte mit einer erhobenen Augenbraue.
„Er ist nett und will nur mein Bestes. Auf seine Weise. Er hat keine Ahnung, was ich wirklich will, aber er ist einfach zu heiß.“
„Luc?“
„Ja?“
„Hör bitte auf zu schwärmen, da kann einem ja schlecht werden.“
Ich fand mich in der Realität wieder. Hatte ich gerade Andrew in den höchsten Tönen gelobt? Mist! Das durfte kein zweites Mal passieren!
„Was haben wir gleich?“
„Ich glaube, es war Mathe. Oder doch Englisch?“
Während Georg noch nachdachte, drehte ich mich zu dem Mann um, der mich mittlerweile ziemlich unter Kontrolle hatte. Wie es der Zufall wollte und mich extrem an eine kitschige Lovestory erinnern ließ, schaute er im gleichen Augenblick zu mir. Ich zauberte von ganz allein ein Lächeln in mein Gesicht, dass ganze Eisberge zum schmelzen bringen konnte und warf ihm kokett eine Kusshand zu.
Ich packte mir meinen Kumpel und ging aufreizend zum Unterricht. Ich wusste, er starrte mir nach, weshalb ich meinen Hüftgang einsetzte. Und ich spürte auch, dass er mir auf den Arsch schaute.
„Du siehst plötzlich so glücklich aus. Was ist passiert?“
„Ich habe jemanden daran erinnert, was für eine Figur ich habe und wie ich mich bewegen kann.“
Verständnislos schaute er mich an, ließ das Thema aber auf sich ruhen. Er hatte ebenso wie ich gelernt, dass es Dinge gibt, die man einfach nicht wissen will.
5.11.08 22:26


Kapitel 4

„Aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaah!“
Dieser Schrei kam in jedem guten Horrorfilm vor, früher oder später, wenn die Protagonistin mit Körbchengröße D von dem hässlichen Monster verfolgt wurde. Da bekam man ja Komplexe, weil man nicht so einen gigantischen Vorbau hatte. Ich fand das ja nur unpraktisch. Ich meine, die sind doch dann nur im Weg und verursachen Rückenschmerzen. Nein danke, da behielt ich lieber meine perfekte B.
„Du, die ist jetzt schon zweimal an dem Schild „Ausgang“ vorbei gerannt. Die hat die Intelligenz wohl mit dem Löffel gefressen.“
Georg blickte nur gebannt auf die Flimmerkiste. Nicht, dass der Film so spannend wär, allerdings legte er größere Begeisterung an den Tag, wenn eine Frau, nur mit einem dünnen Hemdchen und einem knappen Slip, durch die Gegend rannte. Außerdem aß er mir die ganze Pizza weg!
„Hey, so geht das aber nicht!“, protestierte ich. „Ich hab mir die Pizza redlich verdient.“
„Du hattest schon das Eis, hab dich nicht so.“
„Na und? Du hattest sogar gleich einen Eisbecher!“
Es war faszinierend, wie viel Georg essen konnte. Wo steckte er das nur hin? Er seufzte und überließ mir die kümmerlichen Reste. Es hatte sich jeder gegen mich verschworen. Von dem einen bekam ich nur Wiese und vom anderen gleich gar nichts. Ich wusste nicht, warum mich jeder auf Diät setzen wollte, ich ließ so was aber auch nicht zu. Meine Beine bewegten sich ganz automatisch und führten mich zu einem kühlen Gerät, was so manche leckere Nahrungsmittel enthielt. Zum Beispiel den Pudding! Mit meiner Beute kehrte ich ins Wohnzimmer zurück. Georg holte eine Hülle aus dem Schrank, die Verdächtig nach „Batman Returns“ aussah.
„Nein!“
Bei solchen Sachen musste man schnell reagieren.
„Ich schau mir den nicht an. Nicht noch einmal! Ich wusste davor ja gar nicht, wie schlecht ein Film sein kann.“
„Ach komm, du übertreibst!“
„Das hättest du wohl gern! Da mach ich nicht mit!“
„Nur einmal. Bitte.“ Er setzte seinen besten Hundeblick auf. Den, dem ich nicht widerstehen konnte.“
„Nein, du weißt, wie sehr ich den Film verabscheue. Fast die ganze Zeit bemitleidet er sich selbst wegen seinem ach so traurigem Leben. Ich versteh den Kunden einfach nicht. Außerdem mag ich den Schauspieler nicht.“
„Da hast du es. Du magst den Schauspieler nicht. Deshalb bemühst du dich auch nicht den Film gut zu finden. Ich will dir halt nur zeigen, wie er wirklich ist.“
„Langweilig und Depressiv?“
„Nur am Anfang! Wenn du damals nicht eingeschlafen wärst, hättest du auch das spannende Ende mitbekommen!“
„Da gibt es echt Spannung?“, fragte ich skeptisch nach. Wie weit würde Georg gehen, damit wir uns den noch mal anschauen?
„Ich versteh dich. Was wäre, wenn ich dir versprechen würde, dass ein gutaussehender Typ mitspielt.“
„Damit meinst du aber nicht zufällig Christian Bale?“
„Nein, den nicht. Ich weiß, dass du den nicht attraktiv findest.“
Jetzt steckte ich in einer ziemlichen Misere. Wollte ich es wissen oder nicht? Ich meine, ich wollte schon einen netten Kerl sehen, aber dafür mir den Streifen antun?
„Gib dir einen Ruck!“
„OK, aber die nächste Pizza ist ganz allein für mich!“
„Danke, du bist ein Schatz!“ Wie es sich gehörte, knuddelte er mich bevor er meinen Untergang in den DVD-Player einlegte.

„Es muss so schlimm sein, Angst vor Fledermäusen zu haben.“
Ich wurde ignoriert, wie die letzte Stunde, aber ich konnte meine Kommentare einfach nicht für mich behalten.
„Mein Gott, schau ihn dir an, verschwendet sein Geld und beschwert sich, dass er sich Freunde kauft.“
Dann tauchte ein niedlicher Typ auf. Zwar nicht direkt mein Typ, doch er hatte was.
„Ui, wer ist denn das?“
„Ich wusste, er würde dir gefallen.“
„Nun sag schon.“
„Ich würde dir jegliche Spannung rauben.“
„Es war nie eine da. Sag’s endlich!“
„Das ist der Bösewicht mit dem halluzinogenen Gas.“
„Boah, ich steh auf die Bösen!“
„Luc!“
„Vorhin hast du auch die Tussi angeglotzt!“
„Aber ich habe dir meine Gedanken erspart.“
„Schau ihn dir an! Der ist total verrückt.“
„Ich weiß.“
„Das macht sexy.“
„Ich wusste nicht, dass dein Geschmack so gelitten hat.“
„Mecker nicht, er macht den Film erträglich.“
„Wenigstens was. Und jetzt sei leise.“
Natürlich blieb ich nicht leise. Wie gesagt, bei blöden Filmen kann ich einfach meine Klappe nicht halten. Aber ich blieb bei meinen üblichen Sprüchen. Und das schien ihm zu reichen.

„Was machen wir jetzt?“
Ich schielte auf die Uhr an der Wand.
„Ich fürchte nichts mehr. Andrew holt mich gleich ab.“
Demonstrativ zog er eine Augenbraue hoch.
„Ich glaube, dass wäre dann der kürzeste Abend, den wir je zusammen verbracht haben.“
„Hey! Ich musste mich kooperativ zeigen. Immerhin ließ er mich gehen.“
„Es ist echt komisch, wie du dir seit Neustem dein Leben vorschreiben lässt.“ Und leiser, so, dass ich es fast nicht verstand, fügte er an: „Und wenn ich nicht sehen würde, wie gut dir das tut, würde ich eingreifen.“
Ich gab ihm einen Kuss auf die Wange und holte mir noch was zu trinken. Andrew hatte zwar gesagt, dass er mich halb 12 abholen will, aber vielleicht würde er ja zu spät kommen?
Auf die Sekunde genau, klingte es an der Tür Perodd. Wer mag das nur sein.
„Komm rauf, ich bin noch nicht fertig.“, rief ich durch die Gegensprechanlage, bevor er was sagen konnte.
Drei Sekunden später stand er vor mir.
„Was meinst du mit ‚noch nicht fertig’?“
Ich lächelte ohne mein zutun, merkte es nicht einmal.
„Och, wir sind gerade in der Batman-Phase, willst du nicht mitmachen?“
„Nein danke, ich war erst vor einem halben Jahr auf einem Kindergeburtstag.“
„Manchmal kannst du echt Scheiße sein.“
„Ich will nach Hause, es war ein langer Tag. Nur deinetwegen kann ich nicht auf dem Sofa liegen.“
„Du musst mich nicht abholen.“, erinnerte ich ihn. „Du hast darauf bestanden.“
„Nicht jetzt. Klären wir das bei mir.“
Er sah total fertig aus, das musste ich zugeben. Sollte er hier bleiben, nur weil ich gern meine Zeit mit Georg verbrachte, den ich eh ungelogen jeden Tag sah?
Ich ging zu dem leidenschaftlichen Batmananhänger.
„Sorry, ich werde gehen. Andrew geht es nicht gut.“
Ich gab ich noch fix einen Kuss auf die Wange, zum Abschied und er umarmte mich noch mal.
„Wir sehen uns morgen, ja?“
„Klaro. Tut mir Leid, nächsten Freitag bleib ich länger.“
„Schon gut, so kann ich Felicia anrufen.“
„Alter Schwerenöter.“, grinste ich.
Zurück bei Andy zog ich meine Jacke an und versuchte zur Abwechslung freundlich zu sein.

Es klappte ganze 50 Sekunden. Bis wir im Auto saßen.
„Küsst du ihn immer?“
„Was soll denn diese Frage. Natürlich geb ich ihm ein Küsschen zum Abschied.“
„Warum aber einen Kuss?“
„Warum nicht? Es ist ja nicht so, als ob wir uns rumbeißen würden.“
Also echt! Mich wollte er nicht anfassen, aber ein anderer durfte es auch nicht.
„Dir ist schon klar, dass ich meine Bedürfnisse auf jeden Fall befriedige. Mit oder ohne Zustimmung.“
Sein Gesicht wirkte wie versteinert. Er war doch selbst Schuld. Er könnte doch einfach mit mir schlafen! Langsam wurde ich auch stinkig.
Er sagte keinen Ton, bis wir in seiner Wohnung waren.
„Es ist ja nur ein Kuss.“
Und schon presste er mich mit seinem gesamten Gewicht und seiner ganzen Kraft an die Wand, neben der Tür.
Oh, er war mehr als angepisst.
„Andrew, warte mal. Ich hab das nicht so gemeint. Ehrlich! Es tut mir leid.“
Er raubte weiter, was ich ihm längst gab.
„Hör auf mich zu umklammern, das tut weh. Andy!“
Schnaubend ließ er mich los.
„Hast du mit einem Mann geschlafen, während du hier warst?“, verlangte er fordernd zu wissen.
„Wa – Nein!“
„Hast du irgendjemanden außer mir Avancen gemacht?“
„Andy! Was zum Teufel ist mir dir los?“
„Ich dreh durch in deiner Gegenwart.“
„Danke!“
Er atmete hörbar ein und aus.
„Hattest du nach mir mit jemanden Sex? Jemanden geküsst oder dergleichen?“
Ich verzog mein Gesicht in völligem Unglauben.
„Nein.“
„Gott sei Dank!“
Er drückte mich wieder gegen die Wand, aber diesmal war es anders. Er versuchte nicht mich mit aller Gewalt zu überwältigen. Ich seufzte auf und begann einen feurigen Kuss. Ein Zittern nahm besitz von meinem Körper. Ein Zeichen, wie sehr ich ihn begehrte. Er ließ sich nicht zweimal bitten und schaffte es, mich wieder einmal um den Verstand zu bringen. Sekundenschnell entfachte er einen Brand in mir.
Ich presste jeden Millimeter Luft zwischen uns weg. Umschlang ihn mit meinen Beinen und legte haltsuchend meine Arme um ihn. Langsam, ganz langsam begann ich mein Becken kreisen zu lassen. Er knurrte auf.
Wie ich diesen Laut liebte.
Angespornt fing ich an ihm wahrlich die Kleidung vom Leib zu reißen. Beschwerden würde ich später annehmen.
Seine Muskeln waren himmlisch. Er war so durchtrainiert, wie es ein Mann ohne Steroide werden konnte und ich belohnte seine harte Arbeit, indem ich seine Muskeln leicht massierte, während ich sie erkundete.
Meine Hände wanderten weiter auf seinen Rücken. Strichen auf und ab. Hoch und runter. Ich kratze ihn, hoffentlich nicht zu stark.
Ich weiß nicht wie, aber ich hatte plötzlich nur noch die Hälfte an. Sehr angenehm, auch wenn ein wenig Abkühlung ein Wunschtraum blieb.
Seine Hände massierten meine Brüste durch den BH. Fest, geübt und mein Unterleib bewegte sich daraufhin schneller.
Ich merkte, wie es sehr eng wurde in seiner Hose. Meine Hände wanderten auf den Bereich zu. Kein Zweifel lag in meinen Taten. Ich bekam endlich, was ich mir seit einer Woche wünschte.
Mehr als nur hektisch nestelte ich an seinem Knopf herum, der nicht aufgehen wollte. Andrew bemerkte meine Bemühung und hob mich kurzerhand hoch.
„Tut mir leid, aber ich kann dir nichts mehr zu Essen machen. Ich hoffe, du überlebst auch so die nächsten drei Tage.“
„Ich bin resistent.“, bekam ich nur heraus. Was interessierte mich auch in so einem Moment Essen?
„Couch oder Bett?“
„Was ist näher?“
„Couch.“
„Couch.“
Schnell wurde ich abgeladen und wieder so herrlich geküsst. Ich stand unter Feuer. Bei Gott, ich verglühte!
Es musste endlich zum Äußersten kommen!
„Andy, ich kann nicht mehr!“
„Nur noch ein bisschen!“
„Andy, ich - “ Er küsste mich hungrig und ich stöhnte ungehalten auf, als er sich auf mich legte. Nackt.
Ich war kurz vorm Hyperventilieren!
Als er mit seiner Arbeit fort fuhr setzte jegliches Denken bei mir aus.
Es gab nur noch die heißen Hände, die den Weg nach unten suchten. Die erregnenden Küsse, heiß, feucht, saugend an meiner Haut. Der Körper, der in meinen Rhythmus hineinfand. Mein Verlangen immer weiter schnürte.
Das letzte Kleidungsstück, mein Slip, wurde resolut vom meinem Körper entfernt. Und ich saß nur noch Sterne.

„Hilfe!“, krächzte ich. Meine Kehle war nach dem Abenteuer völlig ausgetrocknet.
„Ich bin noch nicht fertig.“, keuchte er schwer. Und machte Anstalten, von vorn zu beginnen.
„Du wahnsinniger! Lass mich kurz ausruhen!“
Ich musste unbedingt meine Meinung über Andrew revidieren. Er war keine sieben. Er war eine 15!
Inzwischen war schon wieder morgen. Genau genommen ist schon vor einer Weile morgen geworden. Ich hatte noch keine Gelegenheit auf den Wecker zu schauen. Erst musste ich mich wieder bewegen können.
Mit Schwung stand er auf und dehnte sich. Vom Bett aus hatte ich eine herrliche Aussicht. Mir war es nur ein Rätsel, dass er schon stehen und gehen, wie ich gerade entsetzt beobachtete, konnte.
„Willst du auch was zu trinken?“
„Oh ja, bitte! Wasser!“, rief ich, wie ein Mensch, der seit Wochen in der Sahara war.
Er sah aber eigentlich nur sehr zufrieden und sehr glücklich aus.
Nach wenigen Minuten, ich vermutete es zumindest, kam er mit zwei Gläser und einer ganzen Flasche voll H2O wieder.
Ich hätte ihn küssen können. Was ich auch gleich tat.
„Hast du deine Meinung geändert?“
„Nein, ich häng an meinem Leben.“
Er grinste dreckig und selbstzufrieden.
„Ich versuche Mal duschen zu gehen.“
„Alleine?“, fragte er noch mal nach.
„Alleine!“
So schnell es mein Zustand zuließ verschwand ich im Bad. Wenn das so weiterging könnte ich am Montag nicht mehr zur Schule gehen!

Etwas irritierte mich. Ich war gerade am Spiegel vorbei gehumpelt und hatte etwas im Augenwinkel gesehen. Verwundert drehte ich mich und erschrak.
Wenn ich glaubte, dass ich das letzte Mal viele Knutschflecke hatte, so hatte ich mich getäuscht. Es war nur ein Bruchteil von dem, wie viele meinen Körper nun bedeckten. Wie sollte ich denn so rausgehen? Hals, Brust, Bauch, Beine, alle waren voll von seiner enthusiastischen Bemühung, mich zu kennzeichnen.
Warum immer ich?
Entkräftet, ich hatte immerhin keine Sekunde schlafen können, ließ ich mich von dem warmen Wasser umschmeicheln.
Ein Hämmern holte mich zurück in die Realität.
„Lucy? Georg ist da. Er wartet im Wohnzimmer.“
Woher wusste er, dass ich hier war? Ich hatte ihm doch gar nicht die Adresse gegeben?
Notdürftig wusch ich mich ab, zog mir ein paar Sachen drüber und hastete in die Stube.
Was ich da sah, ließ mich das Grauen neu definieren.
Andrew und Georg unterhielten sich über Batman. Besser gesagt, sie debattierten, welcher Superheld der Bessere war. Spiderman oder Batman? Georg war voll und ganz für die Fledermaus, während sich Andrew mehr für die Spinne einsetze. War Spiderman uncool, weil er so dämlich rumkrabbelte?
Ich stimmte auf jeden Fall für den suizidgefährdeten Batman. Der war zwar langweilig, aber der Tag, an dem ich einem Insekt mehr als eine Staubwolke schenke, verursacht durch mein wegrennen, würde nie kommen.
„Hey Georg. Woher weißt du, wo seine Wohnung ist?“
„Oh. Hey. Der Direx rief kurz bei mir durch, er wollte wissen, wie es dir geht. Ich sag dir, der hat einen Aufstand gemacht, weil ihr nicht ans Telefon gegangen seid.“
„Da müssen wir noch beschäftigt gewesen sein. Kaffee?“
„Espresso, einen doppelten.“
„Hat Felicia dich wach gehalten?“
„So in etwa.“, grinste er mich dreckig an.
„Dennoch muss ich dich enttäuschen, ich habe keine Espressomaschine, wir müssen wohl mit dem guten alten Kaffee auskommen.“
„Erst Spiderman-Fan und dann auch noch keine Espressomaschine besitzen!“, maulte er über
Andy.
„Und als nächstes geht die Welt unter. Ich weiß. Komm, du hast doch sicher auch Hunger. Wenn wir Glück haben, dann ist sogar was Essbares im Kühlschrank, was nicht früher für Hasen bestimmt war.“
„Häh?“
„Ich bekomm von Andy nur noch diese vegane Pampe.“
Andy gesellte sich zu uns und schüttelte den Kopf.
„Und das nur, weil ich dir öfter einen Salat mache. Auf deinen Wunsch hin.“
„Aber diese Zeiten sind vorbei!“ Enthusiastisch begab ich mich in Pose. „Von nun an kann ich wieder essen, was ich will. Hotdogs, Erdnussbuttersandwichs und soviel Kuchen ich verdrücken kann.“
Die beiden Männer schauten mich skeptisch an.
„Was hast du mit ihr gemacht?“, beschwerte sich Georg.
„Ich glaube die Diät hat ihr Gehirn aufgeweicht.“
„Warum hast du sie auch auf Diät gesetzt? Sie hat das nun wirklich nicht nötig.“
„Sie wollte es so. Sie hat mir fast einen ganzen Abend lang die Ohren voll geheult, dass sie fett werden würde, wenn sie keinen Sport macht. Da hab ich ihre Ernährung umgestellt.“
„Du machst Sport?“, wendete sich Georg geschockt an mich.
„Nur den, den du heute Nacht mit Felicia gemacht hast.“
„Achso. Sag das doch gleich. Ich dachte schon, du wärst unbemerkt zu einer dieser fitnessbewussten nervenden Leuten geworden.“
„Keine Sorge. Eh ich mich richtig körperlich betätige geht die Welt unter.“
„Du sagst es!“, pflichtete mir Georg bei.
Andy konnte nur den Kopf schütteln. Ich wettete, dass er sich auch nicht für die ganzen Möglichkeiten interessiert, wie man Sport am besten schwänzen konnte, obwohl man zum Unterricht da war. Ich kannte da eine endlose Liste, die ich im Laufe meiner Schulkarriere immer weiter verlängert hatte. Es war wirklich unglaublich, was die Sportlehrer einem alles abkauften. Zum Beispiel hatte ich bei einem die gesamte achte Klasse über meine Tage! Und er hatte es mir geglaubt! Oder ich punktgenau immer zum Seilspringen für gute 15 Minuten auf dem Klo verschwand.
„Tja, du bist hier der Einzige, der sich hier körperlich Ertüchtigt.“
„Das klingt wie ein Vorwurf.“
„Oh. Das klingt nicht nur wie einer. Es ist einer!“, feixte ich.
„Komm erstmal in mein Alter. Dann wirst du ganz automatisch anfangen Sport zu machen. Die Zeit ist halt der effektivste Figurkiller.“
Meine Augen wurden augenblicklich schmal.
„Danke. Ich hasse dich auch.“
„Kinder. Nicht streiten.“, mischte sich Georg ein.
Andrews Augenbraue schnellte zu seinem Haaransatz. Er ersparte sich jedoch jeglichen Kommentar.
Da klingelte es an der Tür. Gab es heute etwas umsonst in Andys Wohnung?
Ich setzte mich in Bewegung und ging so gut ich eben konnte an die Tür. Mal ehrlich, eine Schnecke wäre schneller gewesen.
Auch die Person die an der Tür stand dachte dies, so wie sie sturmklingelte.
„Ja, ja. Ich komme ja schon.“, schrie ich, um dem Lärm zu stoppen.
Ich riss die Tür auf und wer stand davor?
„Onkel Leo.“, begrüßte ich ihn erstaunt.
Klar, er hatte noch gefehlt.
„Lucy! Ich hab mir solche Sorgen macht. Warum bist du nicht ans Telefon gegangen?“
Verdammt! Weil ich ja nicht ahnen konnte, dass er so einen Aufstand macht.
„Da muss ich noch geschlafen habe.“
In Gedanken lachte ich auf. Was war Schlaf?
„Oh.“
Ich seufzte.
„Wir sind gerade dabei zu Frühstücken. Möchtest du uns Gesellschaft leisten?“
„Gern.“
Zusammen gingen wir zurück in die Küche. Meine Augen quollen über, als ich Donuts erblickte. Donuts! Und wenn mich meine Augen nicht täuschten waren sie mit Füllung!
Ich trat näher. Schnupperte in der Luft.
„Oh mein Gott. Schokoladenstreuseldonuts mit Vanillecremfüllung und eins mit Schokoladencremfüllung.“
„Manchmal machst du mir echt Angst.“ Georg blickte mich ungläubig an.
Ich gab zu. Ich war ziemlich versessen auf Gebäck und kannte mich daher auch ein bisschen darin aus. Aber Georg übertrieb wie immer.
Als er sich einen nehmen wollte, schrie ich auf und sprang dazwischen.
„Du bekommst nicht den Einzigen mit der Schokocremefüllung!“
Paralysiert blieb er stehen.
„Luc? Alles klar?“
Ich nahm den Donut und biss ab. Genießerisch stöhnte ich auf.
„Jetzt schon.“
„Ich revidiere meine Meinung. Nicht nur manchmal, du machst mir Angst!“
„Leg dich nie mit einer hungrigen Frau an. Du verlierst.“
„Danke für den Tipp.“ Dann wandte er sich an Andy. Er flüsterte, damit ich es nicht so gut verstehe. „Wenn du sie noch mal auf Diät setzt, werde ich sie in deiner Wohnung einsperren.“
Schmollend drehte ich mich zu Leo um.
„Hast – hast du ihr meine Meinung gesagt?“
„Ja. Ich habe ihr deinen Standpunkt erklärt. Sie hat sich sehr einsichtig gezeigt. Sie … sie wird mir das Sorgerecht übertragen.“
Es war wie ein Schlag ins Gesicht. Komisch war nur, dass es trotz allem befreiend war. Jahrelang wollte ich ihre Aufmerksamkeit haben. Ihre Liebe. Als Kind gab es für mich nichts Wichtigeres. Irgendwann wurde ich das Warten leid. Ich gab vor, dass sie mir egal geworden wären. Natürlich war es nicht so. Jeden Tag schaute ich in den Briefkasten, in dem nie ein Brief von ihnen war. Hörte den Anrufbeantworter ab, auf den keine Nachrichten waren. Und mit der Zeit wurde es leichter. Doch irgendwie hatte ich nie aufgehört zu warten. Doch nun war es vorbei. Endgültig. Für immer.
Es tat gut. Es war, als wäre ein riesiger Stein von meiner Brust gefallen. Mir tat das so unglaublich gut. Ich brauchte sie eh nicht. Sie waren nie da gewesen. Aber Georg. Andy, Ian und Leo seit Neustem. Sie sorgten sich ernsthaft um mich. Unbewusst fing ich an zu lächeln.
„Wie ich sehe hast du nichts dagegen.“
„Nein, das ist mir sogar lieber.“
Stürmisch umarmte mich mein Onkel.
„Onkel Leo. Äh, was wird das?“
„Ich muss doch meine Tochter zur Begrüßung knuddeln.“
Wenn er das jetzt jedes Mal machte, muss ich die Schule wechseln. Ein Knurren ließ ihn innehalten.
„Auch wenn Sie ihr Vater sind, müssen Sie sie nicht stundenlang umklammern.“
Er achtete aber gar nicht darauf.
„Onkel Leo? Äh, es ist toll, dass du dich so freust. Doch wenn Georg alle Donuts aufgegessen hat, werde ich leider ungemütlich.“
Prompt hörte er auf und ich schnappte mir den letzten Vanilledonut.
Ich konnte ihn jedoch nicht genießen, da sich besitzergreifend zwei Arme um mich schlangen.
„Was hältst du davon, wenn wir heute Abend schick essen gehen? Ganz allein? Ohne den üblichen Anhang?“
„Ich würde dir dementsprechend meine Dankbarkeit zeigen.“
Ein lüsternes Grinsen schlich sich auf seine Lippen.
„Ganz genau.“, versprach ich ihm.

„Lucy! Ich könnte auch mit dir Essen gehen!“, verkündete Onkel Leo.
„Das ist echt lieb. Aber heute möchte ich mit Andrew allein sein.“
„Wollen wir nicht erstmal Frühstücken. Wenn ich noch eine Minute auf meinen Kaffee warten muss, mach ich Luc Konkurrenz.“
Da hatte er allerdings Recht. Wir standen zwar in der Küche rum, doch bis jetzt haben wir keine Anstalten gemacht, zu frühstücken. Die Donuts zählten nicht. Wo kamen die eigentlich her? Ich äußerte den Gedanken laut. Wer weiß, vielleicht gab es da, wo sie herkamen, noch mehr?
„Ich war beim Bäcker, bevor ich herkam.“, klärte Georg das Geheimnis.
„Du bist so ein Schatz.“
Als Dank gab ich ihm einen Kuss auf die Wange.
Andy, der Kaffee aufgesetzt hatte, schaute mich mahnend an. Ich erwiderte mit einem Zwinkern.

„Setzt euch endlich, damit wir anfangen können.“
Das ließ ich mir nicht zweimal sagen.
5.11.08 22:28


Epilog

Nachdem letzte Woche Anstandsweise Sport ausgefallen war, hatte ich heute nicht so viel Glück. Seit geschlagenen fünf Minuten stand ich in der Umkleidekabine und scheute mich davor, mich umzuziehen. So wie ich aussah, wäre mir das mehr als unangenehm.
„Was ist los, Lucy? Hast du etwa wieder zu viele „blaue Flecke“? Deinen Liebhaber möchte ich haben.“, giftete mich Dora an.
Sie war eine Ex von Georg und hat die Trennung nicht verkraftet, weshalb sie ihren Unmut an mir ausließ.
„Hattest du doch schon.“, gab ich beiläufig von mir.
Sie wurde puderrot und verschwand lautstark in die Turnhalle. Ab und zu war sie richtig spaßig.
„Hast du wirklich was mit Georg?“, fragte mich eine Kleine, die wie Dora in der Parallelklasse war.
„Nein.“, winkte ich lachend ab. „Sie regt sich nur immer so schön auf.“
„Gott sei Dank.“, strahlte sie mich an. Da war wohl jemand verliebt. Kurz musterte ich sie. Auf den ersten Blick war sie normal. Sie trug auch keine Lederunterwäsche oder dergleichen. Das wäre jemandem aufgefallen.
„Er hat auch keine Freundin.“, gab bereitwillig preis.
Ihre Augen begannen zu funkeln wie zwei Sterne. Oh, sie würde ihm gefallen.
„Wirklich?“
„Ganz ehrlich.“

Nachdem alle draußen waren, zog ich mich schnell um. Ich schob meine Stauballergie vor, als der Lehrer mich fragte, warum ich so lange gebraucht habe.
„Heute spielen wir auf Wunsch eines Schülers die gesamte Stunde Volleyball.“
Mein Gesicht verzog sich vor Qual. Ich brauchte schon gar nicht mehr auf das Feld, um die Schmerzen zu spüren. Schnell schaute ich mich nach irgendetwas um, um mich gezielt Spielunfähig zu machen.
Vergebens.
Musste ich wohl auf das übliche zurückgreifen.
„Mister Hain. Entschuldigen Sie. Ich habe mir gestern unglücklich den Fuß verstaucht. Könnte ich heute aussetzen?“
Er blickte mich kurz an, wandte seine Aufmerksamkeit aber sofort wieder den anderen Schülern zu.
„Ja, setz dich auf die Bank.“
Ich war so froh, dass er nicht so ein übereifriger Lehrer war.
Von meinem Platz aus winkte ich Georg zu. Er erwiderte die Geste und ich machte Handzeichen auf die Kleine plus Herz. Danach war er nicht mehr ansprechbar. Zumindest für jeden außer ihr. Hatte ich also richtig gelegen.

„Lucyyyyyyyy!“
Mein Onkel – Vater rannte auf mich zu. Ich brauchte noch meine Zeit, mich daran zu gewöhnen.
Schneller, als ich gucken konnte, wurde ich auch schon kräftig umarmt.
„Leo, ich bekomm keine Luft.“
„Oh, ’tschuldige.“
Er stellt mich wieder auf meine Füße.
„Ich wollte dir eigentlich nur sagen, dass Andrew da ist. Die Lehrer beschweren sich immer, wenn er stundenlang den Besten Parkplatz belegt.“
„Der taucht immer zu früh auf! Als würde ich wegrennen wollen!“
„Er passt nur auf dich auf.“
„Und zwar viel zu besessen.“
Ich verabschiedete mich und bewegte mich auf den Ausgang zu.
Eigentlich mochte ich es, wie er immer mich abholte. Aber ich musste es ja nicht breittreten.

„Hey.“, begrüßte er mich.
Er legte seine Arme um mich und zog mich an sich, damit er sich seinen Begrüßungskuss abholen konnte. Er hegte vielleicht die Ansicht, dass ich ihm den Kuss nicht freiwillig gab. Wer weiß.
„Hey.“
„Konntest du Georg etwa abschütteln?“
„Er hat da jemanden kennen gelernt. Ich denke, heute kommt er nicht mit zu uns.“
Ganz und gar unsittlich schaute er mich an. Meine Kleidung musste plötzlich durchsichtig sein.
„Ich habe da auch schon eine Idee, wie wir diese Gelegenheit ausnutzen?“
„Wir schlafen zu Abwechslung einmal?“
Seit dem Tag, wo wir wieder miteinander Sex haben, hatte ich nie mehr als ein Paar Stunden geschlafen.
„Das können wir auch noch am Wochenende.“
„Schön wär’s. Da kommen doch schon immer Georg und Ian vorbei. Wie jeden anderen Tag.“
„Du kannst einen anderen Tag schlafen. Ich verspreche es.“
Ich war einfach zu weich.
„Wehe es lohnt sich nicht.“
Ich wusste, dass es sich lohnen würde. Ich wusste nicht, wie er es machte, dennoch wurde er von Mal zu Mal besser im Bett.
Richtig Gruselig.
„Glaub mir, du wirst keinen Grund zur Beschwerde haben.“
Das war alles, was ich hören wollte und wir stiegen ein.
Selbst, wenn ich nie wieder schlafen könnte, ich würde mich nicht beschweren. Eher andersherum.
5.11.08 22:29


Leiden eines Lehrers

Ich wusste nicht, weshalb ich das verdient hatte, aber seit Wochen verfolgte mich schon wieder so eine frühreife Schülerin und raubte mir den letzten Nerv. Ich hatte schon Lucy auf sie angesetzt, allerdings fragte das Dummchen nur, ob Lucy ihrem Freund fremdging und dieses Gerücht konnte sie bei ihrem, meiner Meinung nach krankhaft eifersüchtigen, Freund nicht in Umlauf geraten lassen. Wenigstens gefiel es ihr. Auch wenn er sogar auf ihren Onkel, nun Vater, haargenau aufpasste. Ich vermutete jedoch, dass der Direktor schwul war. Man musste ihm allerdings zugute halten, dass ich jeden Kerl, der von sich behauptete, mit seinem Beruf verheiratet zu sein, für schwul hielt.
Da war nur noch das Dummchen, welches mich jeden Tag verliebt anschaute, mir helfen wollte, und mir jeden verfickten Tag ihre Liebe gestand.
Es war zum Kotzen!
Aber als Lehrer musste man ja immer nett und freundlich sein. Selbst zu den dümmsten Exemplaren der Gattung Mensch.
Oh Gott, da kam sie schon wieder auf mich zugerannt. Warum hatte ich mir eigentlich diesen Beruf ausgesucht? Es gab bestimmt noch andere Sachen, die man einfach so aus dem FF machen konnte. Wie Müllmann, da musste man nicht Mal denken. Man musste nur seinen Geruchssinn töten und bei den Mengen an Parfüm, was die holde Weiblichkeit hier trug, würde das nicht mehr lange dauern.
Mister Tegg, Mister Tegg, ich habe da etwas
„was sie brennend interessieren wird.“
Ach Kleine, mich würde ALLES interessieren, wenn du in die entgegengesetzte Richtung verschwindest.
„Was gibt es denn?“
Hatte denn keiner erbarmen mit mir?

Ich ertrank meine aufgestaute Wut. Ich war in meiner Lieblingsbar. Auch wenn ich höchstens einmal in der Woche etwas Alkoholisches trank. Ein Zuckerschock war genauso gut.
„Noch eine Cola mit extra Zucker.“
Und da es meine Lieblingsbar war und ich zudem Stammkunde war, wurde ich schon lange nicht mehr komisch angesehen. War auch besser so, für die anderen. Auch wenn ich mich in der Schule noch so zusammenriss, danach machte ich es nicht mehr.
Allerdings sollte ich heute Glück haben. Ein Neuer war an der Theke und grinste mich schon herablassend an.
„Ey Kumpel. Was haste grade bestellt? ’ne Cola? Mit extra Zucker? Geh zurück in den Kingergarten, wenn du nicht weißt, wie man eine Bar richtig nutzt.“
Oh Gott, wie lange war es her, dass ich dumm angemacht worden war? Freude breitete sich in mir aus.
Ich stand auf.
„Hey Ian. Lass es gut sein.“, versuchte mich Charlie, der Barkeeper, aufzuhalten. Blöd nur, dass ich noch nie darauf gehört hab.
Ohne Vorwarnung schlug ich zu.
„Dein eckelerregender Gestank füllt fast den ganzen Raum aus. Hast du schon Mal daran gedacht, dass manche an ihrem verfickten Leben hängen und an ihren beschissen Beruf und sich deshalb nicht jeden Abend die Kante geben? Verschissener Alki!“
Während meiner Rede ist er wieder auf die Beine gekommen. Ich fegte ihn mit einem gezielte Schlag auf die Nase von seinen Füßen. Ein lautes Knacken verriet mit, dass diese jetzt gebrochen war.
„Ich würde an deiner Stelle sehen, dass ich hier raus komme. In ein Krankenhaus.“
Das brauchte ich ihm nicht zweimal sagen. Er stürmte aus der Bar und ich wettete, er würde so schnell nicht wieder kommen.
„Ehrlich, wenn du nicht mein Freund wärst, würde ich dir wegen der ständigen Prügeleien Hausverbot erteilen.“
„Aber da wir seit dem Gymi miteinander befreundet sind, wirst du das nicht machen.“, grinste ich ihn an.
„Sag ich ja. Hier, deine Cola.“
Er stellte sie vor mir ab und ich genoss das süße Getränk. Ein wohliges Mittel, welches die alltäglichen Sorgen von meinen Schultern holte.

„Mister Tegg. Guten Morgen. Sie sehen etwas müde aus. Konnten sie nicht schlafen?“
Ich wüsste nicht, was dich das anging, aber ich habe lediglich die ganze Nacht an der Playstation gezockt.
„Guten Morgen. Es ist ja auch noch früh am Morgen. Nach einem Kaffee wird es mir schon besser gehen.“
„Ich könnte Ihnen einen besorgen.“
Du könntest auch einfach von der Schule verschwinden.
„Nicht nötig. Die Zeit ist viel zu knapp.“
„Auch wieder wahr. Na dann, bis später.“
Solche Sätze verursachen mir Albträume.

Es war gerade Mittagspause geworden und ich hatte meinen dritten Kaffee in der Hand, als ich sie sah. Sie kam nicht freudenstrahlend auf mich zugerannt. Wie auch? Sie war wie eine Sünderin in einem Halbkreis von Schülern gefangen. Mobbing?
Ich bewegte mich auf sie zu. Ihr Gesicht war gesenkt. Was war da los?
Plötzlich hob sie den Kopf. Als ich ihre Tränen sah, machte es in mir ‚Klick!’.
„Ihr beknackten kleinen Scheißer! Was macht ihr da?“
Die Schüler schreckten auf. Verstört durch meine Wortwahl blieben sie an Ort und Stelle.
„Mister Tegg?“
Das Dummchen schaute mich überrascht aus großen wässrigen Augen an.
„Ja. Ich bin’s.“ Ich wandte mich wieder an die Schüler. „Wenn ihr sie noch mal belästigen solltet, werde ich dafür sorgen, dass ihr bei jedem Geräusch panisch aufschreien werdet. Dass ihr selbst am Tag keine Ruhe mehr finden werdet. Und euch Krankenhausreif schlagen, auf dass ihr jahrelang in Reha seid. Ist das klar?“
Verschüchtert nickten die Scheißer.
„Allein der Versuch - der Gedanke zählt. Ich werde es mitbekommen und ich werde euch finden. Und jetzt haut ab, bevor ich euch jetzt vorknüpfe!“
„Mister Tegg?“
„Ja, ich bin doch da.“
„Ähm, ich weine nicht.“
„Hä?“
„Ich regiere allergisch auf die Pollen hier und habe heute Morgen die Tabletten vergessen.“
„Scheiße! Sag, dass das nicht wahr ist.“
Ich hockte mich hin. Holy shit! Das musste verdaut werden. Hatte ich gerade grundlos Schülern gedroht? Fuck, ja!
„Es ist wirklich so.“
„Und warum dann dieser beknackte Mobbingkreis?“
Verschämt schaute sie weg. Hatten die Kiddies sie also doch gehänselt, wenn auch wegen etwas anderem, als ich gedacht hatte.
„Mister Tegg -“
„Verflucht! Ich heiße Ian.“
„Ian… bedeutet dies, dass sie mich ebenfalls lieben?“
„Behaupte nicht einfach sowas Folgeschweres!“
„Also nicht!“, murmelte sie enttäuscht.
Ich stand wieder auf.
„Du bist mir aber auch nicht egal.“
Leicht wuschelte ich durch ihre Haare. Sie lief puderrot an. Wie süß!
„Ich bräuchte Hilfe.“, erzählte ich beiläufig. „Ich möchte die Bücher wieder in die Bibliothek einsortieren.“
„Ich würde Ihnen gern helfen!“, bot sie auch schon an.
„Es wird wahrscheinlich eine ganze Weile dauern und wir werden es auch nicht in ein paar Tagen schaffen.“
„Das ist kein Problem.“
„Komm einfach, wenn du Lust hast.“, raunte ich ihr zweideutig zu. Aber sie verstand es nicht. Sie nickte einfach strahlend.
„Bestimmt.“, versprach sie.
Und aus genau diesem Grund wollte ich nie etwas mit einer Jüngeren anfangen. Eh sie verstehen würde, was ein Mann für Bedürfnisse hat, würde ich entweder durchgedreht sein oder ein mönchgleiches Leben führen.
Ich hoffte für sie, dass Charlie nie die Cola ausging.
5.11.08 22:31





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